Ich habe vor kurzem zum zweiten Mal mein selbsterklärtes (!) Lieblingsbuch-bis-jetzt “Die Mitte der Welt” von Andreas Steinhöfel zu Ende gelesen. Es ist an der Zeit, entschied ich, anderen dieses wunderbare Buch zu empfehlen.
Wie bereits im Wunschspiel-Eintrag erwähnt mag ich es am liebsten, wenn ich über ein Buch sehr wenig bis gar nichts weiß. Eine Beschreibung des Buchs oder gar der Klappentext ist bei “Der Mitte” so oder so völlig unnütz. Das Buch besteht aus vielen Zeitsprüngen, die die Assoziationen des Protagonisten (Phil) darstellen. So fängt es zum Beispiel mit der Geburt Phils und Diannes an (Zwillinge, geht ein?), springt dann in die Gegenwart, hält sich kurz mit der Kindheit von Phil auf, springt wieder in die Gegenwart und bietet schließlich einen längeren Abschnitt über den fünfjährigen Phil. Da muss man sich als Buchbeschreiber dann entscheiden, ob man sie miterzählt und Verwirrung stiftet oder diesen bezaubernden Erzählstilkniff unter den Tisch kehrt (und das soll nur eine von vielen Schwierigkeiten darstellen).
Der Autor schreibt selbst in einem Nachwort, welches in der Taschenbuchausgabe abgedruckt wurde (ISBN: 978-3-551-35315-3), über diesen Erzählstil auf Seite 473f.:
An zahlreichen Stellen des Romans wird Phils Gegenwart durch ihr jeweils entsprechende Einflüsse oder Erlebnisse in seiner Vergangenheit bebildert. Das Buch folgt damit einem sich nach außen hin recht einfach darstellenden Assoziuationsprinzip. Das ich wie selbstverständlich wählte, weil ich glaubte (und immer noch glaube), dass, psychologisch betrachtet, kein Leben und kein Erinnern wirklich linear verläuft.
Apropos Erzählstil:
Der Stil ist mit das beste, wenn nicht DAS beste, am gesamten Buch. Die Mitte ist in der Ich-Perspektive geschrieben. Das, was Phil wahrnimmt, was er denkt und was er assoziiert, ist so beschrieben, dass man die Handlung nicht nachvollzieht, sondern nachempfindet.
Um alle Interessierten nun noch weiter zu interessieren folgen nun 5 Zitate aus dem Buch, die extrem wenig Handlung vorweg nehmen.
Ach ja:
Die Seitenangaben beziehen sich auf die mittlerweile wohl vergriffene Ausgabe der “SZ Junge Bibliothek” (ISBN 3-86615-125-X).
Nummer 1 (S. 76) (Anmerkung: Der Brocken ist ein dickes, brutales Kind, auf den die Schwester von Phil mit einem Bogen geschossen hat. Kurz vor dem Einschlafen findet der folgende Dialog statt.)
“Du warst toll”, flüsterte ich Dianne durch das Zimmer zu.”Du hast den Brocken genau getroffen. Das war toll!”
“Ich hab danebengeschossen, genau wie bei der blöden Forelle.”
Etwas in ihrer Stimme brachte die Dunkelheit zum Brodeln. Plötzlich wünschte ich mir, Dianne würde nicht weitersprechen, doch da warf die Luft bereits schwarze Blasen, die zischend zerplatzten.
“Weißt du, Phil, ich hatte auf sein Herz gezielt.”
Nummer 2 (S. 94):
Ich lege die Hände auf die Brust und konzentriere mich auf das Heben und Senken
meines Brustkorbs, auf den Rhythmus des Atmen. Ein, aus, ein, aus…
Dann löst selbst das Gehäuse sich auf, ist nur noch ein Vakuum vorhanden, ein grenzenloses Nichts. Ich bin von einer Einsamkeit umfangen, die weder die Anwesenheit von Glass noch die von Dianne oder Kat auflösen könnte. [...]
Wie von selbst gleiten meine Hände den Bauch herab, bleiben kurz dort liegen, warme Haut auf heißer Haut, um sich dann langsam weiter nach unten zu tasten, wo sie ihren eigenen geübten Rhythmus finden, der schneller ist als mein Atem, schneller als mein Pulsschlag. Ich vertraue darauf, dass das die Einsamkeit vertreibt, aber es macht sie nur noch größer.
Nummer 3 (S.96):
“Geh sie besuchen. Von verrückten Leuten kann man eine Menge lernen.”
Nummer 4 (S.147):
Manche Veränderungen kommen über Nacht. Du gehst abends zu Bett, schläfst ruhig und tief, und am folgenden Morgen erwachst du und stellst fest, dass alles anders ist als zuvor. Du kannst dir nicht erklären, was geschehen ist, denn die Sonne ist aufgegangen wie an jedem Morgen, und da hängt immer noch dieses Bild an der Wand, das du längst abhängen wolltest. Die Farben der Welt sind dieselben geblieben. Nur bei genauerem Hinsehen glaubst du zu entdecken, dass sie eine Spur heller oder dunkler als bisher erscheinen, doch das ist eine Täuschung: Es ist deine Wahrnehmung, die sich verändert hat, weil du selbst von heute auf morgen ein anderer geworden bist. Und deshalb hängst du jetzt auch dieses verdammte Bild ab.
Andere Veränderungen kündigen sich an. Du spürst sie auf dich zukommen, langsam und unabwendbar wie den Wechsel der Jahreszeiten. Kleine und große Ereignisse gehen solchen Veränderungen voraus, die in keinerlei Zusammenhang zu stehen scheinen. Doch irgendetwas im hintertesten Winkel deiner Psyche setzt diese Ereignisse und ihre Folgen geduldig zusammen wie ein Puzzlespiel, und im selben Maße, wie das Puzzlebild Gestalt annimmt, vollzieht sich in deinem Inneren ein Wandel, Stück für Stück, Schritt für Schritt: eine Art unbemerkter, zweiter Geburt.
Nummer 5 (S. 342f.):
“Stell dir das Leben vor wie ein großes Haus mit vielen Zimmer, Phil. Einige dieser Zimmer sind leer, andere voller Gerümpel. Manche sind groß und voller Licht, und wieder andere sind dunkel, sie verbergen Schrecken und Kummer. Und ab und zu — nur ab und zu, hörst du? — öffnet sich die Tür zu einem dieser schrecklichen Zimmer und du musst hineinsehen, ob du willst oder nicht. Dann bekommst du große Angst, so wie jetzt. Weißt du, was du dann tust?”
Ich schüttelte den Kopf.
“Dann denkst du daran, dass es dein Leben ist — dein Haus, mit deinen Zimmern. Du hast die Schlüssel, Phil. Also schließt du die Tür zu diesem schrecklichen Zimmer einfach zu.”
“Und dann werfe ich den Schlüssel weg!”
“Nein, das darfst du nicht tun, niemals”, erwiderte Tereza ernst. “Denn eines Tages spürst du vielleicht, dass nur durch dieses schreckliche Zimmer der Weg in einen größeren, schöneren Teil des Hauses führt. Und dann brauchst du den Schlüssel. Du kannst deine Angst für eine Weile aussperren, aber irgendwann musst du dich ihr stellen.”
“Wenn ich größer bin?”
“Größer und mutiger, mein Kleiner.” Tereza streichelte mir mit dem Handrücken über die Schläfe. “Und vielleicht auch
nicht mehr allein.”
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