19
Jun
07

Ich hab noch immer blaue Flecken

Vorgestern, am Sonntag den 17.06., stand ich auf dem Platz vorm Völkerschlachtendenkmal in Leipzig. Meine Hände schmerzten wie kaum jemals zuvor; doch trotzdem gab ich mir unablässig einen Ruck noch einmal meine beiden leidenden Gliedmaßen aneinander zu schmeißen. Sie fühlten sich gar nicht mehr wie Hände an, viel eher wie zwei fremdartige Wucherungen, die auf schmerzvolle Weise ihre Verbindung zu meinem Körper demonstrierten.

Doch fangen wir von vorne und ganz geordnet an! Ich wollte mit meiner guten Freundin Madeleine das Rosenstolz-Konzert in Leipzig besuchen. Ich fuhr am Samstag los, würde Montag wieder abreisen und konnte bei Madeleine übernachten. Die Reise war sehr schön, der restliche Samstag auch. Ich hab sogar den italienischen und polnischen Beitrag zur Pyrotechnickweltmeisterschaft gesehen (wusste gar nicht, dass es so etwas gibt!).

Am Sonntag war es dann so weit! Wir waren schon eine halbe Stunde vor Einlass am Denkmal. Etwa hundert Dutzend kamen auf die selbe, glorreiche Idee. Wir bekamen trotzdem sehr gute Plätze - vor uns standen sich vielleicht zehn Reihen die Beine in den Bauch. Meine Größe erwies sich als richtig nützlich (bin 1,95m groß)! Maddy mit ihren fast schon kümmerlichen 1,65m beteuerte aber ebenfalls genug sehen zu können.

Die erste Vorband, “Michme”, spielte (Ja, man glaubt es kaum. Rosenstolz haben heutzutage schon zwei Vorbands!). Sehr schöne Punk-Rock-Pop Musik. Flüchtige Blicke nach hinten, verrieten, dass wir uns genau den Zeitpunkt unmittelbar vor der großen Menschenmassenflut für unsere Ankunft ausgesucht hatten.

“Michme” verabschiedeten sich und “Panda” kamen auf die Bühne. Himmel! Die Sängerin hat vielleicht mal eine Stimme! Hab gleich eine neue Freundin gewonnen. Das Album wird auch vorbestellt. Interessierte mögen sich auf www.allespanda.de das aktuelle Video “Jeht Kacken!” anschauen. Maddy und ich bemerkten, während die Sängerin auf der Bühne im übelsten Berlinerisch vor sich hingrölte, dass wir uns den falschen Platz ausgesucht haben. Ein paar Meter weiter rechts wippten die Menschen fröhlich mit und freuten sich auf das bevorstehende Konzert. Und was hatten wir? Nur ein “Hoffentlich war das die letzte Nummer!” oder “Genau! GEHT KACKEN!” drang aus den Mündern der Menschen, die sich hinter uns aufgebaut haben und allesamt mindestens zehn Jahre älter waren als wir. Madeleine und ich hofften auf Vorbandmuffel und ignorierten die Nörgler hinter uns.

Doch was tun, wenn sich neue Nörgler von anderen Nörglern magisch angezogen fühlen und die wiederum ihre Existenz direkt bemerkbar machen? Auf einmal verspürte ich nämlich ein penetrantes Tippen an meinem linken Oberarm. Ich wandte mich um und ahnte fürchterliches.

“JUNGER MANN, könnten sie VIELLEICHT mal einen Schritt ZUR SEITE gehen, damit WIR auch ETWAS sehen können?” kläffte es aus dem Mund einer Frau, die kurz zuvor noch einen ganz netten Eindruck machte. “Achso, natürlich!” gab ich zurück und wollte mich schon wieder umdrehen und die Bewegung ausführen, die von der Frau mit der wechselfreudigen Betonung gewünscht war, als plötzlich ein Mann neben der Frau leicht in die Hocke ging, sich an ihren Arm lehnte und sagte: “Oder vielleicht könnten sie in die Knie gehen..?”. Danach fing er zu lachen an, wie eben solche Menschen, die solche Witze reißen, immer zu lachen anfangen. Ich erklärte diese Aussage für die überflüssigste und unlustigste des Tages. Die Frau hingegen nahm seinen Witz als ernsthaften Beitrag zu der Diskussion und schlug mit Sonnenbrille an den Lippen und Dackelblick in den Augen etwas anderes vor: “Oder… sie könnten uns vielleicht vorlassen……..?” .

Das lecker Berliner Mädschen setzte zum großen Finale des aktuellen Songs an und zog meine Aufmerksamkeit aus sich - es wurde eh zu laut, um sich mit nervigen Menschen über meine Größe zu debattieren. Ich machte einen Schritt zur Seite und erklärte Madeleine, was die Leute von mir wollten. Mit heftigem Augenrollen erklärte sie unsere Position zu einer nicht-wünschenswerten welchen. Ich jedoch sah das Problem als gelöst an und lauschte weiter den Melodien von Panda.

Zwei Lieder später jedoch wagte ich mal wieder einen Blick nach hinten, um mir die Menschenmassen hinter mir anzuschauen (die Masse wuchs hinterher auf 16.000 Menschen an). Die Frau schaute mich aufmerksam an. Ich blickte sie irritiert an - Fehler! “Könnten sie denn JETZT MAL einen MEHHTER nach links oder nach rechts machen. Wir-”, ich konnte für einen Moment nicht mehr zuhören und war vollends verwundert über ihre Formulierung “einen Meter nach links oder rechts gehen”, da auch nur ein einziger Schritt nach links ihr den Rest des eingeschränkten Blickfeldes rauben würde. “-der Rest von uns auch noch was sehen.” schloss sie ihre wahrscheinlich wohlüberlegte Argumentationskette und ich tat noch einen Schritt beiseite.

RS Konzert2

Dann geschah es: Panda verließen die Bühne und Bühnenarbeiter schleppten Instrumente durch die Gegend. Rosenstolz ließen sich ganz schön feiern, bevor sie die Bühne betraten. Alle waren gespannt und aufgeregt. Ich war sogar so aufgeregt, dass ich den leisen Hauch einer schwächlichen Bewegung an meinem rechten Schulterblatt wahrnahm. Ich buchte es als Einbildung ab. Aber als es sich wiederholte, wusste ich, dass ich wieder gefragt war. Ich wollte mich gerade umdrehen, als ich hörte, dass ein Gespräch über mich schon längst angefangen hatte:

“Ja, vielleicht könnte er ja ein kleines bisschen nach links gehen…” sagte ein Mann, dessen Stimme gut zu der schwachen Berühung passte - fragt mich nicht warum! “NEIN! DER bleibt DA, wo er IST. Da WO er steht, steht er GUT. Wir haben den schon EBEN DAHINGESTELLT!” führte die wechselfreudige-Betonungsfrau ihr Recht des Ersten aus. Da sie schon von mir in der dritten Person sprachen, entschied ich mich gar nicht erst einzumischen, sondern lieber gespannt auf den Vorhang auf der Bühne zu starren. “Der ist ja auch mal grooohhhhß….” sagte die schwächliche Männerstimme, die daraufhin etwas Kraft gewann, als sie erheitert sagte: “Der wäre bestimmt n guter Leuchtturm!”. Ich verspürte die unbändige Lust den Supersuperlativ zu erfinden und diese Bemerkung als die superüberflüssigste und die superunlustigste Aussage des heutigen Tages festzuhalten.

Doch ich war nicht wirklich angefressen. Erst recht nicht, als die Band die Bühne betrat und das Gekreische lauter wurde. Dann betraten auch AnNa und Peter die Bühne und stimmten “Ich geh in Flammen auf” an. Schon war der ganze Ärger vergessen. Wem es was sagt: Rosenstolz haben sogar mal wieder einige ganz alte Nummern ausgegraben und spielten neben dem aus der Tour ‘06 bekannten “Nur einmal noch”, “Kassengift” und “Soubrette werd’ ich nie”.

Als ich das Stück zum ersten Mal hörte, wünschte ich mir DAS mal live zu hören und an diesem Abend ging mein Wunsch in Erfüllung. “Soubrette werd’ ich nie” war der erste Track auf dem ersten gleichnamigem Album, dass 1992 zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Es ist vielleicht nicht das älteste Lied von Rosenstolz (–> “Niemehr niemals mit dir”), aber trotzdem eine richtig geile Nummer!

Rosenstolz gaben aber auch einen Ausblick auf zukünftiges und spielten zwei Lieder aus dem neuen Album, dass voraussichtlich im Frühjahr 2008 erscheinen wird. Eines davon wird “Blaue Flecken” heissen, was eine Interpretationsmöglichkeit für den Titel des Blog-Eintrags bietet (Entweder das, oder es geht um die blauen Flecken, die meine Handinnenflächen zieren).

Ich hab mich spontan in dieses Lied verliebt!

“Ohne dich dreh ich durch
Halt mein Herz in der Hand
Und ich werfs dir hinterher
Fang es auf
Halt es fest
Oder schmeiß es einfach weg
Vielleicht brauch ichs ja gar nicht mehr
…Ich hab noch immer blaue Flecken.”
– Rosenstolz

Rosenstolz haben es auf diesem Konzert wieder einmal geschafft, dass während eines Liedes plötzlich Teile meines Körpers stark und trotzdem angenehm zu kribbeln anfingen (Kopf, Oberarme und Oberschenkel) und ich mich dann mit diesem Lied sehr stark verbunden fühlte. Dieses Mal handelte es sich um “Willkommen“.

Viele weitere Songs lösten magische Momente aus und machten den Abend zu einem unvergesslichem Erlebnis. Ich könnte wohl noch Seiten mit dem Konzert füllen, aber ich bin darüber besorgt, dass ich Euch dann langweilen würde.

RS Konzert1

Einige von Euch - vornehmlich CogScis - werden sich fragen, wie ich mir die Zeit dazu nehmen konnte. Samstag, Sonntag und Montag gar nichts tun? Und das so “kurz” vor Semesterende?

Aber ich kann euch beruhigen: Es war nicht einfach für mich. Am Freitagabend habe ich bis tief in die Nacht Computer Linguistic gemacht. Im Zug habe ich am Philosphy Essay gewerkelt und als ich Montag wiederkam, brachte ich die folgende Nacht mit Informatik zu. Was dazu führte, dass ich armes kleines Ding tatsächlich keinen Schlaf fand und nun seit nunmehr fast 30 Stunden wach bin.


6 Antworten zu “Ich hab noch immer blaue Flecken”


  1. 1 tine Montag, 25. Juni 2007 um 03:13

    ja du hast recht das der neue sond “blaue flecken !” ist echt der hammer na ja unsere rosen sind eben die besten !!!!!!!!!!!!!!!!!
    mfg tine aus berlin

  2. 2 Marika Montag, 25. Juni 2007 um 17:26

    Ich war auch am Völki, erste Reihe und “Blaue Flecken” ist sofort zu meinem Favourit geworden! Schöner Beitrag!

  3. 3 Jacqueline Dienstag, 26. Juni 2007 um 17:18

    Hallo an alle!

    Ich war auf dem Konzert in Bamberg und seit dem geht mir das Lied “Blaue Flecken” nicht mehr aus dem Kopf!!!!
    Das ist echt super!!
    Schade nur, dass das Album erst nächstes Jahr erscheint!
    Aber, wenn wir Glück haben, bringt Rosenstolz das Lied ja bald als Singel raus!!!!!

  4. 4 Dany Mittwoch, 27. Juni 2007 um 14:02

    Hi, war auch in Bamberg auf dem Konzi…das heißeste Konzert auf der ganzen Tour wie es auf der Rosenstolz-Page steht.
    Sehr schöner Beitrag, schön zu lesen ;)
    Ich fand die beiden neuen Lieder wirklich sehr gut…Hab bist du dabei gsd ein Stück weit mit der Cam aufgenommen aber leider nicht ganz…das Lied lässt mir wirklich keine Ruhe, genauso wie “Blaue Flecken”…Hoffe wir werden es bald mal wieder zu hören bekommen ;)
    Lg

  5. 5 Anne Dienstag, 11. September 2007 um 02:15

    Du hast so was von Recht. Ich war in Dresden beim Konzert, einfach genial. Natürlich musste das T- Shirt auch geleich mit. Ich warte schon gespannt auf das Album.

  1. 1 Wer suchet, der findet … mich! « Toby nervt! Pingback zu 18. Dezember 2007 um 13:30

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