25
Sep
09

photos of the now (1)

Mein erster Nachtspaziergang in Dresden führte mich zum Hauptbahnhof, den ich schon beim Vorbeifahren früher am Tag richtig schick fand.
Nun bin ich seit ein paar Stunden wieder in dem Hostel des Bösen™, wessen Übernachtungspreise sich antiproportional zur Anzahl der freien Zimmer verhalten.

Morgen ist der vorerst letzte Tag in Dresden, der wohl noch ein paar hübsche Besichtigungen mit sich bringen wird, sowie hoffentlich Zeit für und vor allem Lust auf ein wenig Stadt-Anschauen.
Wohnungssuchen zum (oder: kurz vorm) Wintersemester ist eine dumme Idee, die aber zumindest hübsch viel dicht gepackte Abwechslung mit sich bringt.

Ich dachte, ich hätte schon was tüchtig außergewöhnliches erlebt, als ich gestern einer casting-artigen Besichtigung mit acht Teilnehmern beiwohnte (wir sollten uns alle kurz vorstellen [mit ca. drei Minuten Sprechzeit], während potentielle Mitbewohnerin eifrig Notizen anhäufte [zusätzlich nutzen viele die Chance zum Arschkriechen und in "ich auch!"-Euphorie auszubrechen, indem sie jemand anderen unterbrachen, sobald sie bemerkten, dass der vielleicht-Mitbewohnerin etwas besonders gefiel -- alle ohne Zimmer in Dresden, alle halbwegs verzweifelt]); ich hörte allerdings von anderen WG-Suchenden von Menschen, die Besichtigungstermine mit 20-30 Leuten abhalten würden.

Dies ist mein zweiter Besuch in Dresden zwecks Wohnungssuche. Diesmal bin ich recht zuversichtlich, dass mir eine Zusage winkt (nein, nicht von der casting-WG — würde ich auch nicht wollen).

Merkwürdig: Während einer Besichtigung heute sagte ich zum Abschluss: „Also ich bin interessiert. Die Wohnung sieht klasse aus und ihr seid mir sympatisch. Was sagt euer Bauchgefühl?“
Ich fügte noch „…zu mir — eher ja, eher nein?“ hinzu, als ich zwei irritierte Blicke erntete.
„Müssen wir noch sehen.“ kam als Antwort zurück.
Es handelt sich um eine WG mit Chemie- und Ingeneur-irgendwas-Student — vielleicht wollen einige Klischees erfüllt werden.

13
Jul
09

another year

Ich halte drei dicke Umschläge in den Händen und wandere durch die Straßen Osnabrücks, das gerade im Begriff ist zu erwachen. Drei dicke Umschläge mit Anträgen auf einen Hochschulwechsel, von denen ich nicht weiß, wie ernst ich sie meine.

Eine Frau, die sich in Kürze als unsympathisch herausstellen soll, hält neben mir an. „Hermannsstraße?“ fragt sie, schaut mich kaum an. „Pfff…“, mache ich, „weiß ich nicht — keine Ahnung“. Sie dreht am Knöpfchen, das ihre Klimaanlage runterzuregeln scheint, schaut mich immernoch nicht richtig an.
Ich warte auf weitere Konversationsbröckchen ihrerseits. Der elektrische Fensterheber verrichtet zwischen uns seine Arbeit — auch eine Art Konversationsbröckchen.

Ich erreiche den Briefkasten, habe eine letzte Assoziation an Amanda Palmers „Another Year“ und schmeiße die Briefe ein, die kurz darauf ein dumpfes Geräusch erzeugen.
Ich trete den Rückweg an und scheine völlig in irgendetwas diffus-realitätsfernes zu versinken. Das fällt mir auf als ein vorbeifahrender Mann auf Fahrrad mir blöd hinterherschaut — ich habe gedankenverloren ein Lied, das ich hörte, mitgesungen und ließ Gedanken kreisen.
Die Realitätsferne entfernt sich (unerfreulicherweise).

Ich bin zu Hause und könnte mir überlegen, wie ernst ich meine drei dicken Anträge meine.
Das Schicksal (oder sonst irgendwer) schwingt lässig einen Würfelbecher in seiner linken Hand und ich warte und schaue, was für mich dabei rausspringt.

10
Mai
09

The Sheep Song

Heute gibt es zum ersten Mal Musik von mir auf meinem Blog — mein Instrumentalcover von ‘The Sheep Song’; ein Lied von ‘The Dresden Dolls’ (erschienen auf dem Album ‘No, Virginia…“).

Viel Spaß damit!

.

10
Mai
09

unscheinbare Entscheidungen

Als ich heute meine Wohnung aufräumte und mich im größeren Kontext vorbereitete zurück nach Ibbenbüren zu fahren (zu meiner Familie), hat mich Lena per Chat angeschrieben. Sie säße gerade in einem unspannenden Blockseminar und überlege, was sie heute stattdessen klügeres hätte machen können. Ich plauderte ein wenig mit ihr und fragte sie irgendwann — da es doch so schier unaushaltbar in diesem Wochenendseminar zu sein schien — ob ich ihr nicht ein Stückchen Kuchen vorbeibringen solle.
„Ja, wir haben gleich Pause und sind in Gebäude 41, Raum 218.“

Ich habe es nicht ernst gemeint, doch meine Tendenz „etwas Unerwartetes tun“ meldete sich — so schwang ich mich spontan auf mein Rädchen, kaufte für sie und für Corinna (die auch im Seminar saß, wie Lena berichtete) ein Stückchen Kuchen beim Bäcker und fuhr zu Gebäude 41.
Auf dem Weg dorthin dachte ich darüber nach, dass ich eigentlich „was tun“ wollte, diese Tätigkeit keinen großen Sinn hat und trotzdem supercool ist. Ich dachte aber auch — wie in den letzten Tagen häufiger — daran, dass jede Entscheidung — und sei sie noch so subjektiv unbedeutend — weitreichende und unerwartete Konsequenzen haben kann.

In diesem Fall gab es zwar keine besonders weitreichende, aber dennoch eine unerwartete Konsequenz (zumindest so wie bislang ersichtlich). Aber bevor ich dazu komme, sei kurz erwähnt, dass Lena ein sehr liebenswert-blödes Gesicht gemacht hat und herzlich zu Lachen anfing, als ich mit einem Bäckerei-Kuchen-Verpackungs-Ding auf sie wartete.
In dem Gespräch, während dem von Lena und Katha Erdbeerrhabarberkuchen verzehrt worden ist (Corinna konnte nicht, sie musste sich auf ihr Referat .. vorbereiten), fiel folgender Satz:
„Ach, du fährst also nach Hause? Wegen Muttertag, was?“
Ich hab den Muttertag vergessen.
Oder ich hätte ihn wohl vergessen, wäre ich nicht nochmal darauf aufmerksam gemacht worden.

Richtig: „nochmal“. Ich wurde aber auch so immens stark zugemüllt mit „Bald ist Muttertag“-Werbeaktionen im Briefkasten, im E-Mail-Postfach, im Supermarkt — da schotte ich dann wohl ab :)

Jetzt bin ich also zu Hause, habe mir ein Rezept geschnappt und werde gleich, wenn hier alles schläft, einen tollen tollen Kuchen backen. Nachts. Yay!
Durch diese Begebenheit hat meine Mutti morgen eine hoffentlich tolle Muttertagsüberraschung und ich habe einen 1-A-Aufhänger fürs eigentliche Thema: jene kleinen unscheinbaren Entscheidungen.

Mir macht es zuweilen Spaß über diese Entscheidungen nachzudenken, die im Nachhinein mein Leben sehr stark verändert haben, wovon ich aber zum Zeitpunkt der Entscheidung nichts ahnte.

Da wäre zum Beispiel die Entscheidung „Wir müssen für die LAN-Party eben noch Knabberkram kaufen. Wollen wir zum Extra fahren oder lieber zu Marktkauf?“
Mir war es egal. „Dann Marktkauf! Schließlich habe ich jetzt einen Führerschein — wir können auch mal etwas weiter wegfahren“.
Was folgte war ein Autounfall.
Natürlich möchte ich nicht behaupten, dass der Unfall passiert ist, weil ich „Mh.. mir egal“ gesagt habe, aber hätte ich damals auf den Extra-Supermarkt bestanden, wären wir nicht in den landwirtschaftlichen Schleichweg eingebogen, sondern über die Hauptstraße gefahren (vielleicht wäre es dennoch passiert, klar).
Ohne den Autounfall wäre mein Leben jetzt auf vielen Ebenen ganz anders. Allein durch die Erinnerung oder besser das Erleben dieser Situation habe ich mich verändert — soweit so gut.
Eine Konsequenz, die aber besonders weitreichend für mich ist, ist die daraus resultierende Untauglichkeit bei der Musterung.
Hätte ich meinen Zivildienst machen müssen, hätte ich nicht bereits im Wintersemester 2006/07 anfangen können zu studieren — ich hätte einen ganz anderen Freundeskreis als ich ihn jetzt habe.
Das kann man sicherlich auch noch weiter stricken: der Zivildienst hätte mich in irgendeiner Form verändert, ich hätte nicht soviel im Krankenhaus über das Leben nachgedacht, ich hätte ohne den Unfall zu einem Kurstreffen gehen können, auf das ich mich schon gefreut hatte.
Was davon wirklich herausragend wichtig gewesen wäre, lässt sich nicht sagen. Und ich kann auch nicht wissen, was konkret ohne den Unfall passiert wäre, weshalb dieser Gedankengang nicht besonders ertragreich erscheint.

Dennoch fasziniert es mich, auf diese Art und Weise auf meinen bisherigen Lebensweg zu schauen.

Ein anderes Beispiel für eine unscheinbare und weitreichende Entscheidung ist meine Teilnahme am Symposium TurmderSinne 2007; oder mich an meinem ersten Schultag neben meine beste Freundin zu setzen, obwohl es mir ihr Cousin, der auch in meiner Klasse war, verboten hat; oder aber die Wahl meines Gymnasiums:
Meine Eltern sind mit mir an den beiden Gymnasien in Ibbenbüren vorbeigefahren. „Weißt du schon, auf welches du gehen willst, Tobias?“ fragte meine Mutter. „Ich mag auf das hier“, antwortete ich während ich auf das Kepler zeigte, „das Gebäude ist treppenförmig, außerdem gibts hier Bäume und Rasen.“
Das andere Gymnasium war direkt am Bahnhof, ein quaderförmiger Betonklotz, alles ringsrum gepflastert, reichlich trist.

Und man kann diese kleinen Fleckchen meiner Biografie sogar in (eine wirre) Beziehung setzen:
Dass ich mich trotz Verbot an meinem ersten Schultag neben die Cousine des späteren „Anführer-Kindes“ gesetzt hab, hat mir bei ihm kräftig Minuspunkte eingeheimst. Dann hatte ich zu der großen in der Klasse vorherrschenden Streitfrage „BVB 09 oder Bayern München“ nichts besseres beizutragen als „BVB? Was ist denn das? — Ach, Fußball?! Keine Ahnung — mag ich nicht.“, was der ganzen Sympathiesache bei dem Großteil der Jungs wohl den Rest gegeben hat.
Ich musste teilweise deswegen bei der Gymnasiumswahl nicht darauf achten, wo meine Freunde hingehen würden — ich hatte nur einen richtig guten Freund und der ging auf die Realschule. Die Klassenkameraden, die auf ein Gymnasium gehen wollten und durften, gingen geschlossen auf das triste Klotzgymnasium. Selbst der eine, der eigentlich auf das treppenförmige Kepler mit Grün gehen wollte, entschied sich anscheinend aufgrunddessen doch für den Klotz.
Die Gymasiumswahl trug teilweise zu meiner Bekanntschaft mit dem Fahrer bei, der uns Jahre später vor einen Baum setzen würde, wodurch ich im WS2006/07 anfangen konnte zu studieren, wodurch ich die Leute kennenlernte, die mir unter anderem vom Symposium erzählten und mich überredeten mitzukommen.

(Diese kleine Kette beantwortet die Frage, wie der Großteil meines Freundeskreises entstanden ist — nicht gerade stark verwunderlich, flog mir aber durch den Kopf)
Ich könnte einige weitere Beispiele und Ketten generieren: Hätte ich mit der in der 11. Klasse aufkommenden Idee Psychologie zu studieren, meine Leistung in der Schule so verbessert [und verbessern können], dass ich den NC mit Sicherheit packen würde, wäre ich nicht in das Berufswegsberatungsding gegangen, wo mir zum ersten Mal der Begriff  „Cognitive Science“ über den Weg lief. Wie kam ich zu der Psychologie-Idee? Teilweise durch eine Freundin, die ich durch zwei weitreichender-als-gedacht Entscheidungen kennengelernt habe, usw., usf.).

Es ist häufig so, dass (größere) Entscheidungen weitreichendere Konsequenzen haben (für einen selbst und für andere persönlich relevante Menschen), als man beim Entscheiden ahnt.
Bei jeder Entscheidung tut sich ein Scheideweg auf, quasi eine Aufspaltung in mindestens zwei mögliche Welten, die mehr oder weniger stark voneinander abweichen können.
Eine dieser Welten wird dann Realität.
Hinzu kommt, dass sich alle Menschen andauernd entscheiden — ein unüberschaubarer Haufen möglicher Welten. Dabei sind das nur die wenigen Entscheidungen, die ich explizit festmachen kann — noch unüberschaubarer. Und wenn man bedenkt, dass bereits „einen Schritt nach links machen“/“nach rechts machen“/“still stehen“ (oder „atmen“/“nicht atmen“) verschiedene Entscheidungen (im weiterem Sinne) sind, wird es wirklich unspannend-unüberschaubar.

Aber zurück zu dem für mich spannenden Aspekt — zurück zu größeren und weitreichender-als-geahnt Entscheidungen:
Ich find das toll und aufregend — es macht mich neugierig (retrospektiv und prospektiv) — ich würde gerne wissen, wie einige spezielle Alternativwelten konkret aussehen würden (ich muss gerade an Dickens’ „A Christmas Carol“ denken — wie wäre es mit einem „Geist der Alternativwelt ω17-Abschnitt DXIV“?).
Es zeigt aber auch, wie sensibel das ganze Gefüge des eigenen Lebensweges, der eigenen Person ist.
Wenn man sich wünscht anders sein zu können, eine einzelne (oder mehrere einzelne) Variablen der eigenen Persönlichkeit (oder auch an einer anderen Person, einer Situation) verändern zu können, schenkt man den indirekten Auswirkungen (i.U. zu den gewünschten direkten Auswirkungen) keine Beachtung.
Es gibt diese unglaublich skurille Frage in dem Kontextfragebogen eines größeren psychologischen Tests: „Wenn Sie sich Persönlichkeitseigenschaften im Supermarkt kaufen könnten, Ihr Geld aber nur für drei reicht, was packen Sie in Ihren Einkaufswagen?“.
Aber auch das mag ich nicht durch und durch verteufeln — für mich hat jeder eine Vorstellung von und ein Bestreben nach bestimmten Aspekten, die er gerne in seiner Person enthalten sehen würde; und wenn ich es weiter runterbreche, spielt auch Lernen in diese Richtung (z.B. aus Fehlern lernen — wenn man etwas überhaupt als Fehler ansieht, hat man eine Vorstellung von mindestens einem nicht fehlerhaftem Zustand und möchte sein zukünftiges Verhalten wohlmöglich dahingehend verändern).

Aber ich werde mich hier (zumindest jetzt) nicht weiter mit diesem Aspekt auseinandersetzen,
ich geh Kuchen backen — mal sehen, was daraus folgt.

Sowieso ist das Muttertagsding ein sehr schöner Rahmen für diesen Eintrag — wir sind die weitreichende und bestimmt an vielen Stellen auch unerwartete Konsequenz einer Entscheidung unserer Eltern (wobei unsere Eltern in keinster Weise ahnen konnten, was diese sehr große Entscheidung für Auswirkungen haben würde).
Drückt eure Mütter ganz kräftig (und eure Väter gleich mit) :)

16
Mär
09

MONA!

Wenn man die ganze Nacht allein mit seinem Sozialpsychologielehrbuch verbracht hat (so wie ich heute bzw. gestern) und die Nacht schließlich in den Morgen mündet (so wie gerade passiert) ist der erste (unverhoffte) „Kontakt“ mit anderen Menschen nach Stunden … komisch.
Mit denjenigen „anderen Menschen“ also, die brav schlafen waren und wieder wach sind; im Gegensatz zu mir, der immernoch wach ist.

Eins vorweg:
Ich stehe — einen Moment, kurz rechnen, jetzt ist offiziell Montag — acht Tage vor meiner Vordiplomsprüfung in Sozialpsychologie. Das bedeutet noch lange nicht, dass ich tatächlich vor lauter Stress und Hektik vergesse zu schlafen oder — noch schlimmer — die Vorstellung gewinne, ich dürfe mir Schlaf nicht erlauben (was neben einer reichlich dummen gleichzeitig auch eine schwer aufrechterhaltbare Einstellung ist).
Es ist viel eher so, dass das Phänomen aus dem Kuhl-Eintrag immernoch auftritt — zwar seltener, aber immernoch:
Ich hock gefühlte Ewigkeiten vor meinem Häufchen Arbeit und finde keine Lust oder Motivation in mir damit anzufangen/weiterzumachen, lenke mich ab und bin deswegen sauer auf mich.
Ab und zu passiert es (mit schrumpfender Distanz zum Prüfungs-/Abgabetermin immer häufiger), dass ich doch meinen Willen in die Tat umsetze. Ist dies der Fall, passiert es dann aber auch gerne mal, dass ich stur nicht einsehe, warum ich mit dem Umsetzen aufhören sollte, nur weil es plötzlich Nacht ist — solange ich nicht müde bin und das in-die-Tat-Umsetzen nicht nachlässt, weigere ich mich schlicht (ich frag mich gerade, ob mein Melatoninhaushalt im Eimer ist).

Jetzt zu Mona:
Ich lag auf meinem Bett und las wirklich interessantes sozialpsychologisches Zeugs, was ich in (jetzt) acht Tagen möglichst gut wiedergeben und miteinander-verknüpfen können will.
So gegen acht Uhr klang ein entfernter Ruf durch die offenen Fenster:
„Mona, komm!“
Nachdem ich die plötzlich in meinem Kopf aufschießende Frage „Wer is Mona?“ erfolgreich unterdrückt hatte, las ich weiter.
Es gab ein schrilles Pfiffgeräusch. „MONA!“ klang es nun entschieden lauter.
Eine ganze Zeit lang wechselten sich Pfiffgeräusche und „MONA! KOMM!“-Rufe ab, was meinem Bemühen, dem ganzen keine Aufmerksamkeit zu schenken, nicht sonderlich geholfen hat.
Als der Brüllende zum wütenden Schreien übergewechselt ist, ging ich zum Fenster.
Ein Mann im Anorak starkte sichtlich erzürnt über das brachliegende Feld, was ich von meinem Fenster aus beschauen kann, auf einen kleinen undefinierbaren Haufen zu.
Ich hielt es spontan für einen Misthaufen, fragte mich, wessen Mist das sein soll und entschied mich dafür, dass es sich eigentlich um einen Rest-Heu-Haufen handelt, den niemand abholen wollte, als das Heu frisch war.
Der Mann brüllte inzwischen den Heuhaufen an.
Ein Hund kam aus dem Haufen gesprungen und schmiegte sich ans Bein des Mannes.
„MONA! JETZT KOMM!“, brüllte er den Haufen weiter an.
„Das versteh ich nicht“, dachte ich.
Er machte einen weiteren Schritt auf den Haufen zu, guckte ihn bestimmt arg bedrohlich an (die ganze Szenerie spielte sich geschätzte 200-300 Meter von mir entfernt ab) und sorgte so irgendwie dafür, dass ein zweiter Hund — Mona — dem Haufen entfleuchte.
Ich schaute noch etwas zu, wie der Mensch sehr bemüht den Acker verließ — seine Hunde wollten sehnsüchtig zum Haufen zurückkehren, drängten, zerrten und seine Füße wollten ständig halb in den Boden einsinken. Als meine Oma sich im Stockwerk unter mir plötzlich hörbar räusperte, unterbrach das meine Faszination.
Ich ließ vom Fenster ab.

Merkwürdigerweise trägt diese Szenerie dazu bei, dass ich ins Bett gehen möchte — es ist hell geworden, Menschen wachen auf und verrichten ihr Tagewerk.
Die Nacht hat einen wunderhübschen Charme und ist für mich ideal zum Lernen — es ist generell die Tageszeit, wo ich am aktivsten bin (ich mache mir wieder Gedanken über Melatonin).
Nun ist die Nacht vorbei, ihr Charme ist mit ihr verschwunden und Monas Besitzer hat meine Konzentration zunichte gemacht — ich gehe schlafen.

Zusätzliche Schlafmotivation bietet normalerweise auch das nicht Entdeckt werden wollen (was gar nicht einen so großen Teil ausmachen kann, wenn ich mich jetzt im Internet oute).
Wenn Menschen einen dabei erwischen, wie man eine Nacht durchgemacht hat (in diesem Fall durchgelernt hat — das klingt viel produktiver und bewundernswerter und toller), hört man einen blöden Spruch oder wird böse sozial sanktioniert (z.B. durch einen bösen Blick — in einem Reiseführer für die Stadt London hab ich gelesen, dass die englischen Polizisten unhöfliches Benehmen und minderschwere Regelverstöße mit einem bösen Blick ahnden würden.
Seither bildet das für mich die höchste Form der (höflichen) sozialen Sanktionierung :] ).

23
Okt
08

Interrail

Mindestens 3.750km (lt. Google Maps) legten Michael und ich in der Zeit vom 15. bis 22. März 2008 zurück. Wir machten eine Interrailreise von Osnabrück ausgehend über Holland, Belgien und Frankreich durch die Länder England, Wales und Irland (Republik). Dazu buchten wir uns ein 5-in-10-Tagen-Interrailticket, das uns die Möglichkeit bot — nunja — uns in einem Intervall von zehn Tagen fünf auszusuchen, an denen wir jeden internationalen nicht-extravaganten Zug nutzen durften.

Auf der obigen Reiseroute ist jeder Tag mit einer eigenen Farbe versehen und jede Übernachtungsstätte wiederum mit einem weißen Knubbel. Hier ein kleiner Überblick über die Route:

  • Tag 1 (weiß): Fahrt von Osnabrück nach London. Übernachtung in London (1).
  • Tag 2 (rot): Abends nach Bulstrode, um Michaels Freundin Hanna zu besuchen. Übernachtung in London (1).
  • Tag 3 (orange): Ab Nachmittag Fahrt nach Holyhead (2), sowie dortige Übernachtung.
  • Tag 4 (gelb): Mit der Fähre nach Dan Laoghaire (3), sowie dortige Übernachtung.
  • Tag 5 (blau): Nachmittags mit dem Bus nach Rosslare, abends Fähre von dort aus nach Fishguard, dann weiter nach Swansea (4), wo auch übernachtet wurde.
  • Tag 6 (türkis): Fahrt nach Colwall (5), zu Besuch bei meiner Tante und ihrer Familie.
  • Tag 7 (hellblau): Fahrt nach Penzance mit dem Zug, dann mit dem Bus weiter in den Südwesten nach Land’s End.
  • Tag 8 (lila): Schlaf im Nachtzug von Penzance nach London. Weiter von dort aus Richtung Heimat.

Während der Reise führte ich ein kleines Reisetagebuch, wo ich alles vermerkte, was in irgendeiner Form bemerkenswert erschien. Nun möchte ich euch an diesen Bemerkenswertigkeiten teilhaben lassen. Ich zitiere jeweils den Eintrag aus dem Reisetagebuch und gebe dann einen Kommentar dazu ab — nur falls das jemanden irritieren sollte.
Ach ja: eine andere mögliche Quelle der Irritation: kursiv geschriebenes stellt meine Gedanken dar. Statt „Ich dachte: „Hui!“" also einfach „Hui!

  • „Oh, schau dir mal an wie schön Holland ist…!“
    Habe ich bis heute nicht verstanden. Michael hat das drei-, viermal im Zug in Holland gesagt und auf meinen irritierten Blick hin zu Lachen angefangen. Schätze, dass Holland einfach schön ist.

    Bahnhof Amersfoort, Niederlande

    Bahnhof Amersfoort, Niederlande

  • „Köhli zaubert Hörnchen hervor!“
    Am Tag vor der Reise habe ich nicht geschlafen. Dementsprechend fühlte ich mich und — wie sich herausstellen sollte — verhielt ich mich auch: Michael und ich aßen im Zug (immernoch in Holland) zuvor gekaufte Backwaren. Ich ließ meinen Blick über die Landschaft und durch den Zug streifen, bis er an Michaels Backwarentüte hängen blieb.
    Ich riss meine Augen auf und sagte erschrocken „WAS ZUM-?!“. Michael schaute mich verdutzt an, kaute aber gemütlich weiter. „Ich hab gar nicht gemerkt, dass du ein Hörnchen isst. Ich habe angenommen — ohne groß darauf zu achten — dass du ein Brötchen essen würdest. Ich scheine wirklich müde zu sein.“ In ruhigem Ton erklärte mir Michael: „Nun, das ist so: Ich war eben beim Bäcker und bestellte ein belegtes Brötchen. Der Bäcker fragte mich, ob es sonst noch etwas sein dürfte und ich entgegnete „Mh, ja, ich hätte gerne noch ein Croissant.“ Und so kam es, dass in meiner Tüte sowohl ein Brötchen war — was ich bereits aufgegessen habe — sowie dieses Croissant, das ich gerade esse.“
  • „Schlafen in der 1. Klasse“
    Auf dem Weg nach Rotterdam wechselten wir in Holland den Zug. Wir suchten einen schönen Platz und fanden ein leeres gemütliches Abteil, das aussah wie ein deutsches IC-Abteil mit gelbem Anstrich und orange-brauner Bepolsterung. Wir hockten uns rein und schliefen wenig später beide ein. Irgendwann wachten wir wieder auf. Ein Schaffner, der anscheinend schon mehrmals versucht hat uns wach anzutreffen, wollte unsere Tickets sehen. Er informierte uns darüber, dass wir nicht berechtigt seien, in der ersten Klasse zu residieren und schaute gleichzeitig zum großen weißen Aufkleber über der Tür. Große Teile des Aufklebers waren abgerissen, aber bei genauem Hinsehen konnte ich ein „1st“ ausmachen.
  • „Brüssel: Multikultur“
    Bemerkung fiel, nachdem unser Zug am dritten großen Bahnhof in Brüssel Halt gemacht hatte und wir einen ausreichenden Einblick in die Multikulturhaftigkeit Brüssels erlangt hatten.
  • „Eurostar“ [Steht nicht im Reisetagebuch, ist aber erzählenswert]
    Vor der Reise haben wir das Ticketkaufen gründlich abgesprochen; denn wir mussten die Strecke von Osnabrück nach Holland und zurück sowie die Strecke von Brüssel nach London und zurück extra buchen. Letztere Strecke muss extra gebucht werden, weil die Eurostar Group [jenes Unternehmen, das Fahrten von Paris über Brüssel nach London durchführt] keine Interrailmenschen einfach so mitfahren lässt (Mistkerle!). Wir haben also die Zeiten der noch zu buchenden Züge koordiniert; Michael hat einen Plan angefertigt, die Preise danebengepinnt und ich bin dann auf zur Bahn, um die Tickets zu kaufen.
    Bei Buchung der Eurostarzüge wurde die pummelige Bahnfrau stutzig: „Diese Verbindung kriegen se aber nicht für 150€!“ — „Was?“ — „Die Preise, die hier stehen, sollen doch für sie und ihren Freund gelten, richtig?“ — „Ja, schon..“ — „150€ ist der Preis für eine Person pro Fahrt.“ — „150€ pro Person?! Heftig!“ — „Wollen sie den Zug nicht mehr buchen?“ — „Mh.. doch, doch. Ich schätze er [Michael] hat sich verlesen und das falsch übertragen. Das ist schon richtig so.“
    Ich wusste nur noch, dass der Eurostar die günstigste Alternative war. Eine Fähre oder gar ein Flieger wäre bei unserer spontanen Reiseplanung wesentlich teurer geworden.
    Als ich zu Hause war, stellte sich heraus, dass wir doch mit 75€ pro Person pro Richtung gerechnet hatten und eben dieser Preis auch auf der Homepage für den gewählten Zug unter der Kategorie „Interrail-Rabatt“ gelistet war.  Ich habs verbockt.
    Wir hatten noch die Möglichkeit die Tickets zurückzugeben — ich hab extra vorher nachgefragt. Ich rief bei Eurostar an, Michael bei der Bahn; wir erfuhren, dass wir 150€-Tickets bekommen haben, weil das DB-Kontingent für Interrailrabatte bei dieser Verbindung erschöpft sei.
    Auf der Homepage wurden die Tickets, wie gesagt, noch zu den günstigen Rabattpreisen angeboten. Also mussten wir nur dort welche bestellen und die teuren zurückgeben. Problem: „zahlbar mit Kreditkarte“.
    Wir haben aber keine scheiß Kreditkarte!
    Michaels oder meine Eltern auch nicht.
    Ich kenne überhaupt niemanden, der eine besitzt!
    Michael fragte rum und erfuhr, dass Patricks Vater eine hat und uns aushelfen würde. Wir stießen schnell auf ein weiteres Problem: der Kreditkarteninhaber muss beim Kauf persönlich vor Ort (heißt: Brüssel) sein. Bestellung per Internet oder Telefon mit Abholung in Brüssel war nicht möglich.
    Also fuhren wir mit den teuren Tickets los.
    In Brüssel angekommen, hatten wir einige Stunden Aufenthalt, in denen wir zuallerst versuchen wollten die Tickets vor Ort umzutauschen. Ich ging zuversichtlich zum Eurostarschalter am Bahnhof; neben mir der nicht zuversichtliche Michael. Nach Verständigungsschwierigkeiten und „ich frag mal meine Kollegin“-Eskapaden erhielten wir ein „Ich glaube nicht, dass das geht. Aber falls es doch gehen sollte, sind wir eh nicht dafür verantwortlich. Bitte gehen sie ins TravelCenter™“ [Natürlich war der Dialog auf Englisch, ich übersetzte nur :)].
    Wir gingen ins TravelCenter™. An einem Terminal wählten wir als Beratungssprache ‘deutsch’ (!), zogen eine Nummer und warteten. Wenig später waren wir an der Reihe. Ich brachte erneut unser Anliegen — diesmal auf deutsch — vor; der Mann betrachtete unsere Bahntickets und sprach: „Das sind aber keine Eurostartickets.“ — „Ne, das sind Eurostartickets von der Deutschen Bahn.“ — „Mhm“, sagte er mehr zu sich selbst und dann — den Blick auf uns gerichtet: „Kleinen Moment, ja?“.
    Wir beobachteten den Mann wie er mit einem wichtig aussehenden Typen sprach, nach links wuselte, wieder nach rechts an uns vorbeiwuselte und in einem Raum verschwand.
    „Ich glaube, das klappt.“, sagte ich fröhlich zu Michael. „Wieso?“ — „Na, es dauert lange.“ — „Und? Ich glaube, der Typ hat uns einfach nicht verstanden und ist jetzt irritiert.“ — „Dann braucht er aber nicht andere Menschen fragen, was wir meinen könnten. Der erledigt das für uns!“
    Er kehrte wieder, sagte aber nichts zu uns; er tippte nur auf seinem PC rum. Der danebenstehende Drucker nahm die Drucktätigkeit auf, woraufhin er wieder verschwand.
    „Siehst du? Es klappt! Er druckt Tickets für uns.“ — „Woher willst du wissen, dass die für uns sind?“ — „SICHER… er bedient, während wir hier stehen, andere TravelCenter™-Kunden, weil wir ihn anöden.“ — „Ich glaubs auf jeden Fall erst, wenn ich die Karten in der Hand halte.“
    Der Mann kehrte erneut zurück, nahm die Tickets weg, verschwand wieder, zeigte sie dem wichtig aussehenden Menschen weiter hinten, kehrte wieder-wieder zurück, legte uns die Tickets hin und zahlte uns 95€ aus, was er nach Abschluss dieser Tätigkeit mit „So, bitte.“ kommentierte — die ersten Worte nach seinem „Kleinen Moment, ja?“. Er wies uns noch freundlich daraufhin, dass der neue Zug schon in 45 Minuten abfahren würde und man spätestens eine halbe Stunde vor Abfahrt einchecken müsse. Toll! Weniger Wartezeit im Bahnhof und Geld zurück bekommen (dafür hatten wir in dem Moment etwas Hektik — der Bahnhof ist recht riesig).
  • „Illegales Foto geschossen“
    Wir reihten uns rechtzeitig in die Schlange der eincheckenden Menschen ein, zeigten — als wir an der Reihe waren — unsere Tickets vor und ließen sie abstempeln… Dann passierten wir — wie auf einem Flughafen — ein kleines Personalausweiskontrollbüdchen, aufgeteilt nach „EU-Citizens“ und „non EU-Citizens“. Wir zeigten unsere Ausweise vor, gingen weiter und … erreichten noch ein solches Büdchen. Und noch eins. Ich war irritiert. Ein Posten trug ein englisches Wappen, ein anderer wird im Auftrag der belgischen Regierung rumkontrollieren… aber der dritte?
    Nachdem wir unsere Staatsbürgerschaft erfolgreich nachgewiesen hatten, kamen wir zu einer Metallschranke — Gepäck abgeben, röntgen lassen, Krempel aus den Taschen nehmen, röntgen lassen, durch Schranke gehen und auf nicht-piepen hoffen. WTF?!  Was muss man denn hier tun, um einen dämlichen Zug betreten zu dürfen? Ich zückte meine Kamera und fotografierte die Sicherheitsschranke.
    „Sir!“, rief eine Frau bestimmt und trat auf mich zu, „You are not allowed to take a picture of our secruity border!“ Köhli trat hinzu und wirkte irritiert. Die Frau begriff, dass wir uns kannten und ich die Schranke in dem Moment ablichtete als Michael sie durchschritt. „Wenn Sie ihren Freund fotografieren möchten, können sie das hier drüben-“, sie zeigte nach links, „- oder dort drüben-“, sie zeigte übertrieben stark nach rechts,“ -tun. Aber die Sicherheitsschranke dürfen sie nicht fotografieren. Das sind unsere Sicherheitsbestimmungen. Ich muss Sie nun auffordern das Foto vor meinen Augen zu löschen.“
    Ich tat wie geheißen. Sie beugte sich stark über das Display der Kamera und beobachtete es aufmerksam. Sie lächelte zufrieden, wirkte etwas unsicher, entschuldigte sich für die Störung und wünschte eine „pleasent journey“.
    Wir gingen weiter den einzig möglichen Weg entlang und während ich nichts weiter als W-T-F denken konnte, murmelte Michael „Ich weiß, wie du das Foto wiederherstellen kannst…“ in mein Ohr. [Nein, ich hab es nicht gemacht :)]
  • „Back in my youth…“
    Köhli und ich spielten im prolligen-prolligen Eurostar-Zug von Brüssel nach London „Die Siedler — Das Kartenspiel“. Unsere englischen Zugsitznachbarn zeigten Interesse an dem Spiel. Sie sagten, dass ihre Bekannten sehr gerne das klassische „Settlers game“ spielen würden. Michael sagte „Back in my youth I used to play this game rea-“. Er brach ab und schaute mich irritiert an; denn ich habe angefangen zu lachen. Ich fands sehr komisch, dass Michael mit 19 Jahren diesen Ausdruck benutzte. Ich wiederholte lachend „Back in my youth..“, was für den männlichen englischen Sitznachbarn die Einladung zu einem schallenden Gelächter darstellte.
  • „Unterkunft gefunden!“
    Gutgläubig und in der festen Überzeugung, dass eine Hauptstadt immer ein warmes Bettchen für Reisende bereithält, kamen wir Samstag Abend in London St. Pancras an und machten uns — nach einer kurzen Stärkung — auf, eine Unterkunft zu suchen. Wir fingen bei Jugendherbergen und kleinen gemütlichen Bed&Breakfast-Stübchen an, nachzufragen. Wir sahen uns stets einer überraschten bis amüsierten Miene gegenüber, als wir versuchten für diesen Abend zwei Betten zu bekommen — alles belegt!
    Michael und ich arbeiteten uns preislich immer höher. Irgendwann wurden wir von einem Hotel, dass für die Nacht keine Betten mehr frei hatte, zum Holiday Inn geschickt. Es stank schon von weitem nach teurem Edelhotelschuppen, aber versuchen wollten wirs zumindest. In der pompösen Empfangshalle starrten wir auf das schlichte Preisschild: umgerechnet 123,30€ pro Person und Nacht. Angefangen haben wir bei gut 15€ pro Person und Nacht in einem Schlafsaal einer Jugendherberge.
  • „Dank an Travellodge King’s Cross“
    Unser Weg führte uns auch in das Travellodge in King’s Cross. Travellodge ist eine Hotelkette. Das Preisschild verkündete knapp 60€ pro Person und Nacht — alles belegt. Die Empfangsdame beschrieb uns den Weg zu drei Bed&Breakfast-Hotels und wünschte uns viel Glück. Wir waren tatsächlich von einer Hoffnungslosigkeit gepackt. Ich hatte — wie gesagt — die Nacht zuvor nicht geschlafen und Michael wiederholte auf dem Weg zu den B&B’s seinen Vorschlag mit der Bahn einfach in einen anderen Stadtteil — etwas weiter außerhalb — zu fahren, um sich dort mal ein wenig umzuschauen.
    Wir befolgten den Rat der Empfangsdame und fanden uns kurze Zeit später in einer kleinen Straße wieder; es war inzwischen ungefähr halb elf.
    Wir betraten ein B&B, das wir anfangs für ein Reisebüro gehalten hatten. Es hatte tatsächlich noch ein paar Zimmer frei — 50€ pro Person und Nacht. Nicht ganz unsere Preisvorstellung, aber wir waren nach viereinhalb Stunden Suche bereit dies in Kauf zu nehmen. Kurz bevor wir dieses Schätzchen entdeckt hatten, sprachen wir über Nettigkeiten und darüber, dass man mit lieben Freundlichkeiten Fröhlichkeit verbreiten kann. Zwischen „Taschen im Zimmer ablegen“ und „Zeug im Supermarkt kaufen“ setzten wir zuvor Besprochenes in die Tat um, gingen zurück in das Travellodge und bedankten uns überschwänglich.
  • „Ich fass es nicht! Jetzt muss ich mit nem Schwulen unter einer Bettdecke schlafen!“

    Doublebed

    Doublebed

    Der Typ an der Rezeption des B&Bs meinte kurz vor der Buchung, dass nur noch Räume mit einem „double-bed“ frei wären. Ich meinte, das sei kein Problem. Unter ‘double-bed’ verstand ich zwei aneinandergestellte Betten oder auch ein großes Bett — auf jeden Fall mit seperaten Bettdecken.
    Was wir vorfanden war ein großes Bett mit einer großen Decke.
    Michael rief den oben zitierten Satz, grinste und versuchte dann sicherzustellen, dass ich ihn damit nicht falsch verstehen würde.
    Tue ich nicht — Köhli ist und bleibt nunmal ein homohassender Klotz :)

  • „Engländer sind himbeeren- und marmeladenfixiert“
    Ergab rasche Untersuchung der beim Frühstück vorhandenen Toastbestreichmöglichkeiten.
  • „Shave light“
    Eine extra Leuchte im Badezimmer war mit ’shave light’ gekennzeichnet. Ich war davon fasziniert und hab es aufgeschrieben, weiß aber nicht mehr recht, was daran so toll war.
  • „50% der Koreaner spielen Keyboard in Kirchen“
    Kein Kommentar.
  • „Towel of London“
    Michael und ich lasen auf einem Plakat, das in der Jugendherberge hing, in der wir unsere zweite Nacht verbringen würden, dass die Herberge Spezialrabatte für viele Sehenswürdigkeiten Londons anbieten würde. Wir fragten einen klugen herumliegenden Flyer, wie viel der Eintritt in den Tower of London eigentlich (ohne Rabatt) kosten würde. Der Flyer verkündete „18 Pfund“.
    Wir gingen zum Schalter und Köhli fragte: „How much is the Tower?“. Der angesprochene Typ wühlte daraufhin für zwei Minuten in den Datenbanken seines Computers, bevor er einen Mitarbeiter fragte. Schließlich antwortete er „Three pound fitty“ — ich war baff. Ein leises Gefühl der Skepsis machte sich in mir breit. Michael fragte direkt skeptisch: „Ehm…  we are speaking about the Tower, right?“ — „Oh, the TowER! …I understood ‘towel’. The Tower is 17 pound.“ :)
    Wir ignorierten den mikrigen Rabatt, freuten uns zu wissen, dass man Handtücher leihen darf und erhielten direkt am Tower Einlass für 14 Pfund — Studentenrabatt.
  • „Walisische Polizei ist merkwürdig und nett.“
    So um ein Uhr (morgens) rum kamen wir in Holyhead (Wales) an. Wir wurden von einer übermüdeten Herbergsmitarbeiterin in unser sehr gemütliches Zimmer gelassen und stellten unsere Taschen dort ab. Ich schlug vor, dass wir noch ein wenig die Gegend erkunden und einen Strand suchen gehen sollten — schließlich würden wir am nächsten Tag mit der Fähre nach Irland übersetzen — dann muss irgendwo eine Küste auftreibbar sein! Wir liefen umher und fanden tatsächlich einen Strand; einen sehr wunderschönen Strand. Wir tapsten eine kleine Treppe herunter und gingen auf dem Sand dem Wasser entgegen und bewunderten den sternenklaren Himmel. Die Bucht ist unglaublich lang; das kommt auf folgendem Foto gar nicht so zur Geltung.

    wunderhübscher Strand! (Holyhead, Wales)

    wunderhübscher Strand (bei Tag)! (Holyhead, Wales)

    Irgendwann übermannte uns die Müdigkeit und wir wandten uns zum Gehen. Als wir auf die Treppe zugingen, sahen wir ein vorbeifahrendes Auto. Wir waren gerade die ersten Stufen der Treppe wieder emporgestiegen, als ein „Hey folks!“ hinter uns ertönte. Wir drehten uns um und sahen eine Frau und einen Mann, beide mit Taschenlampen und gelben Warnwesten bekleidet, die die Aufschrift „POLICE“ trugen.
    „What are you doing ’round here 2 ‘o clock in the morning?“ — „We… just wanted to take a look. We went for a walk and found this beach.“ — „Where are you going to go now?“ — „We want to go back to our hostel — we’re staying at the ACC.“
    Die Polizeifrau starrte die ganze Zeit auf ein am Strand geparktes Auto, während der Polizeimann uns befragte:
    „Could you identificate yourselves?“ Ich war scheiß-nervös und war mir sicher, dass der Strand Privatbesitz eines Campingplatzes sei o.ä. (malte mir sogar aus, dass die Polizisten uns jederzeit auffordern würden, sie aufs Revier zu begleiten). Wir zeigten unsere Ausweise vor, die der Mann unter dem Schein seiner Taschenlampge kritisch beäugte.
    „Oh, thats you… somehow.“, sagte der Beamte, nachdem er Michaels Passfoto mit Michael verglichen hatte und fragte weiter: „So, you are from Germany?“
    „Yeah, we just arrived in Holyhead.“
    „You want to go to Ireland, don’t you?“
    „Yep, we’re going to take a ferry tomorrow.“
    „‘Alright then. Sorry to bother you, have a nice stay.“
    „Oh, thank you.  It’s very beautiful here.“
    „You’re welcome.“
    Verdammt erleichtert kletterten wir den Rest der Stufen empor. Als wir oben angekommen waren, hatten die Polizisten bereits erfolgreich das am Strand geparkte Auto geknackt und musterten ein paar Taschen, die sie aus dem Wageninneren gezerrt haben.

  • „Oh, Jesus! This is CREEPY!“
    Am folgenden Tag buchten wir — wie der Polizei bereits angekündigt (ansonsten hätte es auch bestimmt Ärger gegeben :3) — eine Fähre nach Irland. Wir betraten die Fähre über ein Gateway und fanden uns in einem prächtigen Eingangsbereich wieder: glänzender Holzfußboden, riesiggroß, modern.
    Ich musste zunächst Michael davon überzeugen, dass wir uns wirklich schon auf der Fähre befanden. Es war zwar auch für mich der größte Klotz Schiff, in dem ich bislang gereist bin, doch Michael glaubte gar nicht erst, dass DAS wirklich schon Teil der Fähre sein konnte.
    Im nächsten Raum befanden sich viele Fenster. Es war der Restaurant- und Amüsierbereich — unzählige Tische, sehr viele Menschen, Empore, viel Holz, Teppich, am Rand viele Lädchen (darunter auch ein Burger King).
    Nachdem ich Köhlis plötzliches Verlangen nach einem „Ich-war-auf-einem-Riesenklotzschiff“-Beweisfoto nachgekommen bin, erkundeten wir das Schiff.

    Beweisfoto (man achte auf den verdutzt-skeptischen Gesichtsausdruck)

    Die Fähre nahm die Fahrt auf. Das Erkunden fiel mir schwieriger — der ganze Kasten wackelte plötzlich, mir wurde leicht schwindelig. Wir gingen zurück in den Restaurant- und Amüsierbereich und wollten Mittag machen. Auf dem Weg dorthin sahen wir einen Entertainer in niedlich-knuffigem Affenkostüm. „Ohh“, machte Michael, „na, Toby? Wie wärs? Du streichelst das Äffchen und ich mach ein Foto davon?“
    Mein Affen-streichel-Foto-Bedarf war nicht sonderlich hoch. Ich konnte ihn davon abbringen und wir setzten unseren Weg fort. Wir verliefen uns… auf einem Schiff!
    Als wir den Restaurant- und Amüsierbereich wiedergefunden hatten, war der Affenentertainer auch gerade dort. Wir streiften einen Tisch pubertierender Mädchen, an dem ein Mädchen ihren Blick auf uns richtete; der dann wieder an uns vorbeihuschte und das Äffchen traf. Sie rief ernsthaft angefressen zu ihrend Mitpubertierenden „OH, JESUS! This is CREEPY!“ :)

  • „Busfahrer positiv aufgefallen“
    In Dan Laoghaire angekommen suchten wir zunächst nach einer Unterkunft. Der kurze Spaziergang durch die Region um den Hafen/Bahnhof ließ uns kein „Hier! Übernachten! Toll“-Schild entdecken; also schauten wir in die Wo-Wie-In-Irland-übernachten Flyer, die wir im Hafen/Bahnhof eingesammelt hatten. Es war kein Hostel für Dan Laoghaire gelistet.
    Ich erinnerte mich daran im Hafen/Bahnhof eine Touristeninformation gesehen zu haben. Wir kehrten dahin zurück. Uns bot sich ein trauriges Bild:

    Touristeninfoautomat mit Out-of-order-Schild

    Touristeninfo geschlossen, daneben: Touristeninfoautomat mit Out-of-order-Schild

    Wir gingen in den Bahnhofsbereich und fragten einfach am Schalter nach. Mir wurde gesagt, dass wir am besten gleich nach Dublin fahren könnten (ca. 10 km). Hier würde es aber auch einige Unterkünfte geben, man käme vermutlich billiger irgendwo unter als in Dublin. Er beschrieb mir den Weg zum nächsten Hostel.
    Wir folgten der Wegbeschreibung und kamen schnell darauf, dass wir uns verlaufen haben müssen. Wir kehrten zum Bahnhof zurück und fragten schnell einen Busfahrer in seinem dort rumstehenden Bus.
    Der Typ war einfach extrem nett! Er würde sich nicht so gut in Dan Laoghaire auskennen und fragte, wo denn dieses Hostel sein soll. Ich versuchte mich an die Wegbeschreibung zu erinnern: „Ehm… he told me to follow this road for a few minutes. At the…. thrid crossover we should turn left and walk until we see a….“–  verdammt! Tankstelle… wie sagt man „Tankstelle“ auf englisch? — „until we see a tank station and-“. Ich stockte mitten im Satz als ich darüber nachdachte, was ich gerade gesagt hatte. „Panzerstation“?! Ist dir echt nichts besseres eingefallen als „PANZERSTATION“?! Der Busfahrer schaute mich skeptisch an und Köhli grinste breit. „Sorry… no, not a ‘tank-station’. ehm… how do you call the place where you can fill up your car with… fuel?“ — „petrol station.“ — „Alright, thanks. Until we see a petrol station. The hostel should be right beneath it.“
    Der Busfahrer wusste noch immer nicht, von welcher Tankstelle wir sprachen — wir ja auch nicht. Er benutzte sein Funkgerät, um einen Kollegen oder die Station zu fragen, wo es Hostels in Dan Laoghaire gibt. Erst funktionierte das Ding nicht richtig, dann machte er seinen Funkspruch (in dem er uns andauernd als ‘lads’ bezeichnete. Sowieso nannte uns jeder in Irland ‘lads’ — ich liebe Iren.); doch es nützte nichts. Keiner wusste so recht Rat. Das Busunternehmen hatte eigentlich nicht viel in dem Städtchen zu schaffen.
    Er machte uns ein Angebot: er wollte uns kostenlos zu einer Tankstelle mitnehmen, in deren Nähe — so erinnerte er sich plötzlich — irgendwo ein Hostel sein musste. Falls wir es uns anders überlegen würden, könnten wir ihm auch 2€ geben und nach Dublin mitkommen. Wir akzeptierten freudig das liebe Angebot.
    Während der Fahrt fragte er woher wir kämen und wohin wir unterwegs seien. Als er erfuhr, dass wir am folgenden Tag irgendwie nach Rosslare fahren wollten, empfahl er uns gleich ein tolles Busunternehmen, das täglich mehrere Fahrten dorthin unternehmen würde.
    An der tank-station stiegen wir aus und bedankten uns artig. Wir suchten recht unbeholfen nach dem Hostel und fanden es dann auch irgendwann (es stellte sich übrigens heraus, dass wir anfangs DOCH richtig gelaufen sind).

  • „When I was young I was a Jedi.“
    Im Hostel teilten wir uns ein 8-Bett-Zimmer mit zwei Mädchen, die auch Deutsche waren (aber reichlich unkommunikativ — also wars das schon an Informationen über die Mädchen!). Als ich am nächsten Morgen aufwachte, schaute ich auf das Lattenrost des Bettes über mir, in dem Michael schlief. Dort hat es jemand auf eine Latte geschrieben — neben vielen anderen Kritzeleien stand dort: „When I was young I was a Jedi.“ — wie schön, wie melancholisch!
  • „Gelbe Ampel“
    Tatsache! In Irland gibt es (vielleicht nur teilweise) eine gelbe Ampelphase für Fußgänger!

    Dun Laoghaire

    Gelbe Ampel! (Dan Laoghaire, Irland)

  • „Lions Club gesichtet“
    Grüße an Benjamin an dieser Stelle!
  • „Andrew & Marco“
    Wir fuhren von Dan Laoghaire nach Dublin, irrten hektisch durch die Stadt, um den Bus nach Rosslare nicht zu verpassen und wurden schlussendlich doch noch in das überfüllte Vehikel gestopft. Einige Stunden später nahmen wir dann von Rosslare eine Fähre, in der übrigens Erwachsene (in diesem Falle Michael und ich), wenn sie Kindergerichte bestellen (weils günstiger ist und eh nicht viel Hunger vorhanden war), eine große Portion Kindergericht zum Erwachsenenpreis bekommen (Mistkerle!). Die Fähre brachte uns nach Fishguard in Wales, von wo aus wir schließlich noch einen Nachtzug nach Swansea nahmen.
    Wir planten — wie immer — diese Verbindung erst am Morgen (manchmal planten wir sowas auch am Vorabend). Nach sehr viel hin und her haben wir uns auf diese Verbindung geeinigt und wussten schon im Vorfeld: wir kommen gegen halb vier in Swansea an und suchen eine Unterkunft, die uns dann noch einlässt.
    Am Hafen in Rosslare fiel uns ein, dass es frustrierend werden könnte, wenn wir Nachts durch Swansea irren und verschlossene Hostels anschauen müssten. Also gingen wir direkt im Hafen wieder ins Internet — und das zum teuersten Tarif der ganzen Reise: 1€ für 10 Minuten Internet.
    Ich schrieb mir einige Nummern von Hostels und kleinen Hotels in Swansea auf, die Michael diktierte,  und rief sie in der Fähre an.
    Ein Hotel weigerte sich uns so spät noch aufzunehmen, ein weiteres erklärte sich bereit, war aber zu teuer.
    Und dann rief ich Marco an; Marco vom Glevdon Park Hotel.
    Marco sagte mir, dass er noch ein Plätzchen frei hätte und uns auch um 4 Uhr rum die Türe öffnen würde. Allerdings hätte er nur noch ein Familienzimmer mit vier Betten frei, was uns selbstverständlich nichts extra kosten würde — ich sagte freudig zu.
    Nach Swansea kamen wir mit DEM kleinsten Zug:

    ein Waggon plus winzig kleiner Fahrerkabine links neben der Tür.

    Kompletter Zug: ein Waggon plus winzig kleiner Fahrerkabine links neben der Tür.

    Am Glevdon Park Hotel angekommen, öffnete uns der übermüdete Marco im Bademantel die Tür, gab uns die Zimmerschlüssel und erklärte noch einige Dinge.
    „Breakfast time is from 08:00 to 10:00. The breakfast is served in-“. Ich unterbrach ihn: „Ehm.. we are not too keen on getting up this early.“ Das brachte mich auf die Idee, dass wir dadurch vielleicht den Preis um ein paar Pfund drücken könnten. Er hielt dummerweise nichts von der Idee, bot uns aber netterweise an, uns am nächsten Tag zu einigen Flakes zu verhelfen. Wir sollten dazu einfach in das Frühstückszimmer kommen, nachdem wir eine ordentliche Mütze Schlaf gehabt hätten.
    Er meinte, dass unser Zimmer oben sei und wünschte uns eine gute Nacht. Wir gingen hoch, ich schaute auf den Schlüssel: „L“.
    HÄ? WIE ‘L’? Wir haben Zimmer L?
    „Du, Köhli?“, flüsterte ich ins kleine Hotel hinein, „auf unserem Zimmerschlüssel steht ‘L’.“

    Wir suchten nach Zimmer L, doch auf den Türen standen nur — Überraschung! — Zahlen. Bevor wir weiter ziellos durchs Haus wuselten, fragten wir lieber nochmal Marco, was es mit dem L auf sich habe.
    „That’s not an L, it is a 7.“ erklärte er uns. Wir standen ziemlich blöd da und verkrümelten uns wenig später in Zimmer 7.
    Am nächsten Morgen gingen wir runter in das Frühstückszimmer. Es war ein sehr hübscher kleiner Raum mit einigen kleinen runden bestuhlten Tischen. Vorne im Raum war eine Art Theke, wo wohl vor ein paar Stunden noch reichhaltiger Frühstückskrempel gestanden haben muss. Auf niedrigen Tischen stand eine Auswahl von ungefähr fünfzehn Sorten Cornflakes. Wir bestaunten die Sammlung als plötzlich Marco das Zimmer betrat.
    „Oi! What do you think you’re doing ’round here?“ blaffte er uns wütend an.
    Ich war irritiert. Und dann erkannte ich, dass es sich doch nicht um Marco handelte. Der Typ, der nun vor uns stand, war zwar ähnlich stämmig und hatte ein ziemlich marco-artiges Gesicht doch fehlte der Bart im Gesicht. Außerdem hatte er eine Glatze, was mir erst zu diesem Zeitpunkt auffiel. Ich fragte mich, ob sich Marco wohl rasiert hatte, während Michael dem Typ erklärte, dass er uns gestern Nacht zugesagt hatte, dass wir nach den Frühstückszeiten noch etwas essen könnten.
    „Ah, I get it now.“, sagte er weniger aggressiv, „that wasn’t me. I’m Andrew. My brother Marco made a little deal with you guys, eh? If he’d just tell me such things in advance I wouldn’t have to yell at guests. Sorry, lads. I’ll fetch ya some milk.“
    Wir frühstückten, packten unseren Kram und plauderten beim Auschecken noch eifrig mit den beiden Brüdern, die jetzt, wo sie beide neben uns standen, doch recht unterscheidbar wirkten. Nachdem sie uns dann noch den Weg zum Bahnhof erklärt hatten und wir ihnen kräftig Geld in die Hand gedrückt haben, verließen wir das beschauliche Hotelchen.

  • „Bangles & Mash“
    Wir machten uns vom „Andrew & Marco“-Hotel auf den Weg zu meinem Tantchen Rosie nach Colwall. In Hereford hatten wir noch so einiges an Zeit, bevor der Zug nach Colwall abfahren würde. Also gingen wir in einen Supermarkt, kauften Zeug und aßen im Imbiss-im-Supermarkt etwas typisch britisches: Bangers & Mash — Würstchen & Kartoffelbrei.

    wikipedia commons

    Quelle: wikipedia commons

    Mit Erbsen. Übrigens. Also „Würstchen & Kartoffelbrei mit Erbsen“.
    Ein paar Stunden später waren wir bei Tantchen zu Hause, die uns zum Essen eingeladen hat. Das alles lief unter anderem unter dem Fähnchen „Damit ihr auch mal in den Genuss der englischen Küche kommt.“
    Michael prahlte stolz mit dem Mittagessen: „Oh, wir haben heute schon was richtig englisches gegessen: ‘Bangles & Mash’!“ Meine Tante prustete los. Ich habe nicht kapiert, was so witzig daran sein soll. Sie fragte direkt noch halb lachend ihren Mann: „Do you know what Michael and Toby had for lunch? Bangles & Mash!“
    Auch mein Onkel lachte sein trockenes Lachen und Tantchen klärte uns endlich auf: „Es heißt ‘Bangers & Mash’. ‘Bangles & Mash’ wären Armbändchen und Kartoffelbrei.“
    Ich hatte direkt ein sehr lebhaftes Bild von Armreifen, die liebevoll in einen Haufen Kartoffelbrei gesteckt wurden, vor Augen.

  • „Frühlingsanfang am 20. März“
    Die Reise zu Tantchen wollte gut geplant sein. Sie hat an Frühlingsanfang Geburtstag. Entweder hätten wir also ein kleines Geschenk besorgen und uns zur wie-auch-immer gearteten Fete selbst einladen können oder aber wir hätten uns da raushalten können und einfach einen Tag früher erscheinen.
    Wir entschieden uns fürs Raushalten.
    Wir waren gerade in ihrer gemutlichen Behausung angekommen und waren in ein erstes Gespräch vertieft, als meine kleine Cousine das Zimmer betrat und stolz verkündete, dass der Kuchen fast fertig sei.
    Tante: „Jah, meine kleine Tochter übt sich erstmals im Kuchenbacken.“
    Ich: „Ach, für morgen?“
    Tante: „Was ist morgen?“
    Ich: „Dein Geburtstag?“ Ein ungutes Gefühl machte sich in mir breit.
    Tante: „Ich hab heute Geburtstag.“
    Ich: (spontane Reaktion) „Nein!“
    Tante: *hebt die Brauen
    Ich: „Du hast doch an Frühlingsanfang Geburtstag! Und der ist morgen..“
    Tante: *grinst* „Jah, weißt du… da streiten sich die Geister. Einige sagen, es sei der 21. März, andere wiederum der 20. März. Wie dem auch sei: Ich hab heute Geburtstag.“
    Ich: *schaue Köhli irritiert und leicht schuldig an
    Köhli: *Todesblick
    Ich: *wieder Tantchen zugewandt* „HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!“
  • „I spy with my little eye…“ [Steht nicht im Reisetagebuch]
    Im Pub waren meine drei Cousinen gelangweilt. Sie wollten um die Wartezeit zu verkürzen „I spy with my little eye“ spielen — die englische Version von „Ich sehe was, das du nicht siehst“. Es läuft auch übrigens etwas anders ab: nicht etwa „I spy with my little eye something that is yellow“ sondern „- something that starts with ‘p’“.
    Mein Onkel kann diesen Satz einfach mal sehr wunderschön britisch betonen — fand ich toll.
    Helen, die jüngste, fragte Michael nach dem Spielchen: „Michael, are you and Toby best friends?“. Ich schaute Michael interessiert an. Wir haben am Abend zuvor noch über das Konstrukt „bester Freund“ gesprochen, das nach seiner Ansicht auf einer langjährigen Freundschaft fußen muss. Bevor Michael, der zu diesem Zeitpunkt noch verdattert nach Worten rang, eine Antwort darauf geben konnte, sagte meine älteste Cousine zu Helen: „Oh, believe me… they are more than THAT.“, woraufhin sie mich keck angrinste.
    Ich hatte direkt den Satz „Okayyyy, long story short: I’m gay, he’s not.“ auf den Lippen, hab mich aber nicht getraut ihn auszusprechen. Die wissen nicht, dass ich schwul bin (aber jetzt können sies ja im Internet nachlesen oO“).
    Michael sagte: „To make this clear: we’re not in love with each other.“ Meine Tante schloss resigniert ihre Augen und sagte langsam: „At this point I have to apologize for my children.“
    Ich fands nicht entschuldigenswert. Im Gegenteil fand ich es total putzig, dass Helen diese Frage gestellt hat und erwünschenswert direkt von meiner älteren Cousine, dass zu sagen, was sie annahm.
  • „Kartoffelpüree ist die Spezialität der britischen Inseln“
    Ich habe noch nie so gutes Kartoffelpüree gegessen wie auf den britischen Inseln. Köhli hatte sogar in Dan Laoghaire „prolliges Püree“ mit Sternfrucht und was-weiß-ich-noch-alles drapiert.
  • „Es heißt ‘Wuhster’!“
    Man sagt ‘Wuhster’, nicht ‘Wöhrtschester’, wenn man sich auf die Stadt Worcester beziehen möchte. Tantchen hats klargestellt. Damit hat Köhli gewonnen.
  • „WLAN in Zügen! Applaus!“
    Isso!
  • „Bettler absorbieren Liebe“
    Am Tag nach dem Besuch bei Tantchen gings nach Penzance in Cornwall, was ich aus irgendeinem Grund immer ‘Kekschenstadt’ nannte. Der Name hatte mich irgendwie an Kekse erinnert.
    Wir kamen nach langer Zugfahrt in Penzance an und stellten uns prompt an die Promenade, um die Aussicht zu genießen.

    Penzance, Cornwall (England)

    Penzance, Cornwall (England)

    Als wir dort standen und aufs Meer schauten, wurden wir von hinten angesprochen. Da saßen zwei Typen, die wir vorher gar nicht bemerkt hatten. „Hey, do you spare some change? We’re really hungry.“ Köhli sagte ihnen, dass sich das gut treffen würde. Wir hätten nämlich auch Hunger und würden sie einladen. Ich war überrascht, dass er sie gleich einladen wollte. Der eine Bettlertyp meinte, falls wir Hunger hätten, sollten wir zu dem tollen Pasty-Shop die Straße rauf gehen (Pastys sind lustige, gefüllte Blätterteigtaschen). Michael fand die Idee sehr gut und sagte den Typen zu, dass wir ihnen zwei Pastys ausgeben würden und dass sie jetzt mitkommen sollten.
    Sie wollten aber nicht mit. Ich verstand Michaels Plänchen. „I thought you are really hungry…“ sagte ich skeptisch. „Oh, we are!“, versicherte der andere Typ, „we just want to absorb the love of this beautiful landscape a little more, don’t we?“
    Köhli erklärte, dass wir ihnen entweder jetzt eine Pasty ausgeben würden oder gar nichts. Ich gab den Menschen etwas Kleingeld, was ihnen aber nicht reichte — sie lehnten es ab.
    Wir wünschten ihnen noch viel Spaß beim Absorbieren und gingen essen.

  • „Busfahrer in Doppeldeckerbussen erzeugen pro Stunde 50 gefühlte Unfälle“
    Von Penzance aus nahmen wir einen Bus nach Land’s End. Es war nicht unsere erste Fahrt in einem Doppeldeckerbus. Wir hatten schon zwei Stück in London, sowie zwei in der Republik Irland. Es war schon total merkwürdig genug an den Linksverkehr zu gewöhnen, doch hinzu kam das ständige Gefühl „wir fahren sofort irgendwo gegen“. Ich hab mich in London und Irland ein paar mal deswegen erschrocken, jedoch war das nichts im Vergleich zum Busfahrer, der uns nach Land’s End brachte. Er nahm die rasantesten Kurven, scherte sich nicht darum falls Äste schallend am Dach entlangwuselten und wählte sehr kleine Landstraßen für die Fahrt. Andere Straßen gab es vielleicht auch gar nicht. Trotzdem fuhr er in Straßen rein, an deren Beginn ein „Keine-Busse-auf-dieser-Straße-erlaubt“-Schild stand. Wir saßen selbstredend ganz vorne im zweiten Stockwerk und hatten ziemlich oft das Gefühl, dass der Busfahrer gerade einen Unfall gebaut hat, was nicht der Fall war.

    Land's End, Wales

    Der Lohn der Mühen: Land's End, England

  • „Bahntyp hält nichts von Bettlern“
    Wieder in Penzance angekommen, suchten wir einen Bankautomaten und etwas zu essen. Ersteres war ziemlich schwierig. Es standen hier und da welche rum, doch keiner akzeptierte unsere Karten. Wir fragten einen Fußgänger, ob es in der Stadt irgendwo ein Geldwechselgeschäft zu finden ist, woraufhin der Fußgänger meinte, dass die im Bahnhof Geld wechseln würden — ein paar Euro hatten wir noch — nur keine Pfunde mehr.
    Im Bahnhof angekommen stellte ich unbeholfen die Frage: „Could you change some money?“. Der Typ war etwas stutzig. Ich erklärte: „We asked a guy on the street whether there is a bureau de change in this city. He told us that you would change some money.“ — „I won’t give you anything! I don’t think much of beggars.“
    Er hielt uns für Bettler, die am Bahnhof nach Kleingeld („change“) fragten. Ich zückte einen 20€ Schein und erklärte, dass wir Geld hätten und in Pfund tauschen möchten.
    Endlich begriff er … und begann sich zu fragen, welcher Trottel uns gesagt hat, dass man am Bahnhof Geld tauschen könne.
  • „Köhli nicht aus Tschechien“
    Mit Geld im Gepäck (ein Bankautomat erwies sich als gnädig) gingen wir in einen Fish & Chips Imbiss. Das war reichlich.. kompliziert.
    Wir betraten das Geschäft, gaben unsere Bestellung auf und gingen durch eine Tür in einen kleinen Raum mit Sitzgelegenheiten. Wenig später kam eine Frau auf uns zu. Sie war darüber irritiert, dass wir zuerst etwas bestellt hatten und uns dann einfach dort hinsetzten. Sie erklärte, dass man die Gerichte, die man drüben bestelle, mitnehmen müsse. Gerichte, die im Lokal (sitzend) verspeist werden können, würden sich zwar nicht groß von den anderen unterscheiden, aber teurer sein — Kosten für Besteck, Teller, Service, etc.
    Also gingen wir wieder in den anderen Bereich. Uns wurde angeboten, dass wir unsere Ladung Fish&Chips am Stehtisch verspeisen dürfen, was wir gerne annahmen. Auf der Theke stand eine Schale mit kleinen Ketchuptütchen. Ich nahm schon einmal zwei und steckte sie in meine Tasche.
    Wenig später fragte ein Typ hinterm Tresen: „Hey guys! Are you from the Czech Republich?“, was wir verneinten. Er war sehr überrascht, weil gerade Michael so aussehen würde, als käme er von dort. Tatsächlich war dies ziemlich bedeutsam für ihn. Erst als er wusste, dass wir aus Deutschland kommen, war er freundlich zu uns.
    Wir nahmen kurz darauf die beiden großen Packpapiere entgegen und aßen. Ich wunderte mich über die Riesenportion Pommes, die uns aufs Papier geklatscht worden sind und wollte noch zwei Ketchuppäckchen nachnehmen.
    Der Typ hinterm Tresen bellte: „Oi! Nothing’s for free in this world, man! 20 pence each.“
    Er lächelte, meinte, dass er uns mögen würde (denn wir sind ja nicht aus Tschechien [nein, das hat er in dem Moment nicht gesagt]) und, dass er daher uns beide Päkchen für 20p verkaufen würde. Ich bedankte mich und dachte mit schlechtem Gewissen an die beiden bereits genommenen Tütchen in meiner Tasche.
    Doch wenig später schaffte ich es die beiden Ketchuptütchen unbemerkt in die Schale zurückzuwerfen!

    Fish&Chips Imbiss in Penzance

    Fish & Chips in komischem Packpapier

  • „Am Vortag der Abreise Reisetipps erhalten.“
    Beim Essen betraten verschiedene Gestalten den Imbiss. Eine dieser Gestalten betrat das Geschäft als wir dem Typ hinterm Tresen gerade Auskunft darüber gegeben hatten, wohin unsere Reise als nächstes gehen sollte. Die Gestalt fing ein Gespräch mit uns an und gab uns kräftig Reisetipps. Ortschaften, Ruinen, Landstriche, die man auf einer Interrailreise durch die britischen Inseln nicht verpassen dürfe. Die Gestalt hätten wir etwas früher treffen müssen…
    Aber als wir ihm erklärten, wo wir alles gewesen waren, meinte er, dass wir . Er gab uns noch überflüssigerweise seine Visitenkarte und berichtete kurz über seinen Trip zu den Externsteinen (in Deutschland), bevor er wieder verschwand.
  • „Ziel: ‘Im Schlafwagen schlafen’ erreicht!“
    An diesem Abend nahmen wir den Nachtzug von Penzance nach London (knapp 500km). Der Zug fuhr um 22 Uhr ab und würde so gegen halb sechs in London ankommen. Es gab extra gemütliche Sitzplätze, die man hübsch weit zurücklehnen konnte, um in ihnen schlafen zu können.
    Wir setzten uns auf unsere Plätze und überlegten, ob wir wirklich so schlafen wollen würden. Schließlich fragte Michael nach, ob nicht noch ein Schlafabteil (mit Betten) frei sei und buchte ein freies. Das war nicht viel teuer als ein normales Hostel; trotzdem wurden wir fortan behandelt wie die Könige.
    „Das hier ist ihre Kabine, auf dem Flur ist die Toilette — und bitte kümmern sie sich nicht darum, ob wir gerade in einem Bahnhof stehen oder nicht — sie dürfen immer aufs Klo!“ [i.U. zu den 'normalen' Fahrgästen!]. Wir stellten unseren Kram in die kleine Kabine und erkundeten die vielen kleinen Vorrichtungen in ihr als der Schaffner anklopfte.
    „Ich kann sie morgen früh wecken, wenn sie möchten. Der Zug fährt um 5 Uhr 40 in London PDA ein, ich kann sie aber auch gerne erst um sechs Uhr wecken. Sie müssen den Zug bis 7 verlassen haben.“
    Wir wollten um 6 geweckt werden.
    „Sehr gerne. Was möchten sie morgen früh trinken? Einen Tee? Oder Kaffee? Vielleicht auch etwas Saft?“
    Heftigst! Ich bestellte einen Saft und Michael einen Tee, den wir auch am nächsten Morgen nach einem wirklich liebevollen Weckbesuch erhalten haben.
    Ich stellte mir das immer schon witzig vor in einem Nachtzug mitzufahren, hatte aber keine Ahnung, dass man Schaffners Liebling wird, wenn man eine Schlafkabine bucht.
  • „Engländer sind komisch, ca. 15x“
    Das habe ich im Eurostar von London St. Pancras nach Bruxelles Midi in das Notizbuch eingetragen, um uns daran zu erinnern, dass wir ca. 15 Situationen erlebt hatten, nach denen wir zur Schlussfolgerung „Engländer sind komisch“ gelangt sind.

Das war der zugegeben lange Eintrag über die einzelnen Notizbucheinträge. Für alle, die noch mehr Bilder sehen wollen, wartet eine Gallerie mit einigen kommentierten Bildern der Reise:
weiterlesen ‘Interrail’

23
Sep
08

Kuhl

Tadah!

Ab sofort kann man auf der „links und downloads!“-Seite meine „Motivation, Emotion und Persönlichkeit“-Zusammenfassung herunterladen! Es handelt sich um die Zusammenfassung eines Lehrbuchs von Prof. Dr. Julius Kuhl, der an der Universität Osnabrück Differentielle- und Persönlichkeitspsychologie lehrt.

In diesem Eintrag möchte ich etwas über die Entstehung der Zusammenfassung erzählen.
Im Wintersemester 2007/08 habe ich die Vorlesung „Motivation & Persönlichkeit I“ besucht. Ich habe schon von einigen gehört, dass die Vorlesung ganz toll sein soll, habe aber anfangs nicht daran gedacht, sie tatsächlich zu besuchen; Corinna hat mich dann mehr oder weniger überredet mit ihr hinzugehen.
Sie erklärte, dass zu der Vorlesung auch ein Begleitseminar gehöre, dass aber nur Psychologiestudenten besuchen müssen, sofern sie einen Schein erwerben wollen. CogScis hingegen müssen dazu nur an der Vorlesung teilnehmen und die Abschlussklausur bestehen.

Fast unabhängig von der wirklich tollen Vorlesung keimte in mir der Wunsch auf, nach dem Bachelor in CogSci meinen Master in Psychologie zu machen (ich erzähle jetzt quasi eine ‘Parallelhandlung’ zum Ich vs. Coxi-Eintrag). Nach dem Beratungsgespräch mit Prof. Suck dachte ich über die neue radikale nächstes-Semester-quereinsteigen-Perspektive nach und fragte mich in diesem Kontext, ob für mich wohl die Möglichkeit bestünde einen „Psycholgen-Schein“ in „Motivation & Persönlichkeit I“ zu erwerben. Nach der nächsten Vorlesung (wir befinden uns zeitlich irgendwo im November 2007) stellte ich Prof. Kuhl diese Frage, woraufhin er mich unwirsch darauf hinwies, dass solche Anliegen in seiner Sprechstunde zu besprechen seien.
Ich ging also zur Sprechstunde und brachte mein Anliegen erneut vor. „Ja, ich weiß noch, wer Sie sind.“, entgegnete Kuhl darauf. Das Problem bestand (zur Klarstellung) darin, dass ich bis zu dem Zeitpunkt nicht das Begleitseminar besucht habe, wo eifrige Psychologiestudenten jede Woche eine kleine schriftliche Ausarbeitung als Hausarbeit einzureichen haben.
Kuhl schlug mir zwei Möglichkeiten vor, wie ich trotzdem einen ‘richtigen’ Schein erwerben kann:
Ich könnte zum einen jede Hausaufgabe (verpasste und noch kommende) anfertigen und einreichen. Die Hausaufgaben bestehen aus einer zwei- bis dreiseitigen Antwort zu einer vertiefenden Frage zum jeweiligen Lehrbuchkapitel. Zum anderen könnte ich eine Zusammenfassung des ganzen Lehrbuches anfertigen, meinte Kuhl, woraufhin ich ziemlich große Augen bekam.
„Nun schauen Sie nicht so!“, sagte er lachend, „Ja, das mag viel Arbeit sein, stellt aber gleichzeitig eine Ideale Prüfungsvorbereitung für Sie dar. Wenn sie Psychologiestudent werden möchten, müssen Sie zwei Klausuren und eine Vordiplomsprüfung in Persönlichkeitspsychologie ablegen. Denken Sie darüber nach.“
Ich dachte.
Das Lehrbuch würde ich ohnehin lesen müssen — sowohl für die Hausaufgaben-, als auch für die Zusammenfassungsalternative. Das Lehrbuch umfasst ca. 500 Seiten. Zwei- bis dreiseitige Ausarbeitungen zu insgesamt neun Kapiteln ergeben 18 bis 27 Stück Papier. Sooo viel mehr kann eine Zusammenfassung des Ganzen auch nicht umfassen.
Ich sagte ihm, dass ich die Zusammenfassung anfertigen würde.
„Prima.“, entgegnete er, „nun, dann sollten wir einen Termin ausmachen, bis wann Sie die Zusammenfassung abzugeben haben.“ — „Wie wärs mit ‘irgendwann in den Ferien’?“ — „Ach, das ist viel zu vage. Sie brauchen einen konkreten Termin, auf den Sie zuarbeiten können. Wie klingt der erste März?“ — „Ja, ist in Ordnung.“ — „Gut, dann schicken Sie mir noch bitte eine E-Mail, in der Sie das noch einmal bestätigen — damit es sicher ist.“

Ich verschickte einige Tage darauf besagte E-Mail und erhielt als Antwort ein erneutes ‘Prima.’ sowie ein ‘Ich wünsche Ihnen guten Erfolg bei ihrem ehrgeizigen Ziel’. Ich mag Menschen, die ‘prima’ sagen :)

Eine Woche vor der Klausur, Mitte Januar, habe ich ernsthaft mit den Arbeiten angefangen¹ und pausierte dann wieder bis Semesterende aufgrund der ganzen anderen (Coxi-)Klausuren. „Semesterende“ heißt „Anfang Februar“, womit ein knapper Monat an Zeit verblieb. Ich erstellte mir einen Zeitplan, den ich aber immer wieder verfehlt habe, und bastelte mir dann in Excel — um einen Überblick zu gewinnen — einen dynamischen Zeitplan: Durch Eingabe des Abgabetermins, die Seitenanzahl des Buches und die aktuelle Seite erstellte das nette Programm einen kleinen Zeitplan für die verbleibenden Tage. Ich konnte dann jeden Tag die aktuelle Seite neu eintragen, meistens registrieren, dass ich das Tagesziel nicht erreicht hatte, und dann den Plan neu erstellen lassen.
30 Seiten pro Tag lesen und zusammenfassen erschien mir nicht viel, ist aber viel. Ich habe an sehr guten Tagen vielleicht 30 Seiten geschafft, das war aber keine Sache, die ich über mehrere Tage hinweg leisten kann. Trotzdem verlangte die Anzeige in meinem dynamischen Zeitplan irgendwann nach dieser Leistung.
Ich schrieb also nach einem langen Tag am 28. Februar Professor Kuhl um 7 Uhr morgens eine Mail mit bitte um Aufschub und beendete diese mit:
„Ich hoffe, Sie sind damit einverstanden und gewähren mir diesen Aufschub.
Gute Nacht!
Tobias Grage“

Ja, mein Tagesrhythmus war so eine Sache… Ich saß oft Stunden vor dem aufgeschlagenem Buch und zwang mich es zusammenzufassen. MIt dieser Haltung schaffte ich an einem Abend zwei Seiten. Ich war sehr unkonzentriert und ließ mich andauernd ablenken (ohne dass ich an der Ablenkung Freude gehabt hätte). Tief in der Nacht dann (vielleicht gegen halb fünf rum) schrie mein Arbeitswille laut um sich und trieb mich an. Ich war nicht müde, sondern sprudelte nur so vor Energie. Ich bekam Lust auf das Buch, wurde sehr motiviert und hatte sogar Spaß beim Zusammenfassen.
Nach vielen munteren Minuten Arbeit dachte ich ans Bett. Eigentlich wollte ich schlafen gehen, aber ich dachte mir, dass es recht hirnrissig wäre, wenn ich den ganzen Tag zu nichts komme und erst in der Nacht motiviert bin, diese Motivation dann im Keim zu ersticken.
Fortan war mir die Zeit egal. Ich driftete immer ein paar Stündchen weiter nach hinten, weil ich komischerweise sehr oft erst wenige Stunden vor dem Zeitpunkt, an dem ich am Vortag zu Bett ging, wirklich Lust bekam. Michael fragte mich nach der ganzen Zusammenfassungsaktion, ob es einen Tageszeitpunkt geben würde, an dem ich während dieser Zeit nicht zu Bett ging. Ich dachte kurz nach, fing an zu Lachen und musste die Frage verneinen: ich habe quasi einen kompletten Überschlag geschafft.

Aber zurück zum Aufschub: Professor Kuhl sagte mir, dass eine geringfügige Überschreitung vom neuen Termin — dem 07. März — keiner großartigen Diskussion bedarf. Am 15. März dann hatte ich erst sieben von neun Kapiteln zusammengefasst. An diesem Tag schrieb ich um halb sieben eine weitere E-Mail an Kuhl, denn ich würde um 6:53 Uhr am selben Tag den Zug besteigen, der die achttägige Reise ins Vereinigte Königreich einläuten würde. Ich erklärte diesen Umstand und sagte fest zu die Zusammenfassung nach der Reise schnellstmöglich fertigzustellen.
Ich erhielt augenblicklich eine Antwort. Auto-Responder. „Abroad until April 1st — in URGENT CASES please contact [...]„
Ich grinste breit und fuhr quasi sorgenfrei nach Großbritannien.

Am 02. April war ich dann tatsächlich fertig. Die Tage zuvor verbrachte ich im Keller. Nur das Buch, mein Notebook und ich. Kein Internet, kein Telefon, keine Ablenkung, alles fein — ich war hochproduktiv.
Die „Fertig!“-Mail ging um halb elf raus. Ich duschte mich — auch wenn ich die Nacht durchgearbeitet hatte, musste ich um 12 Uhr an diesem Tag zur Arbeit. Nach dem Duschen sah ich, dass bereits eine Antwort eingetrudelt ist.
Ich erhielt ein sehr riesiges und buntes Lob :)
…ich glaube, ich hab den ganzen Tag über dümmlich gegrinst.

Während des Sommersemesters ‘08 hab ich immer mal wieder das gute Stück korrekturgelesen und in den letzten Tagen Fehler ausgemerzt und Sachen ergänzt (sowie total supertolle Kapitelbilder gemalt!).
Jetzt ist es quasi erst richtig fertig und wird veröffentlicht.
Hier der Link (der natürlich auch — wie schon gesagt — auf der ‘links und downloads!’-Seite zu finden ist).

Trivia!

  • Die Zusammenfassung wurde größer als gedacht. Etwas knapp über 27 Stück Papier konnte ich mir ziemlich sehr schnell aus dem Kopf schlagen. Es sind jetzt im Endeffekt 118 Stück virtuelles Papier mit insgesamt 45.494 Wörtern drauf.
  • Während des Zusammenfassens hörte ich gerne Musik. Auf der Suche nach möglichst ruhiger Musik stieß ich ziemlich schnell auf das Internetradio des niederländischen „Concertzenders„. Der Themenkanal „De Gehoorde Stilte“ war für mich wie geschaffen und lief stets im Hintergrund. Auch heute höre ich ihn noch beim Lernen.
  • Der größte Fehler schlich sich in das vierte Kapitel ein. Kuhl verwendet die Konstrukte Handlungs- und Lageorientierung und nutzt im Text dafür die Abkürzungen „HOM“, „HOP“, sowie „LOM“ und „LOP“. Ich dachte, dass das „M“ und das „P“ für „Mensch“ bzw. „Person“ stünde; also: „Handlungsorientierter Mensch“ — „HOM“ und „Handlungsorientierte Person“ — „HOP“.
    Das ist leider vollkommener Blödsinn :)
    (Tatsächlich werden zwei verschiedene Arten der Handlungs- bzw. Lageorientierung unterschieden. Einmal die prospektive und die nach einem Misserfolg.)

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¹   Die Klausur verlief übrigens mies. Ich war ziemlich sehr aufgeregt und hatte einen Blackout. Kurz vor Abgabe lösten die magischen Worte „Sie haben noch fünf Minuten.“ das Problem. Auf einmal wusste ich wieder die Antwort auf viele Fragen. Das nützte mir nicht mehr allzu viel — ich erhielt eine vier ((Die zweite Klausur, die sich auch um das Buch drehte und ich mitschrieb als die Zusammenfassung bereits fertig war, habe ich dann mit 1 bestanden :] )).

14
Sep
08

la noyée

Raus.
„Warum?“ — „Frag nicht, tus einfach.“ — „Na gut.“

Ich ging in der Nacht spazieren. Als ich den fast vollen Mond sah, wusste ich, dass es richtig war, der Eingebung zu folgen. „Wohin?“ — „Da vorne, in die Schrebergärten — da ist es dunkel.“
Ich laufe.
„Warum mache ich das?“ — „Wenn du weiter so fragst, verlierst du die Freude daran.
Ich komme an einen Pfahl und mache halt und frage mich, wer auf die Idee kam den Weg durch zwei Pfähle zu behindern. Sie behindern nicht einmal, sie stehen bestenfalls im Weg.
Doch mich interessiert nur der eine Pfahl. An den kann man sich perfekt anlehnen und den Himmel betrachten. Meine Hose wird nass, weil der Pfahl nass ist.
Ich gehe wieder zurück, stolpere über den Bordstein, helfe einem Taxifahrer, der Hausnummer 41 sucht und gehe wieder in die Wohnung. Esse das Eis auf, trinke einen Schluck vom Wasser, das der Besuch daließ, verrichte meine Notdurft und steige wieder die Treppen hinab nach draußen — auf dem Weg zu meinem kleinen Plätzlein.

Draußen erhasche ich einen flüchtigen Blick die Straße entlang. Der Taxifahrer ist nicht mehr da, hat wohl seine Fahrgäste gefunden. Wohin sie wohl fahren möchten?
Zwei Leute führen einen Hund Gassi. Ich verlangsame meinen schnellen Gang, damit sie nicht sehen können wie ich zielstrebig auf die kleine Gasse zwischen all den Schrebergärten zugehe.
Moment mal, deshalb verlangsamst du deinen Gang? Glaubst du, komisch zu wirken, wenn du das tust, was du möchtest?“ — „Spielt das eine Rolle, ob sie mich komisch finden?“ — „Eben. Also?
Ich erhöhre mein Tempo wieder und erreiche die sinnlose rot-weiße Wegbegrenzung.
Ich rauche, fotografiere den Pfahl und fasse die Absicht über das Geschehen einen Blog-Eintrag zu verfassen.
„Warum? Wie komme ich auf diese Idee?“ — „Weil du selbst nicht weißt, was dich hierhin bewegt und es dich fasziniert — sowohl der Spaziergang als auch die ungeklärte Motivation für denselbigen; denk am besten auch darüber nicht nach.“ — „Und warum nicht?“ — „Weil du es ansonsten nicht machen würdest, es käme dir sinnlos vor. Du würdest annehmen, dass es keinem nütze davon zu lesen — doch darum geht es nicht.
Die Gedanken sedieren. Ich lausche „la noyée“ vom „Le fabuleux destin d’Amélie Poulain„-OST und mache mich auf den Rückweg.

Diesmal stolpere ich nicht über den Bordstein; auch fragt diesmal kein Taxifahrer nach dem Weg. Ich erreiche meine Wohnung, in der es nach Oregano und nach meinem Besuch riecht, schnappe mir das Notebook.
Ich weiß, dass du überlegst, den Beitrag nicht zu verfassen.“ — „Egal, ich tue es trotzdem. Es fühlte sich richtig an.“ — „Richtig. Einfach so.

Einfach so.

18
Jun
08

Das dritte Semester — Ich vs. CoXi

WS 2007/08.
Mein drittes Semester Cognitive Science
…und mein letztes!

Das dritte Semester begann mit meiner Aufgabe als Erstsemestertutor. Ich hab mich mit fünfzehn anderen Menschen zusammengetan; wir hatten dann so einige Treffen in den Ferien und jagten unzählige Emails über die Mailingliste, um schließlich in der Einführungswoche vielen euphorischen Menschen wichtige Dinge zum Studienablauf vermitteln zu dürfen.
Im Grunde war alles so, wie vor einem Jahr: es gab unter den Erstis diejenigen Leute, die ja eigentlich Psychologie machen wollten, aber der NC ihnen ein Strich durch die Rechnung gemacht hatte; dann gab es die Leute, die Mathe und Info voll super finden, aber befürchteten, dass ihnen dies auf Dauer zu eintönig wird; und auch jene Leute, die für den Traum ein CoXi zu sein aus nem Kaff neben Nürnberg nach Osnabrück gerannt kommen.
(Eine Spezies war neu: zwei Erstsemester erzählten mir, dass sie sich eigentlich in einen ganz anderen Studiengang einschreiben wollten, aber befürchteten, dass es sich dabei um eine „brotlose Kunst“ handle. Daher sind sie auf den fahrenden, boomenden und sowieso endgeilen CoXizug aufgesprungen — dies ziemlich-sehr fragwürdige Verhalten kannte ich aus meinem Jahrgang nicht.)

Nach der Einführungswoche fingen dann die Vorlesungen an. Und diesmal gab es nur eine Pflichtvorlesung — große Freude!
Neben CoXi-Vorlesungen besuchte ich in diesem Semester auch sieben andere Veranstaltungen. Die Spanne reichte von katholischer Theologie über Psychologie bishin zu theoretischer Physik. Letzteres fiel aber ziemlich sehr schnell wieder aus dem Stundenplan raus. Ich kann nicht genau festmachen, ob ich einfach nicht jeden Mittwoch um 7 Uhr hätte aufstehen wollen, oder ob ich davon abgeschreckt worden bin, dass gleich in der ersten Vorlesung mehrmals nach Taylor entwickelt worden ist (ein Mathestudent aus meinem Freundeskreis regt sich gerne gehäuft darüber auf, dass Physiker bei jedem Problem nach Taylor entwickeln. Egal welches Problem! Ob sie nun versuchen eine mehrdimensionale Wellengleichung näherungsweise herzuleiten oder die Ampel gerade unverhofft auf rot gesprungen ist — erstmal Taylor!)
So besuchte ich durchgehend ‘nur’ fünf nicht-CoXi Vorlesungen.

Richten wir den Scheinwerfer der Erzählung jedoch zunächst wieder auf CoXi:
mir wohnte eine große Motivation und Vorfreude inne. Das lag etwas an der Euphorie der Erstis, von der ich mich anstecken ließ; beruhte aber im Wesentlichen auf der neuen Perspektive: die meisten Veranstaltungen fingen endlich nicht mehr mit „Introduction to“ an — kein Grundlagenkram mehr! Wir hatten uns nun eine ordentliche Wissensbasis erarbeitet, die es uns ermöglichen würde differenzierte Themen der Kognitionswissenschaft zu behandeln.
Ich war sehr gespannt.

Doch ich wurde enttäuscht. Die erste Enttäuschung kam ziemlich früh: eine CoXi Vorlesung im Bereich der kognitiven Psychologie fiel aus. Warum? Es wollten nur fünf Leute daran teilnehmen (mich eingeschlossen). Nur zwei davon (wieder mich eingeschlossen) erklärten sich auf Anfrage der Sekretärin des Dozenten bereit auch zur ersten Sitzung zu erscheinen…
Die zweite Enttäuschung war Neuroinformatik. Ich mochte den Dozenten nicht, was die meisten anderen gar nicht nachvollziehen konnten. Irgendwann ging ich kaum noch zur Vorlesung, obwohl es sich um eine Pflichtvorlesung handelte. Zugegeben ist das kein besonders guter Grund eine Vorlesung mit eigentlich interessanter Thematik nicht zu besuchen — wayne (sowieso wurde vieles in diesem Semester ‘wayne’…).

Die meisten Vorlesungen/Seminare entwickelten mit der Zeit die Tendenz altbekanntes zu wiederholen und bestenfalls leicht zu vertiefen oder die Tendenz intuitives Wissen in Worthülsen zu stopfen oder aber die Tendenz sich in einseitige detailbessesene Modelle und Theorien zu verstricken.
Methods of AI schaffte es alle drei Tendenzen zu entwickeln: das aus dem zweitem Semester bereits bekannte Thema ‘Search’ wurde wiederholt, intuitives Wissen zur Beweisführung wurde in Begriffe („Beispiel“, „Gegenbeispiel“, „Induktion“…) verpackt und mit den Cognitive Architectures wurden einige unhandliche Modelle vorgestellt, die ich nicht als besonders sinnvoll empfand.

Parallel zu diesen Frustmomenten redete ich mit zwei Freunden gehäuft über ihre Zukunft. Der eine wollte Studiengang und -ort wechseln und der andere überhaupt erst anfangen zu studieren. Mit der Zeit stellte ich mir dann selbst die Frage nach meiner Zukunft. Ich fragte mich, was ich von CoXi erwarte und was ich nach dem Studium damit anfangen will.
Wenn man einen CoXi nach der Zeit nach CoXi fragt, erhält man meist die Antwort: „CoXi hat acht Module. Du kannst in jedem Modul theoretisch deinen Master machen — das ist ja das geile an CoXi!“

Welche Module kämen für mich in Frage? Anfang des Semesters hätte ich „Neurobiologie, Psychologie und Linguistik“ geantwortet. Doch mittlerweile mochte ich Linguistik nicht mehr. So toll die Computerlinguistik-VL im zweiten Semester auch gewesen ist, zeigten mir doch die beiden Veranstaltungen im dritten Semester etwas, was ich nicht „mein Berufsziel“ nennen kann.
Und Neurobiologie? Ich zweifle extrem stark an, dass sich ein CoXi Bachelor so mir, nichts dir nichts für einen (Neuro-)biologie Master einschreiben darf. Das Angebot an (offiziellen) (Neuro-)bio VL ist dafür viel zu dürftig.
Bleibt noch die Psychologie. Aber da siehts mit dem Angebot ebenso dürftig aus. Der Unterbereich ist eigentlich auch nur mit „Kognitionspsychologie“ betitelt und macht daher bestenfalls 1/4 des gesamten Psychologiespektrums aus.

Schlussfolgerung: ich werde mich einfach in Psychologie und/oder Neurobiologie beraten lassen müssen und mir meine Möglichkeiten aufzeigen lassen. Alles andere würde ich dann irgendwann vor dem Bachelorabschluss entschieden haben.
Ich wollte mich fürs Erste nur in Psychologie beraten lassen, weil sie für mich wesentlich reizvoller ist, als die Neurobiologie/Neurowissenschaft.

Neues Problem: an wen wende ich mich? An CoXi-Professoren, die keine Ahnung von Masterstudiengängen in anderen Fachbereichen haben oder an Psychologie-Professoren, die keine Ahnung von CoXi haben?
Ich entschied, dass es das beste sei diese an-wen-wende-ich-mich-Frage dem Studiendekan in CoXi, Prof. Stephan, zu stellen. Der sagte, ich müsse mich an die Studienberatung der Psychologie wenden, sei sich aber nicht sicher, ob ein Psycho-Master mit CoXi-Bachelor überhaupt möglich sei…
Ich ging zum Studienberater der Psychologiestudenten, Prof. Suck mit Namen.
Er sagte mir, dass ein Wechsel möglich sei, aber nicht besonders wahrscheinlich. Es wird, wenn das Bachelor/Master System nächstes Semester in Osnabrück eingeführt wird, 30% Masterplätze in Relation zu Bachelorplätzen geben. Ich müsste demnach erstens sehr gute Noten haben und zweitens einen Antrag an den Prüfungsausschuss stellen, die meinen Bachelor in CoXi als Ersatz für den Bachelor in Psycho anerkennen würden.
Vorsichtig zeigte Prof. Suck mir die Möglichkeit eines Studienwechsels zum nächsten Semester hin auf, die ich spontan mit „etwas radikal“ kommentierte.
Er sagte mir, dass ein Wechsel in ein höheres Semester viel einfacher und wahrscheinlicher sei, als mein eigentliches Vorhaben. Das funktioniert dann so:
Die Uni bietet eine begrenzte Anzahl von Studienplätzen im NC-Studiengang Psychologie an. Diese Plätze werden natürlich zum ersten Semester hin von der ZVS gefüllt. Sobald jemand das Studium dann abbricht oder den Studienplatz wechselt, sind quasi freie Plätze vorhanden. Wenn man durch wildes Wedeln mit Scheinen zeigen kann, dass man in etwa die Qualifikation eines höhersemstrigen Psychologiestudenten besitzt, darf man quereinsteigen.

Professor Suck sprach noch hier und da einige wichtige Punkte an; ich bedankte mich abschließend artig und verließ sein Büro mit dieser kleinen Idee, die langsam in meinem Kopf aufkeimte und Wurzeln schlug:
direkt nach der Beratung schätzte ich die Wahrscheinlichkeit, dass ich einen Antrag auf Studienwechsel stellen würde, mit 50% ein. Einige Tage später waren es 70%. Acht Tage nach der Beratung stellte ich den Antrag.

Ich wollte meinen CoXi-Freunden nichts von der Beratung erzählen, bis ich mir meiner Sache sicher genug war, da ich ahnte sie würden diese Idee nicht gutheißen.
Ich ersonn das Weihnachtsfrühstück am letzten Tag vor den Weihnachtsferien als DEN Termin, um mich zu outen. Meine Antragsstellung lag zu dem Zeitpunkt bereits gut eine Woche zurück.

Ich erhielt in der Tat sehr komische Reaktionen. Einige sprachen davon, dass ich nicht einfach „weggehen könnte“ oder, dass ich mich falsch entschieden hätte oder, dass dies nicht mein Ernst sein könne.
Eine einzige Person sagte, dass sie sich für mich freuen würde, da es das sei, was ich schon immer gewollt hätte.
Am Tag danach beschwerte sich noch eine andere Person vom Frühstück darüber, dass ich ihr das Weihnachtsfest durch diese grausige Vorstellung ruiniert hätte. Sie war ernsthaft angepisst und ich ernsthaft erstaunt.

Es waren aber längst nicht alle so extrem. Viele haben gar nicht erst angefangen darin ein großes Problem zu sehen. Und die meisten, die doch eins gesehen haben, haben sich zumindest damit abgefunden.

Das Semester kam bald zu seinem Ende. Klausuren wurden geschrieben (oder auch nicht geschrieben — hab mich am Morgen vor einer Klausur dazu entschieden, sie nicht mitzuschreiben, weil ich davon überzeugt war, ich würde nicht bestehen können — ich hatte in der Nacht zuvor nur die Hälfte des Lehrstoffes wiederholen können; hätte doch zwei Nächte dafür einplanen sollen..).
Die Ferien fingen an. Schluss.

Meine Lieblingsvorlesungen in dem Semester lauteten „Motivation & Persönlichkeit“ und „Neutestamentliche Eschatologie“. Da bin ich einfach immer wieder gerne hingegangen. M&P war zudem eine Psychologievorlesung; die Aussicht auf einen Studienplatz hat meine Freude an der Vorlesung, die ohnehin schon groß war, weiter verstärkt.

Die schlimmsten Vorlesungen waren Statistical Natural Language Processing und Action & Cognition. Auch wenn das für A&C nur bedingt zutrifft: Action & Cognition umfasste sehr interessante Themengebiete — aber eben nicht nur. Einige Inhalte der VL waren bereits aus anderen VL bekannt, waren falsch oder stellten sich im Nachhinein sogar durch die VL selbst als falsch bzw. inkonsistent heraus. Das Ganze wurde von einem Professor begleitet, den ich sehr merkwürdig finde. Und das liegt nicht nur an seiner Art zu sprechen („Se nnürohn in se senter of sihs sörkl…“ — „The neuron in the center of this circle…“).
Ich kann nicht genau festmachen, woran es liegt…
Tatsache ist, dass er es liebt die Schriftart ‘Comic Sans MS’ zu benutzen — kein gutes Zeichen.

Und was wurde aus dem Wechsel?
Für mich stand fest: wenn aus dem Wechsel nichts wird, werde ich es wieder und wieder versuchen. Ich hab mich richtig auf den Gedanken an ein Psychologiestudium fixiert/verstrickt/festgenagelt. Ich versuchte schon vor dem CoXi Studium Psychologie zu studieren (so war ich auch im ersten Semester für meine Einführungswochentutoren in eine bereits bekannte Kategorie einsortierbar); die ganzen Gedanken rund um den Wechsel haben mich wieder an diesen — ich traue mich kaum das Wort zu benutzen — Traum erinnert und ihn lebendig werden lassen.
Vielleicht habe ich diesen Traum während der vergangenen Semester unabsichtlich ausgeblendet; vielleicht erschien mir aber tatsächlich CoXi ein ebenbürtiger Ersatz zu sein — keine Ahnung.
Auf jeden Fall ist mein Traum wieder erwacht und stärker als je zuvor.

Damit kann man die Beziehung zwischen CoXi und mir als gescheitert ansehen.
Ich hab mich in vielen Gedankengängen wiedergefunden, die sich damit befassten, warum CoXi eigentlich so scheiße ist. Einige drehten sich um die kränkliche Methodik, andere um den übertrieben starken Fokus auf das symbolische Bewusstsein und wieder andere um die Besessenheit von der Idee eine Internationalitätsattitüde durch Englisch als Vortragssprache wecken zu müssen.
Ich hab mich mit keinem Gedankengang lang genug befasst, als das ich jetzt hier darüber berichten kann/möchte — aber soviel sei gesagt: CoXi darf wegen mir gerne weiterexistieren, so scheiße ist es gar nicht :)

Ich persönlich sehe mittlerweile in dem Studiengang (bzw. in den ersten drei Semestern) einen schönen Einblick in acht wissenschaftliche Disziplinen. Ich hatte quasi mit CoXi eine umfangreiche Orientierungsphase.
Vielen Dank dafür.
Ich bezweifle nur, ob die letzten drei Semester mehr vollbringen können, als einen umfangreichen und oberflächlichen Einblick in jene acht Disziplinen zu vermitteln.

Zurück zu meinem angestrebten Wechsel:
Mein Antrag ist bewilligt worden!
Derzeit bin ich ein glücklich hüpfender Psychologiestudent im zweiten Semester.
Der wichtige Brief kam eine Woche vor Vorlesungsbeginn. Ich wusste bereits an der Dicke des A5 Briefkuverts, dass es einfach geklappt haben muss.

In der ersten Vorlesungswoche ging ich dann zum Studierendensekretariat und machte den Wechsel offiziell. Als ich ankam, sagte ein dicker Mann zu einem Mädchen am Schalter: „Glückwunsch, sie sind die letzte, die wir für das Diplom in Psychologie zugelassen haben.“
Ich habe am Tresen neben dem Mädchen einer Dame mein Anliegen vorgebracht. Sie schritt dann zu einer Kollegin und verkündete, dass „der andere jetzt auch da sei“. Genau das drang dem gratulierenden Dicken ins Ohr. Er wandte sich zu mir um, suchte meinen Blick und sagte erfreut: „Ah, toll! Und sie sind der Vorletzte!“
Er fing an zu lachen und ich begann zu strahlen — ich habe es geschafft. Ich bin da. Alles wird gut.
Danke.

Die Kollegin bereitete wenig später meinen neuen Ausweis vor und fragte mich: „Wollen Sie Ihren alten Studiengang parallel weiterstudieren?“
„Mh.. nein.“, sagte ich.
„Sie wollen Cognitive Science aufgeben?“
Das klang dann doch etwas hart. Ich dachte sehr kurz darüber nach und sagte schließlich sicher und bestimmt:
„Ja, ich will es aufgeben.“

07
Feb
08

Rückmeldung

Osnabrücker Hauptbahnhof, letzten Sommer:
Ich rannte auf den Haupteingang des Bahnhofs zu — nur noch eine Minute bis mein Zug abfährt! Ich war am Haupteingang aufgrund der elektrischen Türen und der anderen Menschen gezwungen kurz stehen zu bleiben. In dem Moment wandte sich ein Typ an mich und bat mich um etwas Kleingeld. „Ich hab grad echt keine Zeit — mein Zug fährt sofort“ sagte ich hektisch, rannte zum Gleis und sah meinem Zug beim Wegfahren zu.
Dumme Sache. Da ich eine Stunde Zeit hatte bis der nächste Zug abfahren würde, entschloss ich wieder in die Innenstadt zu gehen. Auf dem Weg dorthin kam ich wieder am Eingang vorbei also auch an dem Typ. Ich sagte ihm „So… jetzt habe ich Zeit. “ und gab ihm etwas Kleingeld.

Alles völlig legitim. Nur dummerweise bedeutet „ich hab grad echt keine Zeit“ im Allgemeinen fast nie „ich hab grad echt keine Zeit“.
Der korrekte Gebrauch wäre die Verkündung der Feststellung, dass Aktion A vor dem Ausführen oder Geschehen von Aktion B offensichtlich nicht mehr durchgeführt werden kann. Wie in „Mein Flug geht in 10 Minuten. Ich hab keine Zeit mehr, um nochmal nach Hause zu fahren und mich zu duschen.“.
Kritischer wird es bei Aussagen wie „Ich hab heute Abend keine Zeit, um ihn anzurufen — ich muss morgen früh raus.“
Wann immer die Phrase so gebraucht wird, denke ich mir „Eigentlich wollte die Person sagen ‘Heute Abend werde ich ihn nicht mehr anrufen, es gibt andere Sachen wie meinen Schlaf, die ich dringender brauche’.“
Denn in solchen Aussagen ist es keine Frage der Möglichkeit (ab einer gewissen Geschwindigkeit kann man innerhalb von 10 Minuten vom Flughafen nach Hause fahren, sich duschen und pünktlich wieder zurückkommen), sondern des Willens (man wägt ab, ob man lieber ein wenig mit wem plaudert oder man lieber für die morgige Vorlesung ausgeschlafen ist).
Natürlich klingt meine Umformulierung egoistischer. Man sagt lieber „Ich hab keine Zeit“ als „Ich mach lieber andere Sachen“.
Ich selber versuche diese Phrase zu vermeiden, bin aber auch nicht böse, wenn sie jemand verwendet.

Nun ist es leider so, dass in meinem Cognitive-Science-Umfeld (CSU) sehr häufig mit „Ich hab keine Zeit“ um sich geworfen wird. Ich kann mich an kein einziges Mal erinnern, wo „Ich hab keine Zeit“ eine Aussage der fehlenden Möglichkeit beschrieb.
Aber wie gesagt — ich bin nicht böse, akzeptiere es oder toleriere es zumindest.
Dummerweise reduziert das häufige Gebrauchen dieser Phrase anscheinend die Hemmschwelle, die zum Veräußern der Phrase überwunden werden muss.
Es gibt nämlich noch eine Bedeutungsmöglichkeit — eine Erweiterung der Ich-will-nicht-Möglichkeit, die nur dazu dient zu demonstrieren für wie wichtig man sich eigentlich hält.
Häufig wird in meinem CSU „Ich hab grad echt keine Zeit“ in diesem Zusammenhang verwendet. Es sind inhaltlose Aussagen, vollkommen irrelevant und in erster Linie blöd.
Aber auch das wird von mir zähneknirschend hingenommen und gibt mir Gelegenheit an dem Versuch akustische Sinneswahrnehmungen bewusst nicht wahrzunehmen zu feilen.

Folgende Erkenntnis kam mir allerdings vergangenen Montag in der Mensa:
Wenn ein Mensch „Ich hab grad echt keine Zeit“ in absurdester Weise nur dazu verwendet, um sich selbst aufzubauschen und sich über-wichtig zu machen, kann ich diesen Menschen nicht länger ernst nehmen.
Meine Kommolitone aus dem CSU setzte sich zu mir. Wir wünschten uns einen guten Appetit. Er saß mir gegnüber, schaute kurz auf sein Essen, dann auf mich, dann aus dem Fenster und wieder auf mich und schnitt mit einem schwerem Seufzer ein Thema an: „Haach, noch 11 Tage.“
Ich versuchte nachzudenken, was in 11 Tagen sein könnte. Die letzte Klausur? Ferien? Als ich mich schließlich selbst fragte „der wievielte ist heute eigentlich heute?“, gab ich auf und fragte — auch wenn ich es hasse auf diese indirekten Anspieler zu reagieren — „Was ist in 11 Tagen?“ Er baute eine dramaturgische Pause ein, in der er die Hand mit der Gabel geschickt auf dem Tisch platzierte und sagte endlich: „Da ist die Rückmeldefrist zu Ende.“

Kurze Erklärung:
Am Ende eines Semesters muss man sich bei der Uni rückmelden, wenn man weiterstudieren möchte. Dies tut man witzigerweise durch das Überweisen von gut 650€ auf das Konto der Uni.

Okay… warum beunruhigt ihn das Ende der Rückmeldefrist?
„Und? Das zahlen doch eh deine Eltern, oder? Ich meine… du arbeitest doch nicht also woher sollst du es sonst nehmen?“
„Nein, nein… das bezahl schon ich.“
„Dann hast du nicht genug Geld?“
„Doch, doch, das auch. Ich muss es nur *dramaturgische Pause* überweisen.“
„Mhm. Und?“
„Dazu fehlt mir grade echt die Zeit!“

o_O
Okay, dachte ich mir, okay der verarscht dich. Allerdings verarscht er andere so selten wie ich darüber nachdenke wie man mit Tütenaufblasen Erdbeben verhindern kann.
„Du hast -WAS? Meinst du das ernst?“
„Wieso?!“, fragte er und schaute mich verdutzt an, „Ich hab einfach so viel zu tun, also hab ich einfach keine -blablabla“

Ich räume der Möglichkeit, dass meine Kommolitone für die nächsten elf Tage einen minutengenauen Zeitplan entwickelt hat, der es ihm nicht erlaubt eine zweiminütige wilde Überweisungssession zu veranstalten, eine geringe Wahrscheinlichkeit ein.
Viel mehr habe ich keine Lust mehr ihn ernst zu nehmen, was durch das obige „blablabla“ zart angedeutet wird.