20
Jun
07

Seelenfänger

Heute wurde ich auf dem Weg zwischen zwei Veranstaltungen von einer Seelenfängerfängerin angesprochen. Sie kam wie aus dem Nichts auf mich zu.

Sie sprach mich mit einem freundlichem „Hi!“ an. Die Zeit, die verging, bis sie vollends an mich herangetreten war und ihr Anliegen vorbrachte, nutzte ich um mich zu fragen, woher zur Hölle die Frau mich kennt und ich sie kennen sollte.

„Suchst du einen Job; in den Semesterferien?“ lautete ihre Frage, die mein krampfhaftes Nachdenken beendete. „Ja, ich suche einen Job.“ gab ich zurück. „Wo du auch mal raus aus Osnabrück kommst? Für vier Wochen?“ fragte sie weiter. Ich überlegte kurz welche Grausamkeiten sich hinter „raus aus Osnabrück“ verstecken könnten und antwortete „Ja, warum denn nicht?!“. „Schön. Was studierst du denn?“ wollte sie als nächstes wissen. Nachdem „Cognitive Science“ sie irritiert zu haben scheint und ich nach der Übersetzung („Kognitionswissenschaft“) schon die übermäßig oft gebrauchte Erkärung geben wollte, sagte die Frau zufrieden: „Aha! Dann kannst du bestimmt gut reden!“

Ich war etwas irritiert und suchte kurz nach einer Verbindung zwischen CogSci und rhetorischen Fähigkeiten und nickte nur leicht. „Bekomm ich jetzt deine Broschüre?“ wollte ich wissen. Tatsächlich fing sie an in ihrer Tasche zu kramen und sagte: „Ja, die bekommst du jetzt! Wir suchen Studenten, die für vier Wochen als Feycufeagenarbeiwoln.“ Das letzte Wort (es waren wahrscheinlich mehrere Wörter) hat sie innerhalb von nicht mal zwei Sekunden hervorgebracht. Ich bat sie sich zu wiederholen: „Wir suchen Leute, die als Face-to-face Agenten arbeiten wollen; also Leute auf der Strasse ansprechen und ein bisschen Werbung machen.“

Da war er also: der sprichwörtliche Haken. Ich sollte Seelenfänger werden. Ich sollte zu jener Sorte Mensch werden, die dafür Sorge tragen, dass unschuldige Passanten ihren Aufenthalt in einer Fußgängerzone nicht genießen können. Jene Leute, die schlimmer sind als Teleshopprodukte-live-vorführ-und-anhimmel-Menschen, die schlimmer sind als Fußgängerzonenschausteller, die genauso schlimm sind wie Call-Center-Agenten.

Im Gespräch stellte sich heraus, dass der Job gut bezahlt wird (je nach Anzahl gefangener Seelen 80 bis 120€ pro Tag, was zu einem Monatsgehalt von 1920-2880€ führen würde); und es stellte sich heraus, dass Christianes (so heisst die Seelenfängerfängerin) „vier Wochen“ wörtlich meinte. Ich fragte erstaunt nach und sie gab nickend zurück: „Ja, vier Wochen, jeden Tag. Außer Sonntags.“. Das, verbunden mit der Information „mal raus aus Osnabrück“, bildete den zweiten sprichwörtlichen Haken. Sie schrieb mir ihren Namen auf, damit ich bei Interesse unter der angegebenen Telefonnummer direkt nach ihr Verlangen könnte. Vielleicht bekommen Seelenfängerfängerinnen ja Provision für gefangene Seelenfänger.

Ich ging zu meiner Veranstaltung und wollte mich gerade nach dieser Veranstaltung von einer Komolitonin verabschieden, als Christiane wieder aus dem Nichts auftauchte und nachfragte, ob es mir schon überlegt hätte. Ich gab mich unentschlossen, da ich nicht zu früh über den Job urteilen wollte. Vielleicht habe ich ja etwas missverstanden.

Ein Blick auf die Homepage bestätigte allerdings meinen Eindruck. Übrigens ist die salonfähige Bezeichnung für Seelenfänger „DialogerIn“, was vermutlich auch noch englisch ausgesprochen wird. Auf der Homepage steht auch, dass eine DialogerIn neben einer guten Kommunikationsfähigkeit und einem positiven und selbstbewusstem Auftreten auch über hohe Ausdauer und Beharrlichkeit zu verfügen hat. Also doch: Seelenfänger. Nach ein paar Klicks fand ich heraus, dass die Firma sogar neue Mitarbeiter höchst offiziell schult. Himmel! Da bekommt man sogar „aufdringliches Aufreten“ und „Lästigkeit“ beigebracht. Nicht zu vergessen „Wie man Mitgefühlsanwallungen ignoriert“ und „skrupellose Überzeugungslehre“.

Zum Abschluss noch zwei Telefonate mit Call-Center-AgentInnen. Ich musste gerade eben daran denken.

„Hallo! Ich möchte ihnen das neue Lottosystem unserer Firma vorstellen! Sie können innerhalb einer unserer Tippgemeinschaften viel Geld gewinnen!“ – „…aber ich will gar kein Geld gewinnen.“ – „Sie… sie wollen kein Geld gewinnen?“ – „Nein, ich brauche kein Geld. Bin auch so zufrieden.“ – „Ähh…. na… das ist doch toll! Das ist schön! Ich wünsche noch einen schönen Abend.“ – „Ich ihnen aber auch.“

„Hallo! Ich habe gehört… sie verreisen gerne?“ – „Was? Wer hat ihnen das erzählt?!“ – „Äh.. wie?“ – „Ich verreise überhaupt nicht gerne. Wer behauptet sowas!?“ – „…achso ist das. Ähm… Tschüß!“ – „Tschüß.“

Call-Center-AgentInnen verarschen ist wahnsinnig spaßig!


2 Antworten zu „Seelenfänger“


  1. 20. Juni 2007 um 22:25

    Dein “Nein, ich brauche kein Geld. Bin auch so zufrieden.” war nicht ernst gemeint?

  2. 2 Zephyr
    20. Juni 2007 um 23:57

    Ist vielleicht etwas missverständlich.
    „Das Call-Center-AgentInnen verarschen“ bezieht sich auf das Geben von Antworten, mit denen die AgentInnen nicht rechnen.
    Auf jeden Fall möchte ich feierlich bekannt geben, dass ich auch gut ohne Geld zufrieden sein könnte.

    Obwohl…?
    Ich könnte geldlos zwar meine existentiellen Bedürfnisse befriedigen, aber nicht all meinen Interessen nachgehen (dem Studium, zum Beispiel) und wäre damit weniger bis nicht zufrieden.
    Ich muss also einräumen, dass ich, um mein Leben zu führen, wie ich es möchte, Geld brauche und revidiere meine Aussage. Ob ich ohne Geld – wenn ich mich erst einmal an die Umstände gewöhnt habe – überhaupt nicht zufrieden sein kann, weiß ich nicht. Wie wäre es zum Beispiel ein Leben als Mönch zu führen?

    Ich weiß jedoch sicher, dass ich puncto Zufriedenheit nicht auf größere Geldsummen (wie durch einen Lottogewinn) angewiesen bin, weshalb „Nein, ich brauche kein Geld. Bin auch so zufrieden“ schon ehrlich und ernst gemeint war.


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