“Was ist Kunst?”
Diese Frage beschäftigt mich hintergründig, seitdem ich eine Kategorie mit dem Namen “Kunst” eingeführt habe. Die Kategorie entstand, als ich über das Buch “Das Wunschspiel” schreiben wollte und nicht extra eine neue Katogorie “Literatur” erstellen wollte, sondern die bestehende Kategorie “Musik”, sowie die prinzipiell notwendige Kategorie “Literatur” zu der Kategorie “Kunst” zusammengefasst habe.
Zur Beantwortung dieser Frage habe ich im Übrigen keine fremden Quellen angezapft. Ich wollte das meine Antwort auf diese Frage auch wirklich meine Antwort ist.
Das erste was mir in den Sinn kam, war eine Formulierung a lá “Kunst, dass ist Malerei, Bildhauerei, Musik, Schauspiel, Epik, Drama und Lyrik”. Aber was nützt ein mühseliges Aufzählen aller Unterkategorien? Bedenkt man allein, dass es eines Tages eine neue Unterkatogorie geben könnte. Videospiele sind zum Beispiel eine Kunstform, an die man vor hundert Jahren noch nicht gedacht hat.
Da kommt auch gleich schon ein weiteres Problem auf den heiteren Definierer zu:
Individualität.
Nicht jeder wird Videospiele als Kunst ansehen wollen — so etwas sollte in einer Definition berücksichtigt werden.
Die Aufzählstrategie birgt ein weiteres großes Problem: nicht alle Dinge, die man sich unter einer Unterkategorie vorstellen kann, sind Kunst.
Alle Menschen, die Lieder wie “Finger im Po, Mexiko” oder “Das Rote Pferd” als Kunst ansehen, dürfen sich gerne dazu äußern und mich über meinen Denkfehler aufklären.
Mein zweiter Versuch bestand in “Kunstobjekte sind Dinge, die Gefühle und Assoziationen in Menschen erzeugen können.”
Wichtig ist hier die Funktion der Kunstobjekte als gefühl- und assoziationerzeugende Objekte. Ebenso wichtig ist der Verweis Objekte. All das, was wir Kunst nennen, ist unbelebt.
Das ist die faszinierende Eigenschaft von Kunst: Kunstobjekte sind jene unbelebten Objekte für die wir, nach lebendigen Wesen, am meisten Gefühle entwickeln können.
So wichtig der Verweis auf Objekte auf sein mag, der Begriff des Objekts ist völlig unklar. Als Objekt muss in diesem Kontext auch ein bestimmtes Schallmuster (Musik), manchmal auch in Kombination mit bestimmten visuellen Mustern (Film, Theater, Oper, etc.) gelten.
Dieser Ansatz ist aber ziemlich ungeeignet. Es gibt viele unbelebte Objekte, die in der Lage sind dieses Erzeugen zu leisten und dabei nicht als Kunst verstanden werden. Zum Beispiel können Waffen oder Geld insbesondere im Kontext spezieller Tätigkeiten starke Gefühle und Assoziationen auslösen.
Der Unterschied zwischen solchen Objekten und Kunstobjekten ist, dass Kunst mit der alleinigen Absicht geschaffen wird Gefühle und Assoziationen auszulösen, wenn man von möglichen egoistischen Motiven wie “Lebensunterhalt verdienen” oder “Anerkennung erlangen” einmal absieht.
“Als >Kunst< werden all jene Objekte bezeichnet, die einen Teil der Gedankenwelt eines oder mehrerer Agenten darstellen (egal ob gewollt oder nicht) und von diesen Agenten primär dazu konzipiert wurden in Agenten Gefühle und Assoziationen hervorzurufen, unter der Voraussetzung, dass jene Agenten das Objekt adäquat erfassen.”
Die Bedeutung von >erfassen< variiert hier je nach Art des Kunstobjekts. Ein Bild etwa, das als Kunstobjekt verstanden wird, wird zum Erfassen intensiv betrachtet. Bei einem Buch hingegen reicht das nicht aus, es muss gelesen werden, wenn man es erfassen möchte.
Es spielt keine Rolle, ob die Gefühle und Assoziationen, die in den Erfassern hervorgerufen werden, sich mit denen der Erschaffer gleichen; allein schon, da die Erschaffer nicht zwingend ihre eigenen, gegenwärtigen Gefühle und Assoziationen in ihr Werk mit einfließen lassen müssen. Der eigentliche Grund für die Irrelevanz dieses Verhältnisses ist die Individualität. Es steht außerhalb der Macht der Erschaffenden zu bestimmen welche Reaktionen Kunst hervorruft.
“Mensch” wurde im Übrigen durch “Agent” ersetzt, was nicht anders heißen soll als “bewusstes Wesen” — vor allem als Cognitive Science Student darf man nicht annehmen, dass wir Menschen für alle Zeit die einzigen Lebewesen bleiben, die Kunst erzeugen. Unabhängig davon, ob man Tiere als Agenten ansehen könnte, möchte ich sie aus der Menge der kunsterzeugenden Wesen ausschließen.
Was nach dieser Definition nicht als Kunst verstanden wird, sind Sachen wie Mode oder Autos, die manch ein Designer oder Endverbraucher vielleicht als Kunst ansehen würde. Solche Dinge würde ich allenfalls als ästhetisch bezeichnen.
Aber was ist mit Videospielen? Ich halte einige Spiele für Kunst.
Steht und fällt die Frage, ob etwas Kunst ist oder nicht, wirklich daran, ob die Erschaffer sagen: “Natürlich ist das Kunst!” oder “Das ist keine Kunst, das dient nur zur Fortbewegung/ der Unterhaltung, usw”? Man kann es nur klar lösen, wenn man den Begriff der Kunst der Allgemeingültigkeit vollkommen entreißt — Kunst ist individuell!
Geschmäcker sind verschieden, natürlich — das wissen wir alle. Dies wird umso wichtiger bei der Einteilung was Kunst ist und was nicht. So behaupte ich, dass Videospiele wie “Counter Strike” oder “Mario Kart” keine Kunst sind, “Morrowind” oder “Fahrenheit” hingegen schon.
Die Frage “Glaube ich, dass dies und jenes Kunst ist?” ist gleichbedeutend mit der Frage “Hat dies und jenes für mich die vordergründige Funktion Gefühle und Assoziationen zu wecken?”
So dürfen auch Menschen, die Oldtimer sammeln oder die riesige Fans von Modedesignern sind, ihre Objekte der Begierde >Kunst< nennen. Ja, man glaubt es kaum: vielleicht gibt es sogar jemanden, der “Finger im Po, Mexiko” >Kunst< nennt. Es ist theoretisch möglich, trotzdem behaupte ich, dass so ein Jemand nicht existiert.
Es ist also doch nicht besonders wichtig, welche Funktion der Erschaffer dem Objekt zuweist.
Ich finde die Definition (mit anschließender Überlegung) ziemlich gut und passend, aber trotzdem stört mich etwas: sie ist bar jeder Romantik! Also schließe ich ab mit einer tiefgründig-romantischen Definition:
“Kunst ist unbelebtes Gefühl und Assoziation.”
Literatur, die mit der Absicht geschrieben wurde, Gefühle hervorzurufen, die der Autor nicht empfindet, ist automatisch keine Kunst?
Ja, da ist ein Fehler.
Es ist allein wichtig, dass das Kunstobjekt ein Teil der Emotions- und Assoziationswelt des Erschaffenden ist — egal, ob distanziert durchdacht oder derzeitig so gefühlt.
Ich bin so oder so gerade noch in der Probelese- und Durchdenkphase des Eintrags — wird sofort geändert.
Hab gar nicht damit gerechnet, dass den jemand anderes so schnell entdeckt :)
“Als >Kunst< werden all jene Objekte bezeichnet, die einen Teil der Gedankenwelt eines oder mehrerer Agenten darstellen (egal ob gewollt oder nicht) und von diesen Agenten primär dazu konzipiert wurden in Agenten Gefühle und Assoziationen hervorzurufen, [..]”
… ist für mich noch nicht mit …
“Für mich ist entscheidend, dass ein Kunstobjekt hauptsächlich und primär dazu dient die bereits oft erwähnten Gefühle und Assoziationen des Erschaffers in “Erfassern” zu wecken. Es ist übrigens nicht besonders wichtig, ob der Erschaffer der Meinung ist, dass das von ihm erzeugte Objekt eben jene Funktion hat oder nicht.”
… vereinbar. Jep, ich lese gerne Blogeinträge Korrektur :).
Ah ja.
Das steht zu weit oben. Ich hab den Computerspiele-Mode-Auto-Individualität-absatz erst später hinzugefügt, der als Gegenargument dienen soll.
Soll als Prozess verstanden werden, geht ein?
Ja, macht Sinn.
Sind Liebesbriefe Kunst?
Wenn du möchtest :)
Na, ist ne sehr schwierige Frage.
Bei Liebesbriefen ist es für den Verfasser wichtig, dass der Empfänger bestimmte Gefühle und Assoziationen bekommt.
Das ist für die Kunst-ja/nein-Frage egal.
Es kommt darauf an, ob du als Empfänger denkst “die primäre Funktion des Briefs ist eine Vertiefung der Beziehung zum Adressaten” oder “die primäre Funktion des Briefs ist mich für ein paar Sekunden zu wärmen, wenn er in meinem Kamin verbrennt”.
Ersters klingt sehr nach meinem Kunst-Definitionsversuch (wie-auch-immer-geartetes Vertiefen einer Beziehung als das Wecken von Emotionen und Assoziationen den Absender betreffend).
Der Brief dient in diesem Fall als Medium — er enthält Emotionen und Assoziationen und ist deshalb hier ein Kunstobjekt.
Sag mir ein Objekt, das nicht Gefühle und Assoziationen weckt, egal ob positiv oder negativ…
Außerdem schließen Kunstobjekte in deiner Definition eigentlich nicht die belebten Objekte als Kunst in dem Sinne aus, aber du beharrst so auf unbelebter Natur. Es gibt schon viele “Künstler”, die sich mit “Leben” beschäftigen:
http://www.tagesspiegel.de/kultur/Documenta-Documenta-Weiwei;art15292,2321522
Kreidestaub.
Kreidestaub hat die erstaunliche Eigenschaft, dass er mir vollkommen egal ist.
Aber abseits davon: schau nochmal nach, was ich geschrieben habe:
In Bezug auf Menschen dachte ich nur an Kunstformen wie Bodypainting und entschied — da ich mir sonst auch nie Gedanken um das Material/ das Medium gemacht habe — das Kunstobjekte der Kategorie “Bodypainting” auch unbelebt sind.
Den Artikel aus dem Tagesspiegel… ich halte das nicht für Kunst. Ich würde es vielleicht “ein Zeichen” oder “mondän” nennen, aber das wars dann auch schon — von daher bin ich mit meiner Definition voll zufrieden.
Gut, dann sieh dir die nächste Definition an:
Meine Japanischlehrerin heute so zu mir, als ich ihr den Pulloverärmel mit chinesischen Schriftzeichen zeigte:
>>Das ist nur Kunst, die Zeichen haben keine Bedeutung.<<
Vielleicht ist es das, was alles vereinigt. Es weckt in dir vordergründig Gefühle etc. weil es sonst kein Bedeutungsträger ist. Damit würde ich allerdings auch die Chinesen von oben mit in Kunst reinziehen. Denn was ist bitte “ein Zeichen”, noch dazu, wenn es auf der Dokumenta präsentiert wird.
Kunst ist kreativ sein ohne Bedeutung.
Meine Antwort zum Thema:
Jain. Wenn sie genau das verkörpern, was sie sind, was sie rüberbringen sollen, dann sind es stinknormale Liebesbriefe. Objekte, die geschaffen wurden, einen Zweck zu erfüllen, nämlich
Gefühle weiterzugeben bzw. Geliebte aufzuwecken etc.
Kunst wäre daran nur etwas, wenn du Blumen rein malst, Sticker statt nacheinander, wirr auf den Briefumschlag klebst, all jene Kleinigkeiten, die nichts zu deiner Aussage beitragen, keine Bedeutung haben, sondern sinnlose, kreative Ergüsse deines eh schon emotionsgeladenen Kopfes sind.
Eben nicht. Diese Emotionen sind nicht einfach so erweckt worden, sie wollen erweckt werden, das heißt im Deutschen “Nutzen” oder “Funktion” oder “Bedeutungsgehalt”.
Wenn Kunst Funktion hat, ist sie keine Kunst mehr.
Interessant, wie du Kunst scheinbar gegensätzlich zu Toby definierst: “Etwas ist Kunst, wenn ich glaube, dass es nur um seiner selbst willen entstanden ist — ohne Absicht, in irgendjemandem Emotionen oder Assoziationen hervorzurufen.” vs. “Etwas ist Kunst, wenn ich glaube, dass es vorrangig deswegen entstanden ist, weil es in mir Emotionen und Assoziationen hervorrufen soll (oder das zumindest tut).”
Ich kann das gar nicht nachempfinden, Corinna.
Wenn ich auf meinen Instrumenten spiele, möchte ich immer Gefühle und Assoziationen mit einfließen lassen — je intensiver das Gefühl umso befriedigender der Akt des Spielens.
Und das lässt sich in allen Kunstformen erkennen.
Kunst ruft im Erfasser Emotionen und Assoziationen hervor, gerade weil jemand bei der Erschaffung selbst seine eigenen Emotionen und Assoziationen mit einfließen ließ.
Wenn ich ein Lied für eine todkranke Person schreiben würde, um dieser Mut zu machen, und plötzlich ganze Menschenmassen diesen Song lieben und damit viel verbinden würden…
…wäre dieser Song dann für die todkranke Person keine Kunst und für alle schon, weil sie nicht als Empfänger gelten? Oder aber wäre dieses Lied für diejenigen keine Kunst, die Mut aus diesem Stück Musik gewinnen können?
So übrigens entstand der berühmte Rosenstolz Song “Wenn du jetzt aufgibst”.
Klar kannst du Gefühle mit einfließen lassen und natürlich je intensiver desto besser die Kunst, aber den Unterschied, den ich herausstellen möchte, ist der, dass danach, nach der Erschaffung keine Funktionalität in dem Sinne mehr besteht. Wenn ich also Musik mache, weil es für irgendetwas oder irgendjemanden ist, dann ist und bleibt das für mich schlicht Musik und keine Kunst.
Das ist genauso, als wenn ich extra für einen Literaturwettbewerb ein Gedicht schreibe. Dann habe ich zwar Lyrik produziert, aber keine Kunst.
Was bei all dem verwirrend ist, denke ich, ist der Punkt, dass Kunst früher wirklich nur mit Literatur, Musik und “Kunst” , also “Malen” assoziiert wurde. Und schon wären wir beim Urkern dem “Farbe-auf-irgendwas-tun”. Da werde ich gleich nachher mal ein wenig recherchieren ^-^.
Künstler sind vielmehr u.a. solche, die etwas unglaublich Schönes erschaffen und es hinterher wegschmeißen oder sterben und zu ersterem nicht mehr gekommen sind. Letzteres wird dann hinter Glas gestellt und dient dem von uns aufgezwungenen Dienst, die Menschen zu beglücken.
Hier kommt mal das Wörtebuch an die Reihe, das schon mal klar stellt, dass wir es nicht mit einer Bedeutung allein zu tun haben, was in unserem Wortschatz ja auch nicht selten ist.
>>Kunst, die; -, Künste
1. Widerspiegelung der mannigfaltigen Beziehungen des Menschen zu seiner Umwelt durch die
schöpferische Gestaltung von Dingen und Vorgängen der Wirklichkeit mit Hilfe sinnlich
wahrnehmbarer Mittel und die dadurch geschaffenen Werke, bes. in Malerei, Bildhauerei,
Dichtung und Musik;
2. das Können, die erworbene Fertigkeit, Geschicklichkeit auf einem bestimmten Gebiet: die K.
des Fechtens, Reitens, der Holzschnitzerei;
3. hist. die (Sieben) Freien Künste /Bezeichnung für die in der Antike und im Mittelalter
gepflegten Grundwissenschaften;
4. etw. künstlich Geschaffenes und nicht natürlich Gewachsenes:
das ist nicht echt, das ist nur K.<<
Ich habe geschrieben, dass etwas für DICH Kunst ist, sobald DU glaubst, dass das Objekt primär dazu geschaffen wurde Emotionen und Assoziationen in Agenten hervorzurufen.
Wenn du ein Gedicht nur und nur für einen Literaturwettbewerb schreibst und in dem Gedicht nur dein Ticket für das Siegertreppchen siehst, ist es natürlich für dich selbst keine Kunst.
Aber warum sollten alle anderen Teilnehmer dieser Wettbewerbs oder das Publikum dem Gedicht genau diese Funktion zuschreiben?
Schon bei der Erschaffung ist das Kunstobjekt als solches zu bezeichnen. Es kann sein, dass es danach diese Funktion verliert und später einmal wiedererlangt.
Ich hoffe ich konnte zeigen, dass dein Einwand kein Einwand ist, sondern nur eine gültige Interpretation meines Eintrags.
Das mit den wegsterbenden Künstlern, die ihre Werke am besten vorher noch weggeschmissen haben, sehe ich anders.
Dein zweiter Kommentar:
Du hast vergessen, dass es noch eine Stadt “Kunst-Wittgenstein” im südlichsten Nordrhein-Westfalen gibt; ganz zu schweigen von der Familie Kunst!
Selbstredend gibt es mehrere Bedeutung von Kunst. Und selbstredend haben die Autoren eines Wörterbuchs genauso wenig Ahnung wie ein Maler oder wie ich, wenn es um die Frage “Was ist Kunst?” geht.
Was nützt es da zu wissen, was man unter den Sieben Freien Künsten zu verstehen hat?
Ich hab mir meine eigene Meinung zu dem Thema Kunst gebildet und tat meine Definition für etwas undefinierbares kund.