15
Okt
07

Das “Ja, aber–”-Phänomen

Das Sprechen in Universität, Schule und einigen anderen Institutionen/Firmen/Was-auch-immern unterliegt einem witzigen Regelsystem:

Einer ist der Chef. Der Chef darf immer reden, wanns ihm passt. Alle anderen (die sog. “Meute”) muss wahlweise den linken oder rechten Arm in die Luft strecken, um zu signalisieren “Chef, ich möchte etwas sagen.”. Wenn der Chef keinen Grund sieht, der dagegen spricht, dass einer aus der Meute zu Wort kommt, deutet er durch eine Handbewegung, ein knappes “Ja?!” (auch: “Bitte?” oder “Sie da!”) oder gar durch die Nennung eines Namens an den Aufzeigenden gewandt an, dass dieser nun reden darf.
Der Aufzeigende hört auf aufzuzeigen und fängt an zu sprechen. Danach hat er/sie das Recht auf Reden wieder verwirkt und der Chef ist wieder dran.
Das ist als Regelsystem völlig in Ordnung. Der Chef hat so oder so meistens sehr viel zu sagen und darf sich ruhig etwas wichtig machen, indem er/sie Rederechte verteilt.

Es gibt einige Variationen und Abweichungen vom Regelsystem. Es kann zum Beispiel der Fall sein, dass jemand während einer hitzigen Debatte das ganze System vergisst und nicht mehr aufzeigt. Es kann sein, dass der Chef den Redenden einfach unterbricht oder aber dass einer aus der Meute unerlaubterweise losbrüllt, weil gerade ein massiver Klotz Decke auf sein Haupt gefallen ist.
Derlei Regelverletzungen finde ich persönlich unbedenklich.

Aber es gibt da eine Abweichung vom System, ein Regelverstoß, der mich einfach nur wahnsinnig macht!
Die Rede ist vom “Ja, aber –”-Phänomen:
Jemand aus der Meute hat das starke Bedürfnis auf etwas Gesagtes mit Worten zu reagieren. Laut und vollkommen unaufgefordert spricht dieser jemand laut einen Teil der geplanten Reaktion (die Einleitung) aus, hört mitten im Satz auf zu reden, hebt seine Hand und wartet.
Der häufigste Reaktionsanfang scheint “Ja, aber –” zu sein, weshalb das Phänomen diesen Namen trägt. Auch möglich und von mir wahrgenommen wurden zum Beispiel “Ist es nicht klüger, wenn man –”, “Hmm… ist auch eigentlich –” oder “Das ist aber nicht –”.

Wie ist dieses Phänomen zu erklären?
Es könnte sein, dass der Reaktionswillige aus der Meute einen Moment lang vergisst, dass er sich an das Regelsystem zu halten hat. Allerdings konnte ich noch nie eine Schamröte im Gesicht des stümperhaften Unterbrechers erkennen. Es könnte auch sein, dass die Person hofft der Chef würde direkt seine/ihre Aufmerksamkeit auf die Person richten; und wenn der Chef eben nicht reagiert, zeigt man doch widerwillig auf. Ich tippe eher auf letzteres — auch wenn es keine befriedigende Erklärung für mich darstellt.
Vielleicht möchten sich einige Leser ja hier outen und verraten, was ihre Beweggründe sind.

Viel wichtiger als das Phänomen an sich ist jedoch die Tatsache, dass mich dessen Auftreten zur Weißglut treibt!
Ich werde weiteres Auftreten dieses Regelverstoßes mit einem bösen Blick ahnden!


3 Antworten zu “Das “Ja, aber–”-Phänomen”


  1. 1 coriginell Dienstag, 16. Oktober 2007 um 23:41

    Das ist nicht allzu schwer zu erklären.
    In der Schule bekommen manche aufpassende Leute das Rüstzeug dafür mit. “Ihr müsst bei Diskussionen so-und-so drauf antworten, immer mit diesen-und-jenen Einleitungsfloskeln, wie du sie gerade bemängelst. Diese Meute entwickelt sich schnell zu den Sich-imma-einmischern, woraus sich bei ihnen der drängende Wunsch nach Aufmerksamkeit und ich-muss-meine-Meinung-kundtun-koste-es-was-es-wolle ergibt. Und wenn sie brav auf das Abschlagszeichen vom Prof warten würden, hätte dieser wohlmöglich schon einen anderen vor ihnen drangenommen, der den Kommenatr unnütz oder veralten lassen hätte.

  2. 2 Zephyr Freitag, 19. Oktober 2007 um 01:05

    Ja, das wäre ein Grund.
    …ein besonders lästiger Grund~

    Ich für meinen Teil erschrecke mich immer zutiefst, wenn direkt neben mir plötzlich jemand laut aufspricht und die Hand hebt.
    Letztens saß ich neben jemandem in der Meute, der schon die Hand erhoben hatte. Während jemand anders aus der Meute das Wort erhalten hatte, hörte er erst noch geduldig zu und kommentierte dann die Meldung mit “eigentlich nicht, weil….” und ließ die Hand in der Luft mit einem wahnwitzigen Funkeln in den Augen (ich hab ihn natürlich direkt böse angestarrt!).
    In der gleichen Veranstaltung sah ich, wie sich Lena (Teil der Meute) einfach zu Wort meldete, unerlaubterweise. Ich glaube, wenn sie nach den ersten Worten bemerkt hätte, dass ihr keiner zuhört, wäre sie dem “Ja, aber-”-Phänomen unterlegen gewesen.

    Sollte ich jemals der Chef werden, werde ich nie diejenigen drannehmen, die diesem Phänomen unterliegen — erst wenn sie vor Meldungsdringlichkeit aufgestanden sind, damit die erhobene Hand noch besser zur Geltung kommen kann.

  3. 3 coriginell Samstag, 20. Oktober 2007 um 21:05

    Aber damit würdest du sie doch noch mehr forcieren unrechtens einzugreifen, weil sie ja ihre Meinung schnellstmöglich loswerden wollen!

    Da helfen wirklich nur wenig Dinge dagegen:

    1. Du musst ihnen zeigen, dass sie bei dir auf jeden Fall schnellstmöglich dran sind, um damit ihre Disziplin zu fördern.

    2. Immer wieder auf Manieren und Höflichkeit trimmen. (Lasst die andern aussprechen!)

    Ammer immerhin sind wir ja nicht mehr in der Schule, nicht wahr? Das ist deren Argument gegen geflissentliches Melden. Diskussion lautet das Stichwort. Und irgendwo haben sie damit ja auch recht.

Eine Antwort hinterlassen