
„Raus.„
„Warum?“ — „Frag nicht, tus einfach.“ — „Na gut.“
Ich ging in der Nacht spazieren. Als ich den fast vollen Mond sah, wusste ich, dass es richtig war, der Eingebung zu folgen. „Wohin?“ — „Da vorne, in die Schrebergärten — da ist es dunkel.“
Ich laufe.
„Warum mache ich das?“ — „Wenn du weiter so fragst, verlierst du die Freude daran.„
Ich komme an einen Pfahl und mache halt und frage mich, wer auf die Idee kam den Weg durch zwei Pfähle zu behindern. Sie behindern nicht einmal, sie stehen bestenfalls im Weg.
Doch mich interessiert nur der eine Pfahl. An den kann man sich perfekt anlehnen und den Himmel betrachten. Meine Hose wird nass, weil der Pfahl nass ist.
Ich gehe wieder zurück, stolpere über den Bordstein, helfe einem Taxifahrer, der Hausnummer 41 sucht und gehe wieder in die Wohnung. Esse das Eis auf, trinke einen Schluck vom Wasser, das der Besuch daließ, verrichte meine Notdurft und steige wieder die Treppen hinab nach draußen — auf dem Weg zu meinem kleinen Plätzlein.
Draußen erhasche ich einen flüchtigen Blick die Straße entlang. Der Taxifahrer ist nicht mehr da, hat wohl seine Fahrgäste gefunden. Wohin sie wohl fahren möchten?
Zwei Leute führen einen Hund Gassi. Ich verlangsame meinen schnellen Gang, damit sie nicht sehen können wie ich zielstrebig auf die kleine Gasse zwischen all den Schrebergärten zugehe.
„Moment mal, deshalb verlangsamst du deinen Gang? Glaubst du, komisch zu wirken, wenn du das tust, was du möchtest?“ — „Spielt das eine Rolle, ob sie mich komisch finden?“ — „Eben. Also?„
Ich erhöhre mein Tempo wieder und erreiche die sinnlose rot-weiße Wegbegrenzung.
Ich rauche, fotografiere den Pfahl und fasse die Absicht über das Geschehen einen Blog-Eintrag zu verfassen.
„Warum? Wie komme ich auf diese Idee?“ — „Weil du selbst nicht weißt, was dich hierhin bewegt und es dich fasziniert — sowohl der Spaziergang als auch die ungeklärte Motivation für denselbigen; denk am besten auch darüber nicht nach.“ — „Und warum nicht?“ — „Weil du es ansonsten nicht machen würdest, es käme dir sinnlos vor. Du würdest annehmen, dass es keinem nütze davon zu lesen — doch darum geht es nicht.„
Die Gedanken sedieren. Ich lausche „la noyée“ vom „Le fabuleux destin d’Amélie Poulain„-OST und mache mich auf den Rückweg.
Diesmal stolpere ich nicht über den Bordstein; auch fragt diesmal kein Taxifahrer nach dem Weg. Ich erreiche meine Wohnung, in der es nach Oregano und nach meinem Besuch riecht, schnappe mir das Notebook.
„Ich weiß, dass du überlegst, den Beitrag nicht zu verfassen.“ — „Egal, ich tue es trotzdem. Es fühlte sich richtig an.“ — „Richtig. Einfach so.„
Einfach so.
Die Kausalwellen deines einfach so sind eben durch Cambridge, durch mich, verbreiten sich zeitweise in Form der Luftschwingungen von Comptine d’un autre été durch die dünnen Wände meines kleinen Zimmers und in die Gehörgänge und Gedanken meiner zwei Mitbewohner und durch diese in die Welt hinaus, und es würde mich nicht wundern, wenn sie alsbald in Utrecht, St. Louis oder Edinburgh Ähnliches verrichten würden- (einfach so)
Es nickt leicht zufrieden, …schätze ich. Oder es ist eher eine Art „da-siehst-du!-was-hab-ich-dir-gesagt?“-Zufriedenheit.
Was verrichten die Kausalwellen in dir?
„In erster Linie veranlassen sie mich dazu, hier zu kommentieren“ ist mein erster Gedanke, aber Kausalwellen sind nicht die Art von Dingen, über die man vorschnell urteilen sollte. Man wird ihren Einfluss nämlich für den Rest seiner Tage nicht mehr los und kann sich gar nicht so recht vorstellen, wie es ohne sie gewesen wäre. :)
(Bei näherem Hinsehen scheint mir die Menge der Dinge, über die man vorschnell urteilen sollte, auch sonst ziemlich mager.)
Gehört Gott auch dazu?
Hallo anonymer Kommentator!
Gehört Gott auch wozu?
Meinst du „Gehört Gott auch zu dem ‘einfach so’-Part in meinem Eintrag? Ist er deine innere Stimme?“; ist es auf Andreas bezogen, also ein „Gehört Gott zu der Menge der Dinge, über die man (nicht) vorschnell urteilen sollte?“, oder bezieht sich die Frage auf etwas ganz anderes?
So oder so: eine komische Frage. Ich habe bisher weder den eigentlichen Eintrag noch die Kommentare auf spiritueller Ebene betrachtet.
Andreas hat Recht, die Kausalwellen haben St. Louis erreicht.
(Warum muss es gleich wieder um Kausalität gehen? Und ist die eigentlich emergent, na?)
Ein wunderbar gelungener Eintrag, Nachtschwärmer! :) „Einfach so“ sollte man viel öfter zulassen…