07
Feb

Rückmeldung

Osnabrücker Hauptbahnhof, letzten Sommer:
Ich rannte auf den Haupteingang des Bahnhofs zu — nur noch eine Minute bis mein Zug abfährt! Ich war am Haupteingang aufgrund der elektrischen Türen und der anderen Menschen gezwungen kurz stehen zu bleiben. In dem Moment wandte sich ein Typ an mich und bat mich um etwas Kleingeld. “Ich hab grad echt keine Zeit — mein Zug fährt sofort” sagte ich hektisch, rannte zum Gleis und sah meinem Zug beim Wegfahren zu.
Dumme Sache. Da ich eine Stunde Zeit hatte bis der nächste Zug abfahren würde, entschloss ich wieder in die Innenstadt zu gehen. Auf dem Weg dorthin kam ich wieder am Eingang vorbei also auch an dem Typ. Ich sagte ihm “So… jetzt habe ich Zeit. ” und gab ihm etwas Kleingeld.

Alles völlig legitim. Nur dummerweise bedeutet “ich hab grad echt keine Zeit” im Allgemeinen fast nie “ich hab grad echt keine Zeit”.
Der korrekte Gebrauch wäre die Verkündung der Feststellung, dass Aktion A vor dem Ausführen oder Geschehen von Aktion B offensichtlich nicht mehr durchgeführt werden kann. Wie in “Mein Flug geht in 10 Minuten. Ich hab keine Zeit mehr, um nochmal nach Hause zu fahren und mich zu duschen.”.
Kritischer wird es bei Aussagen wie “Ich hab heute Abend keine Zeit, um ihn anzurufen — ich muss morgen früh raus.”
Wann immer die Phrase so gebraucht wird, denke ich mir “Eigentlich wollte die Person sagen ‘Heute Abend werde ich ihn nicht mehr anrufen, es gibt andere Sachen wie meinen Schlaf, die ich dringender brauche’.”
Denn in solchen Aussagen ist es keine Frage der Möglichkeit (ab einer gewissen Geschwindigkeit kann man innerhalb von 10 Minuten vom Flughafen nach Hause fahren, sich duschen und pünktlich wieder zurückkommen), sondern des Willens (man wägt ab, ob man lieber ein wenig mit wem plaudert oder man lieber für die morgige Vorlesung ausgeschlafen ist).
Natürlich klingt meine Umformulierung egoistischer. Man sagt lieber “Ich hab keine Zeit” als “Ich mach lieber andere Sachen”.
Ich selber versuche diese Phrase zu vermeiden, bin aber auch nicht böse, wenn sie jemand verwendet.

Nun ist es leider so, dass in meinem Cognitive-Science-Umfeld (CSU) sehr häufig mit “Ich hab keine Zeit” um sich geworfen wird. Ich kann mich an kein einziges Mal erinnern, wo “Ich hab keine Zeit” eine Aussage der fehlenden Möglichkeit beschrieb.
Aber wie gesagt — ich bin nicht böse, akzeptiere es oder toleriere es zumindest.
Dummerweise reduziert das häufige Gebrauchen dieser Phrase anscheinend die Hemmschwelle, die zum Veräußern der Phrase überwunden werden muss.
Es gibt nämlich noch eine Bedeutungsmöglichkeit — eine Erweiterung der Ich-will-nicht-Möglichkeit, die nur dazu dient zu demonstrieren für wie wichtig man sich eigentlich hält.
Häufig wird in meinem CSU “Ich hab grad echt keine Zeit” in diesem Zusammenhang verwendet. Es sind inhaltlose Aussagen, vollkommen irrelevant und in erster Linie blöd.
Aber auch das wird von mir zähneknirschend hingenommen und gibt mir Gelegenheit an dem Versuch akustische Sinneswahrnehmungen bewusst nicht wahrzunehmen zu feilen.

Folgende Erkenntnis kam mir allerdings vergangenen Montag in der Mensa:
Wenn ein Mensch “Ich hab grad echt keine Zeit” in absurdester Weise nur dazu verwendet, um sich selbst aufzubauschen und sich über-wichtig zu machen, kann ich diesen Menschen nicht länger ernst nehmen.
Meine Kommolitone aus dem CSU setzte sich zu mir. Wir wünschten uns einen guten Appetit. Er saß mir gegnüber, schaute kurz auf sein Essen, dann auf mich, dann aus dem Fenster und wieder auf mich und schnitt mit einem schwerem Seufzer ein Thema an: “Haach, noch 11 Tage.”
Ich versuchte nachzudenken, was in 11 Tagen sein könnte. Die letzte Klausur? Ferien? Als ich mich schließlich selbst fragte “der wievielte ist heute eigentlich heute?”, gab ich auf und fragte — auch wenn ich es hasse auf diese indirekten Anspieler zu reagieren — “Was ist in 11 Tagen?” Er baute eine dramaturgische Pause ein, in der er die Hand mit der Gabel geschickt auf dem Tisch platzierte und sagte endlich: “Da ist die Rückmeldefrist zu Ende.”

Kurze Erklärung:
Am Ende eines Semesters muss man sich bei der Uni rückmelden, wenn man weiterstudieren möchte. Dies tut man witzigerweise durch das Überweisen von gut 650€ auf das Konto der Uni.

Okay… warum beunruhigt ihn das Ende der Rückmeldefrist?
“Und? Das zahlen doch eh deine Eltern, oder? Ich meine… du arbeitest doch nicht also woher sollst du es sonst nehmen?”
“Nein, nein… das bezahl schon ich.”
“Dann hast du nicht genug Geld?”
“Doch, doch, das auch. Ich muss es nur *dramaturgische Pause* überweisen.”
“Mhm. Und?”
“Dazu fehlt mir grade echt die Zeit!”

o_O
Okay, dachte ich mir, okay der verarscht dich. Allerdings verarscht er andere so selten wie ich darüber nachdenke wie man mit Tütenaufblasen Erdbeben verhindern kann.
“Du hast -WAS? Meinst du das ernst?”
“Wieso?!”, fragte er und schaute mich verdutzt an, “Ich hab einfach so viel zu tun, also hab ich einfach keine -blablabla”

Ich räume der Möglichkeit, dass meine Kommolitone für die nächsten elf Tage einen minutengenauen Zeitplan entwickelt hat, der es ihm nicht erlaubt eine zweiminütige wilde Überweisungssession zu veranstalten, eine geringe Wahrscheinlichkeit ein.
Viel mehr habe ich keine Lust mehr ihn ernst zu nehmen, was durch das obige “blablabla” zart angedeutet wird.

18
Dez

Wer suchet, der findet … mich!

wordpress.com — die liebenswerte Homepage, die mein Blog hostet — hat die liebenswerte Eigenschaft Blog-Statistiken anzuzeigen.
So kann ich in etwa sehen an welchen Tagen wie viele Menschen mein Blog besucht haben oder das Folgen welcher Links Menschen zu meinem Blog führte.

Die witzigste Eigenschaft der Blog-Statistik verbirgt sich unter dem Punkt “Suchbegriffe”.
Immer mal wieder hab ich mir die Auflistungen der Suchbegriffe, die Menschen in Suchmaschinen eintippten und anschließend auf meinem Blog landeten, angeschaut und habe die kuriosesten gesammelt.

Da wäre zum Beispiel der Eintrag über das Rosenstolz Konzert im Juni diesen Jahres. Verdammt viele Rosenstolz Fans suchten nach dem Song “Ich hab noch immer blaue Flecken”, hofften auf meinem Blog etwas zu finden und landeten auf dem gleichnamigen Eintrag. Fast genauso viele Leute erhofften sich hier Informationen über ihre Hämatome zu finden.
Die Liste Suchbegriffe beinhaltete Einträge wie “warum bekommen wir blaue flecken”, “blaue flecken immer mehr”, “flecken am menschen kopf links” und (erschreckend häufig) “blaue flecken gehen nicht mehr weg”.
Ich wünsche allen Betroffenen eine gute Besserung :)

Es gab auch auf Cognitive Science bezogene Suchbegriffe. So zum Beispiel “cogsci weihnachtsfeier osnabrück”, “mr. evert” (ein Linguistik Professor) und — mein persönlicher Liebling (eignet sich gut für einen Blog Titel) — “Achtung künstliche Intelligenz”.
Porno darf auch nicht fehlen: “geile frauen+mulatten”, “Porno auf der Bühne”, “auf welchen Sendern kommt Porno in der n” und “geile blaue augen”.

Einige Sachen waren so gar nicht auf mein Blog gezogen und ich wunderte mich wie viele Einträge man in Suchmaschinen durchsehen muss, bevor mein Blog aufgelistet wird.
So bekamen Menschen mein Blog zu Gesicht, wo sie doch eigentlich nach “welche astrosendung gibt es”, “wie gewinne ich flitterwochen” oder “ICH MUSS UNENDLICHKEIT GEHEN” suchten.
Vor allem dem Menschen, der nach dem Suchen von “computerkiste leipzig” hier landete, möchte ich für den putzigen Suchbegriff danken. Das Blog ist auf www.google.de an dritter Stelle unter diesem Suchbegriff gelistet. Hier übrigens kommt der Begriff “Computerkiste” aus dem NeunLive-Eintrag und “Leipzig” wieder aus dem Rosenstolzkonzert-Eintrag.
Der Suchbegriff ist so putzig, dass ich drauf und dran bin mir diese Bezeichnung für mein Notebook anzugewöhnen. Allerdings verliert diese Vorstellung gerade sehr schnell an Reiz.

Wieder andere Suchbegriffe haben ihr Ziel gefunden, dieses Blog. Für “Text ohne e” ist ein wunderhübsches Beispiel gegeben. Einen Auszug aus dem Gedicht über den Westwind, habe ich aus “Die Mitte der Welt” zitiert, wodurch auch die Suche nach “erhebe mich wie eine Welle” Erfolg gehabt haben sollte. Die Suche nach “KOST JA NIX” — vor allem in Großbuchstaben — hat mich zwar etwas erschreckt, bezieht sich jedoch direkt auf einen weiteren Eintrag. “Tobias Grage” und “zephir wikipedia” (ZephYr!) landeten ebenfalls hier.

Liebe nicht-Leser, die ihr nur auf fehlgeschlagenen Suchen hin hier gelandet seid:
Lest trotzdem hier herum und sucht gefälligst vernünftig!
Eine Suchmaschine wird selten eine Frage wie “warum bekommen wir blaue flecken” beantworten. Wenn man einige Worte drumherum weglässt und dann noch das Wort der Begierde im Singular mit dem Befehl “define: ” davor unter www.google.de eintippt, sucht Google die gewünschte Antwort auf die Frage.
Zweiter Tipp: Gänsefüsschen! Nutzt Anführungszeichen, um nach mehreren Wörtern oder ganzen Sätzen in der von euch vorgegebenen Reihenfolge zu suchen. Das dieses Blog unter “jemand der nachdenkt” gefunden wurde, ehrt mich zwar, doch selbst nach dem Durchsehen von 50 Seiten mit Suchtreffern habe ich mein Blog noch nicht entdeckt. Ich muss irgendwo anders unter den 240.000 Treffern gelistet sein. Setzt man den Suchstring in Anführungszeichen erhält man unter Google nur noch 362 Treffer.
Google selbst bietet eine Reihe von Suchtipps und verfügt über eine Such-F.A.Q. — einfach mal reinschauen :)

Zum Abschluß noch zwei weihnachtliche Suchbegriffe, die mein Blog erreicht haben:
Sollte der- oder diejenige, der/die nach “angepisste geschichte weihnachtsfeier” gesucht hat noch einmal hierhin finden:
Ein anderer Mensch suchte nach “weihnachtsmann nordpol schamanen”. Wenn ich das lese, kommen mir direkt eine Menge Assoziationen, die sich um nervige Schamanen und einen angepissten Weihnachtsmann drehen.

08
Dez

Kunst

“Was ist Kunst?”
Diese Frage beschäftigt mich hintergründig, seitdem ich eine Kategorie mit dem Namen “Kunst” eingeführt habe. Die Kategorie entstand, als ich über das Buch “Das Wunschspiel” schreiben wollte und nicht extra eine neue Katogorie “Literatur” erstellen wollte, sondern die bestehende Kategorie “Musik”, sowie die prinzipiell notwendige Kategorie “Literatur” zu der Kategorie “Kunst” zusammengefasst habe.
Zur Beantwortung dieser Frage habe ich im Übrigen keine fremden Quellen angezapft. Ich wollte das meine Antwort auf diese Frage auch wirklich meine Antwort ist.

Das erste was mir in den Sinn kam, war eine Formulierung a lá “Kunst, dass ist Malerei, Bildhauerei, Musik, Schauspiel, Epik, Drama und Lyrik”. Aber was nützt ein mühseliges Aufzählen aller Unterkategorien? Bedenkt man allein, dass es eines Tages eine neue Unterkatogorie geben könnte. Videospiele sind zum Beispiel eine Kunstform, an die man vor hundert Jahren noch nicht gedacht hat.
Da kommt auch gleich schon ein weiteres Problem auf den heiteren Definierer zu:
Individualität.
Nicht jeder wird Videospiele als Kunst ansehen wollen — so etwas sollte in einer Definition berücksichtigt werden.
Die Aufzählstrategie birgt ein weiteres großes Problem: nicht alle Dinge, die man sich unter einer Unterkategorie vorstellen kann, sind Kunst.
Alle Menschen, die Lieder wie “Finger im Po, Mexiko” oder “Das Rote Pferd” als Kunst ansehen, dürfen sich gerne dazu äußern und mich über meinen Denkfehler aufklären.

Mein zweiter Versuch bestand in “Kunstobjekte sind Dinge, die Gefühle und Assoziationen in Menschen erzeugen können.”
Wichtig ist hier die Funktion der Kunstobjekte als gefühl- und assoziationerzeugende Objekte. Ebenso wichtig ist der Verweis Objekte. All das, was wir Kunst nennen, ist unbelebt.
Das ist die faszinierende Eigenschaft von Kunst: Kunstobjekte sind jene unbelebten Objekte für die wir, nach lebendigen Wesen, am meisten Gefühle entwickeln können.
So wichtig der Verweis auf Objekte auf sein mag, der Begriff des Objekts ist völlig unklar. Als Objekt muss in diesem Kontext auch ein bestimmtes Schallmuster (Musik), manchmal auch in Kombination mit bestimmten visuellen Mustern (Film, Theater, Oper, etc.) gelten.

Dieser Ansatz ist aber ziemlich ungeeignet. Es gibt viele unbelebte Objekte, die in der Lage sind dieses Erzeugen zu leisten und dabei nicht als Kunst verstanden werden. Zum Beispiel können Waffen oder Geld insbesondere im Kontext spezieller Tätigkeiten starke Gefühle und Assoziationen auslösen.

Der Unterschied zwischen solchen Objekten und Kunstobjekten ist, dass Kunst mit der alleinigen Absicht geschaffen wird Gefühle und Assoziationen auszulösen, wenn man von möglichen egoistischen Motiven wie “Lebensunterhalt verdienen” oder “Anerkennung erlangen” einmal absieht.

“Als >Kunst< werden all jene Objekte bezeichnet, die einen Teil der Gedankenwelt eines oder mehrerer Agenten darstellen (egal ob gewollt oder nicht) und von diesen Agenten primär dazu konzipiert wurden in Agenten Gefühle und Assoziationen hervorzurufen, unter der Voraussetzung, dass jene Agenten das Objekt adäquat erfassen.”
Die Bedeutung von >erfassen< variiert hier je nach Art des Kunstobjekts. Ein Bild etwa, das als Kunstobjekt verstanden wird, wird zum Erfassen intensiv betrachtet. Bei einem Buch hingegen reicht das nicht aus, es muss gelesen werden, wenn man es erfassen möchte.
Es spielt keine Rolle, ob die Gefühle und Assoziationen, die in den Erfassern hervorgerufen werden, sich mit denen der Erschaffer gleichen; allein schon, da die Erschaffer nicht zwingend ihre eigenen, gegenwärtigen Gefühle und Assoziationen in ihr Werk mit einfließen lassen müssen. Der eigentliche Grund für die Irrelevanz dieses Verhältnisses ist die Individualität. Es steht außerhalb der Macht der Erschaffenden zu bestimmen welche Reaktionen Kunst hervorruft.
“Mensch” wurde im Übrigen durch “Agent” ersetzt, was nicht anders heißen soll als “bewusstes Wesen” — vor allem als Cognitive Science Student darf man nicht annehmen, dass wir Menschen für alle Zeit die einzigen Lebewesen bleiben, die Kunst erzeugen. Unabhängig davon, ob man Tiere als Agenten ansehen könnte, möchte ich sie aus der Menge der kunsterzeugenden Wesen ausschließen.
Was nach dieser Definition nicht als Kunst verstanden wird, sind Sachen wie Mode oder Autos, die manch ein Designer oder Endverbraucher vielleicht als Kunst ansehen würde. Solche Dinge würde ich allenfalls als ästhetisch bezeichnen.
Aber was ist mit Videospielen? Ich halte einige Spiele für Kunst.
Steht und fällt die Frage, ob etwas Kunst ist oder nicht, wirklich daran, ob die Erschaffer sagen: “Natürlich ist das Kunst!” oder “Das ist keine Kunst, das dient nur zur Fortbewegung/ der Unterhaltung, usw”? Man kann es nur klar lösen, wenn man den Begriff der Kunst der Allgemeingültigkeit vollkommen entreißt — Kunst ist individuell!
Geschmäcker sind verschieden, natürlich — das wissen wir alle. Dies wird umso wichtiger bei der Einteilung was Kunst ist und was nicht. So behaupte ich, dass Videospiele wie “Counter Strike” oder “Mario Kart” keine Kunst sind, “Morrowind” oder “Fahrenheit” hingegen schon.
Die Frage “Glaube ich, dass dies und jenes Kunst ist?” ist gleichbedeutend mit der Frage “Hat dies und jenes für mich die vordergründige Funktion Gefühle und Assoziationen zu wecken?”
So dürfen auch Menschen, die Oldtimer sammeln oder die riesige Fans von Modedesignern sind, ihre Objekte der Begierde >Kunst< nennen. Ja, man glaubt es kaum: vielleicht gibt es sogar jemanden, der “Finger im Po, Mexiko” >Kunst< nennt. Es ist theoretisch möglich, trotzdem behaupte ich, dass so ein Jemand nicht existiert.
Es ist also doch nicht besonders wichtig, welche Funktion der Erschaffer dem Objekt zuweist.

Ich finde die Definition (mit anschließender Überlegung) ziemlich gut und passend, aber trotzdem stört mich etwas: sie ist bar jeder Romantik! Also schließe ich ab mit einer tiefgründig-romantischen Definition:

“Kunst ist unbelebtes Gefühl und Assoziation.”

02
Dez

“Die Mitte der Welt”

Ich habe vor kurzem zum zweiten Mal mein selbsterklärtes (!) Lieblingsbuch-bis-jetzt “Die Mitte der Welt” von Andreas Steinhöfel zu Ende gelesen. Es ist an der Zeit, entschied ich, anderen dieses wunderbare Buch zu empfehlen.

Wie bereits im Wunschspiel-Eintrag erwähnt mag ich es am liebsten, wenn ich über ein Buch sehr wenig bis gar nichts weiß. Eine Beschreibung des Buchs oder gar der Klappentext ist bei “Der Mitte” so oder so völlig unnütz. Das Buch besteht aus vielen Zeitsprüngen, die die Assoziationen des Protagonisten (Phil) darstellen. So fängt es zum Beispiel mit der Geburt Phils und Diannes an (Zwillinge, geht ein?), springt dann in die Gegenwart, hält sich kurz mit der Kindheit von Phil auf, springt wieder in die Gegenwart und bietet schließlich einen längeren Abschnitt über den fünfjährigen Phil. Da muss man sich als Buchbeschreiber dann entscheiden, ob man sie miterzählt und Verwirrung stiftet oder diesen bezaubernden Erzählstilkniff unter den Tisch kehrt (und das soll nur eine von vielen Schwierigkeiten darstellen).
Der Autor schreibt selbst in einem Nachwort, welches in der Taschenbuchausgabe abgedruckt wurde (ISBN: 978-3-551-35315-3), über diesen Erzählstil auf Seite 473f.:

An zahlreichen Stellen des Romans wird Phils Gegenwart durch ihr jeweils entsprechende Einflüsse oder Erlebnisse in seiner Vergangenheit bebildert. Das Buch folgt damit einem sich nach außen hin recht einfach darstellenden Assoziuationsprinzip. Das ich wie selbstverständlich wählte, weil ich glaubte (und immer noch glaube), dass, psychologisch betrachtet, kein Leben und kein Erinnern wirklich linear verläuft.

Apropos Erzählstil:
Der Stil ist mit das beste, wenn nicht DAS beste, am gesamten Buch. Die Mitte ist in der Ich-Perspektive geschrieben. Das, was Phil wahrnimmt, was er denkt und was er assoziiert, ist so beschrieben, dass man die Handlung nicht nachvollzieht, sondern nachempfindet.

Um alle Interessierten nun noch weiter zu interessieren folgen nun 5 Zitate aus dem Buch, die extrem wenig Handlung vorweg nehmen.
Ach ja:
Die Seitenangaben beziehen sich auf die mittlerweile wohl vergriffene Ausgabe der “SZ Junge Bibliothek” (ISBN 3-86615-125-X).

Nummer 1 (S. 76) (Anmerkung: Der Brocken ist ein dickes, brutales Kind, auf den die Schwester von Phil mit einem Bogen geschossen hat. Kurz vor dem Einschlafen findet der folgende Dialog statt.)

“Du warst toll”, flüsterte ich Dianne durch das Zimmer zu.”Du hast den Brocken genau getroffen. Das war toll!”
“Ich hab danebengeschossen, genau wie bei der blöden Forelle.”
Etwas in ihrer Stimme brachte die Dunkelheit zum Brodeln. Plötzlich wünschte ich mir, Dianne würde nicht weitersprechen, doch da warf die Luft bereits schwarze Blasen, die zischend zerplatzten.
“Weißt du, Phil, ich hatte auf sein Herz gezielt.”

Nummer 2 (S. 94):

Ich lege die Hände auf die Brust und konzentriere mich auf das Heben und Senken
meines Brustkorbs, auf den Rhythmus des Atmen. Ein, aus, ein, aus…
Dann löst selbst das Gehäuse sich auf, ist nur noch ein Vakuum vorhanden, ein grenzenloses Nichts. Ich bin von einer Einsamkeit umfangen, die weder die Anwesenheit von Glass noch die von Dianne oder Kat auflösen könnte. [...]
Wie von selbst gleiten meine Hände den Bauch herab, bleiben kurz dort liegen, warme Haut auf heißer Haut, um sich dann langsam weiter nach unten zu tasten, wo sie ihren eigenen geübten Rhythmus finden, der schneller ist als mein Atem, schneller als mein Pulsschlag. Ich vertraue darauf, dass das die Einsamkeit vertreibt, aber es macht sie nur noch größer.

Nummer 3 (S.96):

“Geh sie besuchen. Von verrückten Leuten kann man eine Menge lernen.”

Nummer 4 (S.147):

Manche Veränderungen kommen über Nacht. Du gehst abends zu Bett, schläfst ruhig und tief, und am folgenden Morgen erwachst du und stellst fest, dass alles anders ist als zuvor. Du kannst dir nicht erklären, was geschehen ist, denn die Sonne ist aufgegangen wie an jedem Morgen, und da hängt immer noch dieses Bild an der Wand, das du längst abhängen wolltest. Die Farben der Welt sind dieselben geblieben. Nur bei genauerem Hinsehen glaubst du zu entdecken, dass sie eine Spur heller oder dunkler als bisher erscheinen, doch das ist eine Täuschung: Es ist deine Wahrnehmung, die sich verändert hat, weil du selbst von heute auf morgen ein anderer geworden bist. Und deshalb hängst du jetzt auch dieses verdammte Bild ab.
Andere Veränderungen kündigen sich an. Du spürst sie auf dich zukommen, langsam und unabwendbar wie den Wechsel der Jahreszeiten. Kleine und große Ereignisse gehen solchen Veränderungen voraus, die in keinerlei Zusammenhang zu stehen scheinen. Doch irgendetwas im hintertesten Winkel deiner Psyche setzt diese Ereignisse und ihre Folgen geduldig zusammen wie ein Puzzlespiel, und im selben Maße, wie das Puzzlebild Gestalt annimmt, vollzieht sich in deinem Inneren ein Wandel, Stück für Stück, Schritt für Schritt: eine Art unbemerkter, zweiter Geburt.

Nummer 5 (S. 342f.):

“Stell dir das Leben vor wie ein großes Haus mit vielen Zimmer, Phil. Einige dieser Zimmer sind leer, andere voller Gerümpel. Manche sind groß und voller Licht, und wieder andere sind dunkel, sie verbergen Schrecken und Kummer. Und ab und zu — nur ab und zu, hörst du? — öffnet sich die Tür zu einem dieser schrecklichen Zimmer und du musst hineinsehen, ob du willst oder nicht. Dann bekommst du große Angst, so wie jetzt. Weißt du, was du dann tust?”
Ich schüttelte den Kopf.
“Dann denkst du daran, dass es dein Leben ist — dein Haus, mit deinen Zimmern. Du hast die Schlüssel, Phil. Also schließt du die Tür zu diesem schrecklichen Zimmer einfach zu.”
“Und dann werfe ich den Schlüssel weg!”
“Nein, das darfst du nicht tun, niemals”, erwiderte Tereza ernst. “Denn eines Tages spürst du vielleicht, dass nur durch dieses schreckliche Zimmer der Weg in einen größeren, schöneren Teil des Hauses führt. Und dann brauchst du den Schlüssel. Du kannst deine Angst für eine Weile aussperren, aber irgendwann musst du dich ihr stellen.”
“Wenn ich größer bin?”
“Größer und mutiger, mein Kleiner.” Tereza streichelte mir mit dem Handrücken über die Schläfe. “Und vielleicht auch
nicht mehr allein.”

01
Dez

Toby nervt!

Yay!
Ich darf euch, die gesamte Leserschaft, beruhigen — alles wird gut:
Aus “Zephyr” wird “Toby nervt!”!

Ich erkläre den Dezember im Übrigen zum Monat der Wiedergutmachung.
Das wärs dann auch schon soweit von mir, WENN da nicht gewisse Fragen wären, die in euren Köpfen umherirren (sollten).
Wie zum Beispiel:

“Wer nennt sein Blog freiwillig >Soundso nervt!<!?”
Ich?
Okay, okay! Die Entstehungsgeschichte: Ich hab es aus Versehen selbst “Toby nervt” in mein Blog geschrieben. Auf der Seite “über mich” hatte ich Probleme beim Anpassen des Fotos. Es gab überhaupt keinen Platz zwischen Bild und Text; einige Leerzeilen fehlten auch.

So hab ich in weisser Schrift dicke, mächtige Ms zwischen Bild und Text gepackt und einige Zeilen über und unter den “Hallo, ich bin…”-Kram mit dem alleinigen Inhalt “nervt” gesetzt. Und warum? Richtig, weil ich derbe angefressen war.
Eines Tages entdeckte ein Kommolitone mit Namen Ändy meine “über mich” seite und gestand, dass sie ihm nie zuvor aufgefallen war. Ich war gerade in Plauderlaune und erzählte von meinen Formatierungsproblemen.
Wir fanden schnell heraus, dass dieses Blog sogar unter Suchmaschinen mit dem Suchstring “Toby nervt” zu finden ist.
Eines weiteren Tages wurde das Versehen in der Mensa wieder zum Thema und aus Ändys nicht ernst gemeintem “Bennen dein Blog in >Toby nervt< um” entstand eine Idee, die heute in die Tat umgesetzt wird.

“Warum?!”
Es bietet ungeahnt viele Vorteile!


Nach sauberem Aptippen aller Vorteile in eine lustige Liste fiel mir allerdings auf, dass ich so die Wirkung des >Toby nervt!< vorschreibe und vielleicht einige nicht bedachte Assoziationen zerstört werden. Denkt euch selbst euren Teil dazu.
Übrigens: Dem Namen Zephyr bleibe ich in der URL weiterhin treu. Nicht nur, weil ich kaum eine andere Wahl habe — nein; auch aus Überzeugung. Denkt euch am besten auch dazu euren Teil.

“Warum ist der Dezember der Monat der Wiedergutmachung? Ich dachte es gehe um Weihnachten…”
Natürlich dreht sich alles im Dezember um Weihnachten (zumindest in meiner Welt). Das Wiedergutmachungsding ist ein Blog-internes-Ding.

“Was sich wie äußern wird?”
Das sieht man dann. Nehmt es als Weihnachtsgeschenk, womit ein ziemlich schöner Bogen zur Hauptdezemberthematik geschlagen wurde.

Zum Abschluss danke ich Ändy, der sein Blog nun nicht mehr “Ändy nervt” nennen darf, weil unorginell. Vielleicht aber “Ändys bunte Welt der vielgliedrigen heisenbergschen Quantenabsorptions- defizitungeheuer” oder einfach “ÄbWdvhQ”, was gleichzeitig ein superduftes Passwort darstellt!

15
Okt

Das “Ja, aber–”-Phänomen

Das Sprechen in Universität, Schule und einigen anderen Institutionen/Firmen/Was-auch-immern unterliegt einem witzigen Regelsystem:

Einer ist der Chef. Der Chef darf immer reden, wanns ihm passt. Alle anderen (die sog. “Meute”) muss wahlweise den linken oder rechten Arm in die Luft strecken, um zu signalisieren “Chef, ich möchte etwas sagen.”. Wenn der Chef keinen Grund sieht, der dagegen spricht, dass einer aus der Meute zu Wort kommt, deutet er durch eine Handbewegung, ein knappes “Ja?!” (auch: “Bitte?” oder “Sie da!”) oder gar durch die Nennung eines Namens an den Aufzeigenden gewandt an, dass dieser nun reden darf.
Der Aufzeigende hört auf aufzuzeigen und fängt an zu sprechen. Danach hat er/sie das Recht auf Reden wieder verwirkt und der Chef ist wieder dran.
Das ist als Regelsystem völlig in Ordnung. Der Chef hat so oder so meistens sehr viel zu sagen und darf sich ruhig etwas wichtig machen, indem er/sie Rederechte verteilt.

Es gibt einige Variationen und Abweichungen vom Regelsystem. Es kann zum Beispiel der Fall sein, dass jemand während einer hitzigen Debatte das ganze System vergisst und nicht mehr aufzeigt. Es kann sein, dass der Chef den Redenden einfach unterbricht oder aber dass einer aus der Meute unerlaubterweise losbrüllt, weil gerade ein massiver Klotz Decke auf sein Haupt gefallen ist.
Derlei Regelverletzungen finde ich persönlich unbedenklich.

Aber es gibt da eine Abweichung vom System, ein Regelverstoß, der mich einfach nur wahnsinnig macht!
Die Rede ist vom “Ja, aber –”-Phänomen:
Jemand aus der Meute hat das starke Bedürfnis auf etwas Gesagtes mit Worten zu reagieren. Laut und vollkommen unaufgefordert spricht dieser jemand laut einen Teil der geplanten Reaktion (die Einleitung) aus, hört mitten im Satz auf zu reden, hebt seine Hand und wartet.
Der häufigste Reaktionsanfang scheint “Ja, aber –” zu sein, weshalb das Phänomen diesen Namen trägt. Auch möglich und von mir wahrgenommen wurden zum Beispiel “Ist es nicht klüger, wenn man –”, “Hmm… ist auch eigentlich –” oder “Das ist aber nicht –”.

Wie ist dieses Phänomen zu erklären?
Es könnte sein, dass der Reaktionswillige aus der Meute einen Moment lang vergisst, dass er sich an das Regelsystem zu halten hat. Allerdings konnte ich noch nie eine Schamröte im Gesicht des stümperhaften Unterbrechers erkennen. Es könnte auch sein, dass die Person hofft der Chef würde direkt seine/ihre Aufmerksamkeit auf die Person richten; und wenn der Chef eben nicht reagiert, zeigt man doch widerwillig auf. Ich tippe eher auf letzteres — auch wenn es keine befriedigende Erklärung für mich darstellt.
Vielleicht möchten sich einige Leser ja hier outen und verraten, was ihre Beweggründe sind.

Viel wichtiger als das Phänomen an sich ist jedoch die Tatsache, dass mich dessen Auftreten zur Weißglut treibt!
Ich werde weiteres Auftreten dieses Regelverstoßes mit einem bösen Blick ahnden!

08
Sep

“Das Wunschspiel”

Es ist drei Tage her. Vor drei Tagen hab ich die letzte Seite von Patrick Redmonds “Das Wunschspiel” (engl.: “The Wishing Game”) gelesen. Seitdem ist es spätestens für mich klar, dass dieses Buch ausgezeichnet ist.
Wenn ich ein ausgezeichnetes Buch gelesen habe, starre ich es direkt danach noch einige Zeit an und lege es dann widerwillig ins Regal zurück. Zu diesem Zeitpunkt bin ich von dem ausgezeichneten Buch schon längst besessen.
Ein ausgezeichnetes Buch bleibt mir noch Tage im Kopf, was mich daran hindert an irgendeiner anderen Geschichte — egal ob durch Film, Videospiel oder Buch erzählt — Gefallen zu finden.
Wenn ein paar Tage vergangen sind, habe ich dann meine Schlüsse aus dem ausgezeichneten Buch gezogen, kann mich anderen Dingen zuwenden und weiß, dass ich das Buch eines Tages erneut lesen will.

Ich möchte etwas über das Buch erzählen; vielleicht kommt es dann bei dem ein oder anderen auf die “Bücher, die ich lesen möchte”-Liste. Obwohl ich es ja persönlich spannender finde ein Buch zu lesen, wo ich überhaupt nichts von dem Inhalt weiß. Aber wie soll man sich dann halbwegs sicher sein, dass man die Thematik ansprechend findet?

Bei dem Buch handelt es sich um einen Psychothriller, in dem mehrere gleichzeitig ablaufende Handlungsstränge erzählt werden, die sich an einigen Stellen schwach bis mäßig beeinflussen.
Der Autor lässt sich sehr viel Zeit für die zweit-ausführlichste Einleitung, die ich jemals gelesen habe (Kritiker nannten Andreas Steinhöfels “Die Mitte der Welt” eine 450-seitige Einleitung — der Autor konnte es ihnen nicht ganz verübeln…).
Patrick Redmond lässt sich viel Zeit für die intensive Beschreibung seiner Charaktere und macht deren Motive und Motivation deutlich, was die daraufhin folgenden Geschehnisse in keinster Weise konstruiert wirken lässt.

Das Buch spielt im Jahre 1954. Die Handlung findet größtenteils in dem englischen Knabeninternat “Kirkston Abbey” statt.
Jonathan Palmer (14) — die Hauptperson — ist relativ einsam. Er hat einige wenige, doch dafür gute Freunde und wird wegen seiner einfachen Herkunft öfters gehänselt.
Eines schicksalhaften Tages verwechselt Jonathan zwei Bücher und erscheint zur Lateinstunde mit dem ebenfalls roten und formähnlichen Mathebuch. Der Lehrer setzt ihn daraufhin neben Richard Rokeby, damit Jonathan mit in sein Buch schauen kann.
Richard Rokeby ist ein Einzelgänger, der jedem Mitmenschen entweder mit Verachtung oder Gleichgültigkeit gegenübertritt. Er wirkt auf seine Mitschüler höchst faszinierend — einige würden gerne mit ihm befreundet sein, um etwa vielleicht auch eines Tages über den sozialen Druck, den das Internatsystem auf die Schüler ausübt, erhaben zu sein.
Während besagter Lateinstunde hilft Richard Jonathan aus der Patsche, als der Lehrer einen besonders schweren Satz übersetzt haben will, womit der erste Schritt für eine Freundschaft zwischen den beiden getan ist.
Eine Freundschaft, die nicht von allen innerhalb der Abbey gutgeheißen wird…

Man kann natürlich von der Handlung nicht viel erzählen, dass gleichzeitig die Faszination verständlich macht und die Inhalte nicht verdirbt; also halte ich den Mund (bzw. die Finger still).

Fazit:
Das Buch hat witzige Stellen, faszinierenden Stellen, sowie verstörende, beängstingende und philosophischen Stellen.
Der Autor stellt gekonnt dar wie Menschen durch Motive wie Neid, Kontrolle, Abhängigkeit oder Angst zu Dämonen werden.
Ich habs bereits geschrieben — es ist ausgezeichnet, also kauft es euch :)

21
Aug

Neun Live — Gewinne, Gewinne, Gewinne … für wen?

Wunsch Nummer 2 kommt von Lena K. aus O.!
Im Übrigen bin ich erstaunt, dass keine weiteren Wünsche geäußert wurden; das bedeutet, dass mein Blog euren Erwartungen vollkommen entspricht (Bedeutungsmöglichkeit 2: “Es geht euch am Arsch vorbei.” wird ignoriert)!

Lena K. aus O. hat sich gewünscht, dass ich einen Eintrag über NeunLive schreibe. Wie packt man so etwas an?!
Ich dachte mir: “Jeder kann sinnlos auf 9Live rumhacken — du machst es sinnvoll!”. Und so war schnell die Idee geboren, dass ich 24 Stunden Neun Live Programm aufzeiche, anschaue und analysiere, um einen kompetenten Bericht abzuliefern.
Gesagt, getan…. fast! Ich habe doch beschlossen, dass es weitaus sinnvollere Dinge gibt, die ich in diesen 24 Stunden vollbringen könnte (z.B. das Volumen meines Schreibtisches berechnen — ein großer Spaß!). Im Endeffekt hab ich dann beides gelassen und in den letzten Tagen einfach mal ab und an ins Programm geschaut (”Stichprobe”).
Ich leugne nicht, dass ich im Auftrag von Lena K. nicht zum ersten Mal 9live geschaut habe. Früher war es ein ganz angenehmes Kann-Man-Nebenbei-Laufen-Lassen-Programm. Wenn ich zum Beispiel vor dem PC saß und für Half-Life gemappt habe (eigene 3D-Level für ein PC-Spiel erstellen~), lief hin und wieder 9live. Ich weiß noch, dass es damals eine Show gab, in der Kandidaten gegen den Moderator “4 Gewinnt” gespielt haben. Das war ganz nett anzusehen, wenn nichts anderes lief; wurde aber irgendwann langweilig und so musste doch das Radio herhalten.
9live änderte das Konzept. Es gab viel weniger Nicht-Anruf-Sendungen und weniger zeitaufwändige Spiele/Rätsel mit dementsprechend längeren Anruf-Phasen. Das wurde dann noch langweiliger und so schwor ich dem Sender dann (fast) ganz ab.

Jetzt wurde ich wieder wesentlich aktiver und bin wesentlich angepisster. Ich glaube einige Konzepte des Senders erkannt zu haben und will sie im Rahmen meiner Leserwünsche Kampagne vorstelle:

9live hat weiter die obige Strategie verfolgt: Man beginnt ca. um 12 Uhr mit “Call-In Shows” und hört erst um 2 Uhr wieder damit auf. Zwischendrin gibt es eine halbe Stunde Pause durch das Zeigen von Wiederholungen der alten Show “Quizfire”. Ab zwei Uhr kommt dann Porno. Was “Porno” genau ist, habe ich mir nicht angesehen. Es scheint sich jedoch um pornografischen Inhalt für heterosexuelle Männer zu handeln, die es sich Nachts um zwei gerne mit einer Familenpackung Tempos auf der Couch gemütlich machen. Dann geht es um sechs Uhr morgens mit “Dating Show” weiter, wohl damit die einsamen Männer, die onanierfreudige vier Stunden hinter sich haben, eine neue Freundin finden können. Wer das schon für makaber-romantische Programmplanungspolitik hält, darf sich auf was gefasst machen: Danach kommt eine Astrologiesendung, eine Teleshopsendung und eine Reiseverkaufsendung. So kann man nach der durchwichsten Nacht eine neue Freundin finden, bei der Schaminin von der Astrosendung sich die ewige Liebe bestätigen lassen, der Frau ein praktisches siebzehnteiliges Messerset schenken und dann die Reise für die Flitterwochen klarmachen. Um das alles finanzieren zu können, geht es danach mit den Call-In Shows weiter.

9live hat weiter die Zeit reduziert, in der ein Anrufer weitere Anrufe verhindert und streckt nicht nur damit die Zeit, die vergeht bis ein neuer Kandidat in der Leitung ist oftmals bis ins Lächerliche. Was sind die anderen Hinhaltetaktiken, die verwendet werden, um den Zuschauer bei der Stange zu halten und ihm weiterhin einzureden, dass es spaßig sei Buchstaben zu Wörtern zusammenzubasteln, um danach ein Pappkarton mit 20€ in Empfang nehmen zu dürfen?

  • “Es ist noch niemand /niemand mehr wach” oder “Alle sind draussen und genießen das Wetter” etc.
  • “Niemand hat die Lösung.” Witzige Geschichte: Als ich einmal beim Recherchieren mir wieder lang und breit anhören musste, dass die Redakteure im Hintergrund mit einer 16 Mann starken Truppe keine Lösung für das aktuelle Spiel finden könnten und der Moderator hingegen — knick-knack — fanatisch auf dem konsequenten Weiterspielen beharrte, schmiss ich Python an, hab den Genesis Corpus geladen und mithilfer einer Regular Expression 80 Lösungen für das aktuelle Wörtersuchspiel gefunden (Für Leute, für die “Phython”, “Corpus” und “Regular Expressions” böhmische Dörfer sind: Ich konnte ohne viel Federlesen mit Hilfer meiner Computerkiste 80 Lösungen für das Spiel finden). Die Lösungen wiederholten sich zwar teilweise, doch unter ihnen waren einfache Wörter wie “ihre”, “Kampf”, “Heer” und “Herr”, die allen im Spiel festgelegten Regeln entsprachen.
  • “Wir können den Hot-Button nicht beeinflussen.” oder “Wir können rein technisch zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Leitungen öffnen.” (Kennt jeder das “Hot-Button” und das “Leitungen” Prinzip? Bei “Hot-Button” Runden muss man in genau dem Moment anrufen, in dem ein Zufallsgenerator einen anscheinend direkt ins Studio durchstellen würde. Bei den “Leitung” Runden muss eine von soundso-vielen Leitungen erwischen. Es scheint insgesamt um die 150 zu geben und einige von ihnen sind “geschaltet”). Das sind meine liebsten Hinhaltetaktiken!
    Warum soll es technisch nicht möglich sein weitere Leitungen zu “öffnen”? Warum unterwirft sich 9Live dem Hot-Button und beschreibt ihn als “nicht beeinflussbar”? Stattdessen — das ist ECHT mal witzig! — versuchen die Moderatoren mit Pseudo-Erklärungen die Zuschauer dazu zu bringen alle gleichzeitig nach einem Countdown anzurufen. Anscheinend kann so der Hot-Button beschwichtigt werden. Wer an so etwas glaubt, ist selbst schuld. Oder? Ist etwas wahres dran? In meinem Kopf bildet sich gerade eine Geschichte, die die Elemente “außerirdische, maschinelle Lebensform” “menschliche Versklavung”, “Schamanismus”, “Maschinenmafia” und “Matzebrei” enthält.

Das traurige ist, dass diese Gewinnspielsendungen immer weiter ausufern. Nachts sieht man auf viel zu vielen privaten Sendern irgendwelche Moderatoren, die sinnloses Zeugs in die Kamera brabbeln. Ich staunte nicht schlecht, als ich letztens eine solche Sendung im Nachtprogramm eines Nachrichtensenders gefunden habe.

Eine Sache ist mir noch aufgefallen: Mehrmals (= nervig oft) wurde im Sendebetrieb erwähnt, dass 9live pro Monat mindestens 1.000.000 € an Gewinnen raushaut. Wenn man annimmt, dass 9live nur durch die Anrufe Geld verdient und mit diesem Geld nur die Gewinnauszahlungssumme wieder einspielen möchte, gehen im Monat mindestens 2.040.816 Anrufe ein (pro Anruf 49 ct.). Das sind bei 30 Tagen pro Monat 68.027 Anrufe täglich. Wenn man nun noch bedenkt, dass 9live seine Moderatoren, Redakteure, Kameramänner usw. sowie Nebenkosten, Equipment, Steuern bezahlen muss und nebenbei noch Geld verdienen will…

Die Telefon-Gewinn-Szene boomt. Jede kleine “Die 100 schönsten Herbsthits Schleswig-Holsteins zwischen 1971 und 1983″ Sendung verdient ihr eigenes, kleines Gewinnspiel, auf das mindestens siebzehn Mal während dieser hingewiesen werden muss. Manchmal darf man als Zuschauer sogar, während man ein Auto zu gewinnen versucht, den neuen Superstar oder das neue Topmodel Deutschlands bestimmen. Repräsentativ? Nein, aber bringt mächtig Kohle!
Der Boom an diesen Telefon-Gewinn-Dingen ist also sehr profitabel für die Sender. Ich hab eigentlich kein Problem damit, wenn die Tatsache, dass solche Sender/Sendungen rentabler sind als gelegentliche Werbeeinblendungen nicht so verdammt viel über die allgemeine Intelligenz aussagen würde.
Ist die Schlussfolgerung richtig? Sagt das Fortbestehen von 9Live & Co. aus, dass die allgemeine Intelligenz sinkt?
Vielleicht. Aber es kann auch gut sein, dass bei einem Sender wie 9Live ganz fies falsche Erwartungen erzeugt werden und man mit Aussicht auf schnelles Geld sich als Zuschauer leicht in die Irre führen lässt.

Warum glaube ich das? Ganz einfach: Ich habs getan. Ich hab bei 9Live angerufen. Ich bin zwar überhaupt nicht Stolz drauf, das öffentliche Geständnisse kostet mich Überwindung und es ist bestimmt auch schon ganz lange her, aber ich möchte es gar nicht erst großartig rechtfertigen.
Ich hab da angerufen. Deshalb möchte ich glauben, dass der Erfolg von 9Live nichts mit allgemeiner Dummheit zu tun hat.
Im Endeffekt wird beides wahr sein, so befürchte ich. Gehören ja schließlich immer zwei dazu~
Das ist auch der springende Punkt: Niemand zwingt einen dazu einen anzurufen. Allein die Zuschauer entscheiden über Erfolg oder Verfall solcher Sendungen / Sender.

28
Jul

Das zweite Semester — Übertreibungen, Schaubilder & Füllwörter

Es ist an der Zeit Leserwünsche zu erfüllen! Nico M. aus G. hat sich darüber gewundert, warum kein ihm bekannter Blogger einen Eintrag über das zweite Semester unseres gemeinsamen Studiums schreibt. Als auch noch Lena K. aus C. eine Anregung kundtat, beschloss ich beide Wünsche zu erfüllen; obwohl Corinna schon einen Eintrag über die beginnenden Ferien und auch Andreas einen Eintrag, der mehr oder weniger das Thema trifft, verfasst haben (Wünscheerfüllung verläuft chronologisch — keine Bange, Lena!). Sollte sich jetzt jemand benachteiligt fühlen, weil er/sie nichts von meiner kleinen “Aktion” wusste, darf sich frei fühlen einen eigenen Wunsch als Kommentar an diesen Eintrag zu äußern (ohne Erfüllungsgarantie! Ich werde z.B. garantiert nicht über winzige peruanische Riesenmistkäfer schreiben!).

Doch kommen wir zurück zu Nicos Wunsch: Das zweite Semester.

Trotz düsterer Phrophezeiungen der damaligen Erstsemestertutoren freute ich mich nach den langen, erfüllten Ferien aufs Zweite! Wie zu Beginn des ersten Semesters war ich ausgeschlafen, hochmotiviert, neugierig und gespannt. Diese erfreulichen Eigenschaften haben sich in der Klausurphase in “übermüdet”, “demotiviert”, “lustlos” und “angespannt” gewandelt. Doch wie kam es dazu?

In der ersten Woche fielen sämtliche Übungen aus und es gab keine Hausaufgaben zu erledigen — schöne Zeit! Die ersten Hausaufgaben waren nicht schwierig und der Stundenplan wurde als “doch-nicht-zu-voll” klassifiziert. Es stellte sich jedoch früh heraus, dass diese Zuordnung grober Unfug war; z.B. als ich wieder meine Freizeit arg begrenzt sah oder als ich anfing Hausaufgaben aufzuschieben und demzufolge die Nächte immer arbeitsintensiver und schlafärmer wurden. Schnell verabschiedete ich mich von “Erkenntnistheorie II” und auch — weniger schnell — von “Formalisierung von Wissen”.

Ich hätte aber eigentlich noch ein paar mehr Kurse rausschmeissen müssen, um vernünftig arbeiten zu können. Aber ich wollte mich der Herausforderung stellen!
Ich habe es auch geschafft; auch wenn ich mich von einigen Idealen wie “Diesmal-aber-kein-bulemielernen” und “Diesmal-Vorlesungen-intensiv-nacharbeiten” verabschieden musste. Vielleicht, so hoffe und glaube ich, schaffe ich es im nächsten Semester diese Ideale zu wahren.
Warum? Das nächste Semester ist nicht die Nummer 2, sondern die Nummer 3 — ich hoffe das reicht.

Die schönsten Veranstaltungen meines Stundenplans waren der Unichor, der Gebärdensprachkurs und Sensory Physiology. Die ersten beiden Kurse waren keine Pflichtveranstaltungen. Freiwillig besuchte Kurse, an denen ich ganz viel Spaß hatte. Auch hier möchte ich noch einmal kurz Werbung für den Gebärdensprachkurs machen: Leute, nehmt die Gelegenheit war und versucht euch an dieser Sprache. Sie ist leicht zu lernen, das Lernen macht Spaß und das Lernen soll den Einsatz und die Beobachtungsfähigkeit von Mimik und Gestik verbessern. Der letzte Kurs war meine liebste Pflichtvorlesung (oder Vorlesung allgemein).
Die langweiligsten/schlimmsten Veranstaltungen waren Cognitive Psychology and Neuropsychology, das Lab und A.I.. Die ersten beiden Kurse gehören zum Bereich der kognitiven Psychologie und meine Vorfreude auf diese Kurse war immens hoch; sie konnte auch nicht von den vielen Gerüchten, die den Professor der Kurse betrafen, getrübt werden.
Doch leider hatte Herr Schmalhofer nichts besseres zu tun, als die bösen Gerüchte zu bestätigen. Ein Drittel (oder doch gar die Hälfte (?) ) aller CPCN Vorlesungen fielen “due to specific reasons” aus. Das Laboratory war dermaßen unorganisiert und wurde bar jeglicher Mühe geleitet, sodass auch da mir der Spaß verging. Trotzdem bleibt der Inhalt interessant; nur leider steht und fällt die Qualität eines Kurses und die Beigeisterung für den selbigen mit dem Dozenten. Und trotzdem meinte ich in Herrn Schmalhofers Entschuldigungen nicht irgendwelche zusammengeklatschen Worthülsen zu hören, sondern aufrichtige Reue. Vielleicht sollte man nicht hinter seinem Rücken bös über ihn sprechen und “Verschwörungen” planen, sondern direkt auf ihn zugehen und mit ihm reden.

Der zuletzt genannte Kurs — A.I. (oder Artificial Intelligence) — stellte sich leider als sterbenslangweilig heraus. Bereits in der ersten Vorlesung musste ich gegen meine Ermüdung ankämpfen. Ich glaube nicht, dass das die Schuld des Professors war, die Einführung in die Programmiersprache ProLog kann man wohl nicht wesentlich spannender darstellen.
In weiterführenden Kursen, so hoffe ich, wird sich noch die Stärke von Professor Gust, dem unangefochtenen Meister der Schaubilder, zeigen.

DAS ultimative Schaubild

Die Dozenten, die unfreiwillig komisch waren, heissen Sven Walter und Stefan Evert.
Mr Evert, der gebürtiger Schwabe zu sein scheint, brachte mich immer innerlich zum Lachen, wenn er “Computational Linguistics” sagte. Und Mr Walter vollbrachte diese Tat durch wiederholte Nachdenken-durch-Füllwort-Ausdrücke, respektive sein bewundernswertes “ÄÄÄHHHMMMM…”.
Danke, Sven Walter!

Nun hoffe ich, dass wir alle aus dem Zweiten lernen und uns nicht mit unschaffbar vielen Kursen vollladen. Aktuell kursierende E-Mails weisen auf das Gegenteil hin.

11
Jul

Kost’ ja nix!

Willkommen, willkommen, willkommen nach langer Pause zu diesem Eintrag über eine der wohl merkwürdigsten Begründungen, die ich kenne.

Was ist “Kost’ ja nix.”? “Kost’ ja nix.” ist jene finale Kausalaussage (nicht verwechseln mit “kausaler Finalaussage”!), die immer dann zu Tage kommt, wenn dem Argumentierenden nichts besseres mehr einfällt.

Typischer “Kost’ ja nix.”-Dialog:
“Soll ich in meiner Bewerbung erwähnen, dass ich ein Semester lang einen Spanischkurs belegt habe ?” — “Steht da irgendwas von ‘Sprachen die ich teilweise bis fast gar nicht beherrsche’?” — “Ähh… nicht direkt.. Soll ich oder soll ich nicht?” — “Lass es bleiben. Wenn ich die Bewerbungen durchsehen müsste und jemand hätte unnötige Nebeninformationen angebracht, wäre ich angenervt.” — “Meinst du? Hm… ich schreibs einfach mal hin - kost’ ja nix!”

Dieser Dialog hat tatsächlich so ähnlich stattgefunden. Noch ein Beispiel:

“Wollte Lars dir nicht eine Empfehlung für die Stelle ausschreiben?” — “Ähm.. ja, warum?” — “Schreib ihm doch mal ne E-Mail, um ihn daran zu erinnern.” — “Warum sollte ich das tun? Er sagte mir er schreibt eine, also schreibt er auch eine.” — “Naja… kannst doch trotzdem eine Mail schreiben - kost’ ja nix!”

Was diese Phrase aussagt? Eigentlich “Die Handlung so-und-so ist auszuführen, da sie keine negativen Konsequenzen mit sich bringen kann.” Diese Behauptung trifft auf die Beispiele nicht notwendigerweise zu. Was ist, wenn der Arbeitgeber aus dem ersten Beispiel Spanier abgrundtief hasst und die Vorliebe der Bewerberin für die Sprache als Grund ansieht sie NICHT einzustellen?

Aber halten wir uns nicht mit - hoffentlich - unwahrscheinlichen Erbsenzählereien auf. Was mich tatsächlich stört ist die egoistische Sichtweise, die hinter dieser Aussage steckt: “Ob die fragwürdige Handlung mir einen Vorteil verschafft, ist ungewiss, jedoch kann sich meine Lage nicht verschlechtern, wenn ich die Handlung ausführe.” Der arme Arbeitgeber, der sich einen Haufen Bewerbungen durchlesen muss, in denen 70% der Informationen unwichtig sind! Und der arme Lars, der täglich siebzehn Erinnerungsmails bekommt, er solle doch fein auf die Empfehlungsschreiben Acht geben!

In manchen Fällen ist es berechtigt vermeintlich unnötige Handlungen auszuführen. Denkt man zum Beispiel an wiederholtes Befragen von Krankenhauspersonal, wenn man sich um einen lieben Menschen sorgt, der krank geworden ist. Doch wie kann ungerechtfertiges von gerechtfertigem eventuell-sinnlos-Handeln unterschieden werden? Bei letzterem spricht niemand von “Kost’ ja nix!”.

Wer meinen Ärger nicht mit mir teilt und darüber nachdenkt zukünftig nicht mehr dieses Blog zu besuchen, dem sei gesagt: “Warum damit aufhören? Es kost’ ja nix!”

20
Jun

Seelenfänger

Heute wurde ich auf dem Weg zwischen zwei Veranstaltungen von einer Seelenfängerfängerin angesprochen. Sie kam wie aus dem Nichts auf mich zu.

Sie sprach mich mit einem freundlichem “Hi!” an. Die Zeit, die verging, bis sie vollends an mich herangetreten war und ihr Anliegen vorbrachte, nutzte ich um mich zu fragen, woher zur Hölle die Frau mich kennt und ich sie kennen sollte.

“Suchst du einen Job; in den Semesterferien?” lautete ihre Frage, die mein krampfhaftes Nachdenken beendete. “Ja, ich suche einen Job.” gab ich zurück. “Wo du auch mal raus aus Osnabrück kommst? Für vier Wochen?” fragte sie weiter. Ich überlegte kurz welche Grausamkeiten sich hinter “raus aus Osnabrück” verstecken könnten und antwortete “Ja, warum denn nicht?!”. “Schön. Was studierst du denn?” wollte sie als nächstes wissen. Nachdem “Cognitive Science” sie irritiert zu haben scheint und ich nach der Übersetzung (”Kognitionswissenschaft”) schon die übermäßig oft gebrauchte Erkärung geben wollte, sagte die Frau zufrieden: “Aha! Dann kannst du bestimmt gut reden!”

Ich war etwas irritiert und suchte kurz nach einer Verbindung zwischen CogSci und rhetorischen Fähigkeiten und nickte nur leicht. “Bekomm ich jetzt deine Broschüre?” wollte ich wissen. Tatsächlich fing sie an in ihrer Tasche zu kramen und sagte: “Ja, die bekommst du jetzt! Wir suchen Studenten, die für vier Wochen als Feycufeagenarbeiwoln.” Das letzte Wort (es waren wahrscheinlich mehrere Wörter) hat sie innerhalb von nicht mal zwei Sekunden hervorgebracht. Ich bat sie sich zu wiederholen: “Wir suchen Leute, die als Face-to-face Agenten arbeiten wollen; also Leute auf der Strasse ansprechen und ein bisschen Werbung machen.”

Da war er also: der sprichwörtliche Haken. Ich sollte Seelenfänger werden. Ich sollte zu jener Sorte Mensch werden, die dafür Sorge tragen, dass unschuldige Passanten ihren Aufenthalt in einer Fußgängerzone nicht genießen können. Jene Leute, die schlimmer sind als Teleshopprodukte-live-vorführ-und-anhimmel-Menschen, die schlimmer sind als Fußgängerzonenschausteller, die genauso schlimm sind wie Call-Center-Agenten.

Im Gespräch stellte sich heraus, dass der Job gut bezahlt wird (je nach Anzahl gefangener Seelen 80 bis 120€ pro Tag, was zu einem Monatsgehalt von 1920-2880€ führen würde); und es stellte sich heraus, dass Christianes (so heisst die Seelenfängerfängerin) “vier Wochen” wörtlich meinte. Ich fragte erstaunt nach und sie gab nickend zurück: “Ja, vier Wochen, jeden Tag. Außer Sonntags.”. Das, verbunden mit der Information “mal raus aus Osnabrück”, bildete den zweiten sprichwörtlichen Haken. Sie schrieb mir ihren Namen auf, damit ich bei Interesse unter der angegebenen Telefonnummer direkt nach ihr Verlangen könnte. Vielleicht bekommen Seelenfängerfängerinnen ja Provision für gefangene Seelenfänger.

Ich ging zu meiner Veranstaltung und wollte mich gerade nach dieser Veranstaltung von einer Komolitonin verabschieden, als Christiane wieder aus dem Nichts auftauchte und nachfragte, ob es mir schon überlegt hätte. Ich gab mich unentschlossen, da ich nicht zu früh über den Job urteilen wollte. Vielleicht habe ich ja etwas missverstanden.

Ein Blick auf die Homepage bestätigte allerdings meinen Eindruck. Übrigens ist die salonfähige Bezeichnung für Seelenfänger “DialogerIn”, was vermutlich auch noch englisch ausgesprochen wird. Auf der Homepage steht auch, dass eine DialogerIn neben einer guten Kommunikationsfähigkeit und einem positiven und selbstbewusstem Auftreten auch über hohe Ausdauer und Beharrlichkeit zu verfügen hat. Also doch: Seelenfänger. Nach ein paar Klicks fand ich heraus, dass die Firma sogar neue Mitarbeiter höchst offiziell schult. Himmel! Da bekommt man sogar “aufdringliches Aufreten” und “Lästigkeit” beigebracht. Nicht zu vergessen “Wie man Mitgefühlsanwallungen ignoriert” und “skrupellose Überzeugungslehre”.

Zum Abschluss noch zwei Telefonate mit Call-Center-AgentInnen. Ich musste gerade eben daran denken.

“Hallo! Ich möchte ihnen das neue Lottosystem unserer Firma vorstellen! Sie können innerhalb einer unserer Tippgemeinschaften viel Geld gewinnen!” - “…aber ich will gar kein Geld gewinnen.” - “Sie… sie wollen kein Geld gewinnen?” - “Nein, ich brauche kein Geld. Bin auch so zufrieden.” - “Ähh…. na… das ist doch toll! Das ist schön! Ich wünsche noch einen schönen Abend.” - “Ich ihnen aber auch.”

“Hallo! Ich habe gehört… sie verreisen gerne?” - “Was? Wer hat ihnen das erzählt?!” - “Äh.. wie?” - “Ich verreise überhaupt nicht gerne. Wer behauptet sowas!?” - “…achso ist das. Ähm… Tschüß!” - “Tschüß.”

Call-Center-AgentInnen verarschen ist wahnsinnig spaßig!

19
Jun

Ich hab noch immer blaue Flecken

Vorgestern, am Sonntag den 17.06., stand ich auf dem Platz vorm Völkerschlachtendenkmal in Leipzig. Meine Hände schmerzten wie kaum jemals zuvor; doch trotzdem gab ich mir unablässig einen Ruck noch einmal meine beiden leidenden Gliedmaßen aneinander zu schmeißen. Sie fühlten sich gar nicht mehr wie Hände an, viel eher wie zwei fremdartige Wucherungen, die auf schmerzvolle Weise ihre Verbindung zu meinem Körper demonstrierten.

Doch fangen wir von vorne und ganz geordnet an! Ich wollte mit meiner guten Freundin Madeleine das Rosenstolz-Konzert in Leipzig besuchen. Ich fuhr am Samstag los, würde Montag wieder abreisen und konnte bei Madeleine übernachten. Die Reise war sehr schön, der restliche Samstag auch. Ich hab sogar den italienischen und polnischen Beitrag zur Pyrotechnickweltmeisterschaft gesehen (wusste gar nicht, dass es so etwas gibt!).

Am Sonntag war es dann so weit! Wir waren schon eine halbe Stunde vor Einlass am Denkmal. Etwa hundert Dutzend kamen auf die selbe, glorreiche Idee. Wir bekamen trotzdem sehr gute Plätze - vor uns standen sich vielleicht zehn Reihen die Beine in den Bauch. Meine Größe erwies sich als richtig nützlich (bin 1,95m groß)! Maddy mit ihren fast schon kümmerlichen 1,65m beteuerte aber ebenfalls genug sehen zu können.

Die erste Vorband, “Michme”, spielte (Ja, man glaubt es kaum. Rosenstolz haben heutzutage schon zwei Vorbands!). Sehr schöne Punk-Rock-Pop Musik. Flüchtige Blicke nach hinten, verrieten, dass wir uns genau den Zeitpunkt unmittelbar vor der großen Menschenmassenflut für unsere Ankunft ausgesucht hatten.

“Michme” verabschiedeten sich und “Panda” kamen auf die Bühne. Himmel! Die Sängerin hat vielleicht mal eine Stimme! Hab gleich eine neue Freundin gewonnen. Das Album wird auch vorbestellt. Interessierte mögen sich auf www.allespanda.de das aktuelle Video “Jeht Kacken!” anschauen. Maddy und ich bemerkten, während die Sängerin auf der Bühne im übelsten Berlinerisch vor sich hingrölte, dass wir uns den falschen Platz ausgesucht haben. Ein paar Meter weiter rechts wippten die Menschen fröhlich mit und freuten sich auf das bevorstehende Konzert. Und was hatten wir? Nur ein “Hoffentlich war das die letzte Nummer!” oder “Genau! GEHT KACKEN!” drang aus den Mündern der Menschen, die sich hinter uns aufgebaut haben und allesamt mindestens zehn Jahre älter waren als wir. Madeleine und ich hofften auf Vorbandmuffel und ignorierten die Nörgler hinter uns.

Doch was tun, wenn sich neue Nörgler von anderen Nörglern magisch angezogen fühlen und die wiederum ihre Existenz direkt bemerkbar machen? Auf einmal verspürte ich nämlich ein penetrantes Tippen an meinem linken Oberarm. Ich wandte mich um und ahnte fürchterliches.

“JUNGER MANN, könnten sie VIELLEICHT mal einen Schritt ZUR SEITE gehen, damit WIR auch ETWAS sehen können?” kläffte es aus dem Mund einer Frau, die kurz zuvor noch einen ganz netten Eindruck machte. “Achso, natürlich!” gab ich zurück und wollte mich schon wieder umdrehen und die Bewegung ausführen, die von der Frau mit der wechselfreudigen Betonung gewünscht war, als plötzlich ein Mann neben der Frau leicht in die Hocke ging, sich an ihren Arm lehnte und sagte: “Oder vielleicht könnten sie in die Knie gehen..?”. Danach fing er zu lachen an, wie eben solche Menschen, die solche Witze reißen, immer zu lachen anfangen. Ich erklärte diese Aussage für die überflüssigste und unlustigste des Tages. Die Frau hingegen nahm seinen Witz als ernsthaften Beitrag zu der Diskussion und schlug mit Sonnenbrille an den Lippen und Dackelblick in den Augen etwas anderes vor: “Oder… sie könnten uns vielleicht vorlassen……..?” .

Das lecker Berliner Mädschen setzte zum großen Finale des aktuellen Songs an und zog meine Aufmerksamkeit aus sich - es wurde eh zu laut, um sich mit nervigen Menschen über meine Größe zu debattieren. Ich machte einen Schritt zur Seite und erklärte Madeleine, was die Leute von mir wollten. Mit heftigem Augenrollen erklärte sie unsere Position zu einer nicht-wünschenswerten welchen. Ich jedoch sah das Problem als gelöst an und lauschte weiter den Melodien von Panda.

Zwei Lieder später jedoch wagte ich mal wieder einen Blick nach hinten, um mir die Menschenmassen hinter mir anzuschauen (die Masse wuchs hinterher auf 16.000 Menschen an). Die Frau schaute mich aufmerksam an. Ich blickte sie irritiert an - Fehler! “Könnten sie denn JETZT MAL einen MEHHTER nach links oder nach rechts machen. Wir-”, ich konnte für einen Moment nicht mehr zuhören und war vollends verwundert über ihre Formulierung “einen Meter nach links oder rechts gehen”, da auch nur ein einziger Schritt nach links ihr den Rest des eingeschränkten Blickfeldes rauben würde. “-der Rest von uns auch noch was sehen.” schloss sie ihre wahrscheinlich wohlüberlegte Argumentationskette und ich tat noch einen Schritt beiseite.

RS Konzert2

Dann geschah es: Panda verließen die Bühne und Bühnenarbeiter schleppten Instrumente durch die Gegend. Rosenstolz ließen sich ganz schön feiern, bevor sie die Bühne betraten. Alle waren gespannt und aufgeregt. Ich war sogar so aufgeregt, dass ich den leisen Hauch einer schwächlichen Bewegung an meinem rechten Schulterblatt wahrnahm. Ich buchte es als Einbildung ab. Aber als es sich wiederholte, wusste ich, dass ich wieder gefragt war. Ich wollte mich gerade umdrehen, als ich hörte, dass ein Gespräch über mich schon längst angefangen hatte:

“Ja, vielleicht könnte er ja ein kleines bisschen nach links gehen…” sagte ein Mann, dessen Stimme gut zu der schwachen Berühung passte - fragt mich nicht warum! “NEIN! DER bleibt DA, wo er IST. Da WO er steht, steht er GUT. Wir haben den schon EBEN DAHINGESTELLT!” führte die wechselfreudige-Betonungsfrau ihr Recht des Ersten aus. Da sie schon von mir in der dritten Person sprachen, entschied ich mich gar nicht erst einzumischen, sondern lieber gespannt auf den Vorhang auf der Bühne zu starren. “Der ist ja auch mal grooohhhhß….” sagte die schwächliche Männerstimme, die daraufhin etwas Kraft gewann, als sie erheitert sagte: “Der wäre bestimmt n guter Leuchtturm!”. Ich verspürte die unbändige Lust den Supersuperlativ zu erfinden und diese Bemerkung als die superüberflüssigste und die superunlustigste Aussage des heutigen Tages festzuhalten.

Doch ich war nicht wirklich angefressen. Erst recht nicht, als die Band die Bühne betrat und das Gekreische lauter wurde. Dann betraten auch AnNa und Peter die Bühne und stimmten “Ich geh in Flammen auf” an. Schon war der ganze Ärger vergessen. Wem es was sagt: Rosenstolz haben sogar mal wieder einige ganz alte Nummern ausgegraben und spielten neben dem aus der Tour ‘06 bekannten “Nur einmal noch”, “Kassengift” und “Soubrette werd’ ich nie”.

Als ich das Stück zum ersten Mal hörte, wünschte ich mir DAS mal live zu hören und an diesem Abend ging mein Wunsch in Erfüllung. “Soubrette werd’ ich nie” war der erste Track auf dem ersten gleichnamigem Album, dass 1992 zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Es ist vielleicht nicht das älteste Lied von Rosenstolz (–> “Niemehr niemals mit dir”), aber trotzdem eine richtig geile Nummer!

Rosenstolz gaben aber auch einen Ausblick auf zukünftiges und spielten zwei Lieder aus dem neuen Album, dass voraussichtlich im Frühjahr 2008 erscheinen wird. Eines davon wird “Blaue Flecken” heissen, was eine Interpretationsmöglichkeit für den Titel des Blog-Eintrags bietet (Entweder das, oder es geht um die blauen Flecken, die meine Handinnenflächen zieren).

Ich hab mich spontan in dieses Lied verliebt!

“Ohne dich dreh ich durch
Halt mein Herz in der Hand
Und ich werfs dir hinterher
Fang es auf
Halt es fest
Oder schmeiß es einfach weg
Vielleicht brauch ichs ja gar nicht mehr
…Ich hab noch immer blaue Flecken.”
– Rosenstolz

Rosenstolz haben es auf diesem Konzert wieder einmal geschafft, dass während eines Liedes plötzlich Teile meines Körpers stark und trotzdem angenehm zu kribbeln anfingen (Kopf, Oberarme und Oberschenkel) und ich mich dann mit diesem Lied sehr stark verbunden fühlte. Dieses Mal handelte es sich um “Willkommen“.

Viele weitere Songs lösten magische Momente aus und machten den Abend zu einem unvergesslichem Erlebnis. Ich könnte wohl noch Seiten mit dem Konzert füllen, aber ich bin darüber besorgt, dass ich Euch dann langweilen würde.

RS Konzert1

Einige von Euch - vornehmlich CogScis - werden sich fragen, wie ich mir die Zeit dazu nehmen konnte. Samstag, Sonntag und Montag gar nichts tun? Und das so “kurz” vor Semesterende?

Aber ich kann euch beruhigen: Es war nicht einfach für mich. Am Freitagabend habe ich bis tief in die Nacht Computer Linguistic gemacht. Im Zug habe ich am Philosphy Essay gewerkelt und als ich Montag wiederkam, brachte ich die folgende Nacht mit Informatik zu. Was dazu führte, dass ich armes kleines Ding tatsächlich keinen Schlaf fand und nun seit nunmehr fast 30 Stunden wach bin.

15
Jun

Künstliche Intelligenz in Haushaltsgeräten

Vor ein paar Wochen, an einem Samstag, wurde ich früh morgens unsanft geweckt. Irgendwas piept, dachte ich und schielte auf die Uhr: “09:31″. Ich blieb liegen in der Hoffnung, dass die Quelle des Piepens mit dem selbigen aufhören würde, wenn ich ihr nur glauben machen könnte, niemand würde sie beachten.

Falsch gedacht! Ich raffte mich also auf, ging raus auf den Flur und identifizierte unseren Rauchmelder als Geräuschquelle. Meine noch nicht ganz wachen Sinne registrierten weder Hitze, noch Rauchgeruch, noch Flammen, noch Hilfeschreie. So entschied ich “blitzschnell”: Die Batterie muss demnächst gewechselt werden.

Ich schraubte den Rauchmelder aus seiner Fassung (was zum Glück mit der bloßen Hand zu bewerkstelligen war) und entfernte die Batterie aus dem Gerät. Leicht genervt torkelte ich zurück in mein Zimmer und legte mich wieder schlafen.

Als ich aufwachte und mein Zimmer verließ, sah ich den Rauchmelder achtlos auf einem Tisch liegen. Ach ja!, dachte ich mir, das nervige Ding hat mich ja eben geweckt. Ich demonstrierte meine Überlegenheit gegenüber der Maschine, indem ich mir ihre kläglichen Überreste anschaute (Genau genommen waren die Überreste nicht kläglich. Der Rauchmelder funktioniert immer noch bestens - hoffe ich.). Im Batteriefach sah ich einen weißen Aufkleber, der normalerweise von der Batterie verdeckt war.

Es handelte sich um einen Warnhinweis:

“ACHTUNG!
BATTERIE ENTFERNT!”

o_O

“Alle Achtung. Ist schon fast gruselig, dass DIE das so genau mitbekommen haben.”

14
Jun

Bücher für bessere Menschen

Neulich trudelte ein Brief bei uns zu Hause ein.

Der Brief kam vom Club Bertelsmann mit der Bitte doch etwas aus dem Club zu kaufen. Andernfalls würde selbiger Club annehmen, dass wir uns bereits vor Freude in unserem eigenen Urin wälzen, angesichts der Tatsache, dass wir in wenigen Tagen endlich automatisch Nichtssagendesbuch #122 kaufen werden.

Ich überlegte wie ich den Club davon abhalten kann uns die sog. “monaltiche Kaufempflehung” zuzusenden und nahm kurzerhand die Autoschlüssel.

Im Club dann (wem das zu schnell ging: zwischen “Schlüssel-nehmen” und “Im-Club-sein” fand noch das ereignislose “Auto-fahren” statt) nahm ich die Suche nach Harald Schmidts “Mulatten in gelben Sesseln” auf. Der Club war praktischerweise in eine Buchhandlung integriert, die wiederum in einen Bürobedarfsartikelladen integriert war.

Ich suchte einige Regale ab und stellte entnervt fest, dass die gesamte zweite Etage des Geschäfts ebenfalls mit Büchern vollgestopft war. Ich erspähte eine Verkäuferin. Ein dafür-wird-die-Frau-schließlich-bezahlt-Gedanke (DWDFSBG, nicht zu verwechseln mit dem artverwandten DWDMSBG) trieb mich an, sie um Hilfe zu bitten.

Zwei Frauen okkupierten, von einem DWDFSBG angetrieben, die Verkäuferin. Frau #1 schaute ihr soeben erworbenes Buch an und Frau #2 nahm ihr Buch entgegen. “Na endlich!” sagte sie. Frau #1 stierte auf das Buch von Frau #2 und sagte: “Oh das Buch wollte ich schon IMMER mal lesen, aber man kommt ja so schlecht ran!”. Frau #2 entgegnete: “Ja genau, deshalb freu ich mich jetzt auch sehr. Das Buch soll wirklich gut sein.” Als die Verkäuferin sich mit einem “Ja, die Frau hat viele gute Bücher geschrieben, wisst ihr?” einschaltete, erkannte ich, dass das ganze länger dauern könnte und schaute mich wieder seufzend um. Ich schritt zum gerade entdecktem Regal “Bestseller” und hoffte fündig zu werden.

Als auch dieses Regal erfolglos abgesucht war und Frau #1 und #2 entschieden haben, dass die Verkäuferin ihr nächstes Monatsgehalt mit gutem Gewissen entgegen nehmen darf, schritt ich wieder zu der Frau mit dem “DER CLUB” Namensschildchen.

Ich fragte sie : “Guten Tag. Haben sie “Mulatten in gelben Sesseln” von Harald Schmidt?” “Nein, das ist derzeit vergriffen. Wollen sie es bestellen?” Himmel! Das war ja SO klar!, dachte ich, ich bestelle es bei amazon.de! . In meinem Kopf machte sich wieder Nichtssagendesbuch #122 breit, sodass ich kurze Zeit später “Ja, ich möchte es bestellen.” zurückgab.

Die Verkäuferin zückte einen kleinen Block mit gelben Zetteln und machte sich Notizen: “Wie heissen Sie?” “Ich heisse Tobias Grage. Ähm… brauchen sie die Clubkarte?” Die Frau hört plötzlich mit dem Schreiben auf und blickt mir in die Augen. “Sie sind beim Club?” “Ja, bin ich.” Die Mimik der Frau erhellte sich schlagartig und ein Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit. “Na, wenn das so ist. DANN revidiere ich meine Aussage.” Zielsicher ging sie zu einem Regal unweit von der Kasse, zog noch zielsicherer ein kleines Buch aus dem Regal und reichte es mir. “Hier, bitteschön!”

Ich schaute irritiert auf das Cover, während die Frau zur Kasse schritt “Das macht dann 8,95! Ihre Karte, bitte.” Ich tat wie geheißen und verließ dann das Geschäft. Heftig!, dachte ich mir auf dem Weg zum Auto, es gibt Bücher für bessere Menschen. Das schlimmste war: Ich gehöre zu den besseren Menschen mit der Eigenschaft Club Mitglied zu sein.

Jetzt freue ich mich auf den nächsten Besuch beim Club, wo ich von Anfang an meinen Schlüssel zum Glück (Club-Plastikkarte) breit lächelnd vorzeige und in den geheimen, mit rotem Samt ausgestatteten Bereich geleitet werde; dort, wo die guten Bücher stehen.

13
Jun

Unvollständig (oder: “Ein Essay entronnener e’s”)

Gras und Kraut sind im Wald.Tag und Nacht ging ich dorthin und sprach zu Gras und Kraut: “Das Land ist fruchtbar, das Gold ist kostbar und Nahrung ist furchtbar kostbar!”. Klug istn Strauch nicht - das sag ich dir! Ich nahm Frucht und Brot und zog davon. Ich ging und ging und ging. Wohin nur ging ich? Ich ging in Richtung Haus.Danach trat ich also vor das Haus und sprach: “Bin ich krank? Komisch… Was ist so unnatürlich? Ruhig Blut, Tobias!”.

Da sah ich ihn. “Ich frag ihn mal” sprach ich zu mir. “Was willst du von mir? Was hast du vor?” - “You should not know this. Go away and don’t turn back! “So ging ich fort, zur Stadt. Auch dort war nichts in Ordnung. Komisch! Was ist nur los? “Ich kann das nicht und ich will das nicht!”

Das Licht ist schon längst fort. “Warum ists nur so unvollständig?”, ich bin in Angst, “Hilf mir - sofort!”.

Also: Was stimmt nicht? Was ist so unnatürlich?

Kommt ihr drauf?

12
Jun

Die Unendlichkeit von natürlichen Sprachen

Wir wissen alle, dass unsere Sprache ständig erweitert wird und nie einen finalen Zustand erreichen wird. Das ist einer der Gründe, warum natürliche Sprachen unendlich sind.

Ein Beispiel für eine Spracherweiterung durfte ich aus nächster Nähe erleben. Wir kennen verschiedenste Arten und Weisen auszudrücken, dass man auf die Toilette gehen möchte. Wenn man also seinen Freunden sagen möchte, dass sie sich keine Sorgen machen sollen, wenn man mal eben kurz verschwindet. Man sagt Sachen wie: “Ich geh mal eben aufs Klo!”, “Ich hab Druck auf der Leitung!!” oder “Ich geh pissen!”.

Schon “Druck auf der Leitung haben” zeigt, dass man sich sprachlich geschickt um den heissen Brei herummanövrieren kann. Einige Kommolitonen bevorzugen diese Art der Urinierungsbedürfnisverlautung. Und ich, in meiner Rolle als strikter Gegner dieser Bewegung, wies diese Personen öfters daraufhin, dass ich mich über direktere Äußerungen freuen würde, was bei eben diesen Personen zu einer unverschämten Trotzhaltung führte. Nahezu provokativ hagelte es also “Ich lege mal eben einen Boxenstopp ein.” oder “Ich verschwinde mal eben kurz ‘wohin’.”.

Doch jetzt kommts! Eines Tage sagte Karl G. aus M. (Name geändert): “Ich geh mal eben ins Zwischenstockwerk!”. Für alle, die das AVZ der Universität in O. nicht kennen: Tatsächlich gibt es eine Toilettenanlage, die auf halber Strecke zwischen dem Unter- und Erdgeschoss liegt - ein Zwischenstockwerk!

Das Zwischenstockwerksding wurde schnell von einigen anderen ebenfalls verwendet und ging in den “allgemeinen Sprachgebrauch” über. Bis hierhin klingt alles nach einem kleinen “Insider”, dem keine größere Beachtung geschenkt werden sollte, doch eines weiteren Schicksalhaften Tages sagte Wilhelmine P. aus C. (Name geändert) “Ach, geht schon mal ohne mich nach oben! Ich muss noch mal eben zwischenhergehen.”

o_O

So war ein Verb für die Tätigkeit “aufs Zwischenstock gehen” geboren. Was folgt als nächstes? Ein Adjektiv? So wie in “mein zwischenstöckiges Bedürfnis wächst!” oder “Ich hege zwischenstöckige Gedanken.”.

Was soll uns dieser Eintrag sagen?

  1. Lasst aus akuter Anstößigewörterausprechphobie die Sprache nicht unendlicher werden.
  2. Verfasst über eine Nichtigkeit wie diese keinen Blog-Eintrag. :)
12
Jun

Zephyr

Ein herzliches ‘Hallo’ und ‘herzlich Willkommen’ an Euch, die ihr euch hierher verirrt habt! Der Toby hat einen Blog!

Jawohl, ich halte mich für wichtig und interessant genug um öffentlich Informationen preiszugeben und diversen Senf dazuzugeben! (Hat ‘Senf’ einen Plural?!)

Doch warum heisst dieser Blog ‘Zephyr’ (nochmal Grammatik: ‘dieser Blog’ oder ‘dieses Blog’?) ? Wenn man einen Blick auf Wikipedia wirft, erfährt man, dass Zephyr ursprünglich eine Figur aus der griechischen Mythologie ist, die den Westwind verkörpert. Zephyr hat aber nicht nur die Funktion den Westwind zu verkörpern, sondern auch die Funktion wahllos beliebig viele Frauen und weibliche Tiere zu schwängern. Wer mich näher kennt, wird wissen, dass ich höchst selten wahllos Frauen einen Braten in die Röhre schiebe - geschweige denn Tieren. Übrigens: Zephyr, so Wikipedia, findet auch “Gefallen” an jungen Männern - da kommen wir der Sache doch schon näher!

Der Name Zephyr bezieht sich schon auf den Westwind, aber nicht auf die Beschreibungen in Wikipedia. Den Namen ‘Zephyr’ habe ich vielmehr meinem Lieblingsbuch, Andreas Steinhöfels “Die Mitte der Welt” entliehen. Alle die das Buch gerade lesen oder noch lesen wollen, sollten folgendes überlesen (ist nicht wirklich ein Spaß-an-dem-Buch-verderbendes Ding, aber dennoch eine schöne Nebenhandlung):

Die Schwester des Protagonisten, Dianne, hat sich in einen Jungen verliebt, der drei Jahre zuvor einen schlimmen Radunfall hatte und seitdem im Koma liegt. Sie hat nie aufgehört ihn zu lieben und verbrachte viele Stunden an seinem Krankenbett. Sie nannte ihn “Zephyr”:

“Zephyr”, wiederhole ich leise. “Das ist nicht sein richtiger Name, oder?”
“Nein. Es gibt ein Gedicht über den Westwind: Erhebe mich wie eine Welle, trag mich wie Wolken, wie ein Blatt, bevor ich blutend auf des Lebens Dornen niedersinke… Na ja, klingt ein bisschen kitschig.” Dianne sieht mich an. “Er heißt Jan.”
-Andreas Steinhöfel,”Die Mitte der Welt” S. 435

Sie schrieb ihm regelmäßig Briefe. Diese Briefe legte sie in ihre Schreibtischschublade, da Zephyr sie niemals lesen würde.

“Wird er wieder … ich meine, besteht eine Chance, dass er irgendwann wieder aufwacht?” “Nein, er ist tot”, antwortet Dianne nüchtern. “Wenn die Maschine entfernt würde, wäre es vorbei. Aber seine Eltern lassen es nicht zu.” [...] “Warum lassen sie ihren Sohn an diesem Apparat hängen?” “Weil sie ihn lieben.” “Das ist sehr egoistisch.” Dianne zuckt die Achseln. “Das ist Liebe doch immer, oder?”
- Andreas Steinhöfel, “Die Mitte der Welt” S. 437 f.