14
Jun
07

Bücher für bessere Menschen

Neulich trudelte ein Brief bei uns zu Hause ein.

Der Brief kam vom Club Bertelsmann mit der Bitte doch etwas aus dem Club zu kaufen. Andernfalls würde selbiger Club annehmen, dass wir uns bereits vor Freude in unserem eigenen Urin wälzen, angesichts der Tatsache, dass wir in wenigen Tagen endlich automatisch Nichtssagendesbuch #122 kaufen werden.

Ich überlegte wie ich den Club davon abhalten kann uns die sog. „monaltiche Kaufempflehung“ zuzusenden und nahm kurzerhand die Autoschlüssel.

Im Club dann (wem das zu schnell ging: zwischen „Schlüssel-nehmen“ und „Im-Club-sein“ fand noch das ereignislose „Auto-fahren“ statt) nahm ich die Suche nach Harald Schmidts „Mulatten in gelben Sesseln“ auf. Der Club war praktischerweise in eine Buchhandlung integriert, die wiederum in einen Bürobedarfsartikelladen integriert war.

Ich suchte einige Regale ab und stellte entnervt fest, dass die gesamte zweite Etage des Geschäfts ebenfalls mit Büchern vollgestopft war. Ich erspähte eine Verkäuferin. Ein dafür-wird-die-Frau-schließlich-bezahlt-Gedanke (DWDFSBG, nicht zu verwechseln mit dem artverwandten DWDMSBG) trieb mich an, sie um Hilfe zu bitten.

Zwei Frauen okkupierten, von einem DWDFSBG angetrieben, die Verkäuferin. Frau #1 schaute ihr soeben erworbenes Buch an und Frau #2 nahm ihr Buch entgegen. „Na endlich!“ sagte sie. Frau #1 stierte auf das Buch von Frau #2 und sagte: „Oh das Buch wollte ich schon IMMER mal lesen, aber man kommt ja so schlecht ran!“. Frau #2 entgegnete: „Ja genau, deshalb freu ich mich jetzt auch sehr. Das Buch soll wirklich gut sein.“ Als die Verkäuferin sich mit einem „Ja, die Frau hat viele gute Bücher geschrieben, wisst ihr?“ einschaltete, erkannte ich, dass das ganze länger dauern könnte und schaute mich wieder seufzend um. Ich schritt zum gerade entdecktem Regal „Bestseller“ und hoffte fündig zu werden.

Als auch dieses Regal erfolglos abgesucht war und Frau #1 und #2 entschieden haben, dass die Verkäuferin ihr nächstes Monatsgehalt mit gutem Gewissen entgegen nehmen darf, schritt ich wieder zu der Frau mit dem „DER CLUB“ Namensschildchen.

Ich fragte sie : „Guten Tag. Haben sie „Mulatten in gelben Sesseln“ von Harald Schmidt?“ „Nein, das ist derzeit vergriffen. Wollen sie es bestellen?“ Himmel! Das war ja SO klar!, dachte ich, ich bestelle es bei amazon.de! . In meinem Kopf machte sich wieder Nichtssagendesbuch #122 breit, sodass ich kurze Zeit später „Ja, ich möchte es bestellen.“ zurückgab.

Die Verkäuferin zückte einen kleinen Block mit gelben Zetteln und machte sich Notizen: „Wie heissen Sie?“ „Ich heisse Tobias Grage. Ähm… brauchen sie die Clubkarte?“ Die Frau hört plötzlich mit dem Schreiben auf und blickt mir in die Augen. „Sie sind beim Club?“ „Ja, bin ich.“ Die Mimik der Frau erhellte sich schlagartig und ein Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit. „Na, wenn das so ist. DANN revidiere ich meine Aussage.“ Zielsicher ging sie zu einem Regal unweit von der Kasse, zog noch zielsicherer ein kleines Buch aus dem Regal und reichte es mir. „Hier, bitteschön!“

Ich schaute irritiert auf das Cover, während die Frau zur Kasse schritt „Das macht dann 8,95! Ihre Karte, bitte.“ Ich tat wie geheißen und verließ dann das Geschäft. Heftig!, dachte ich mir auf dem Weg zum Auto, es gibt Bücher für bessere Menschen. Das schlimmste war: Ich gehöre zu den besseren Menschen mit der Eigenschaft Club Mitglied zu sein.

Jetzt freue ich mich auf den nächsten Besuch beim Club, wo ich von Anfang an meinen Schlüssel zum Glück (Club-Plastikkarte) breit lächelnd vorzeige und in den geheimen, mit rotem Samt ausgestatteten Bereich geleitet werde; dort, wo die guten Bücher stehen.


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