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18
Jun
08

Das dritte Semester — Ich vs. CoXi

WS 2007/08.
Mein drittes Semester Cognitive Science
…und mein letztes!

Das dritte Semester begann mit meiner Aufgabe als Erstsemestertutor. Ich hab mich mit fünfzehn anderen Menschen zusammengetan; wir hatten dann so einige Treffen in den Ferien und jagten unzählige Emails über die Mailingliste, um schließlich in der Einführungswoche vielen euphorischen Menschen wichtige Dinge zum Studienablauf vermitteln zu dürfen.
Im Grunde war alles so, wie vor einem Jahr: es gab unter den Erstis diejenigen Leute, die ja eigentlich Psychologie machen wollten, aber der NC ihnen ein Strich durch die Rechnung gemacht hatte; dann gab es die Leute, die Mathe und Info voll super finden, aber befürchteten, dass ihnen dies auf Dauer zu eintönig wird; und auch jene Leute, die für den Traum ein CoXi zu sein aus nem Kaff neben Nürnberg nach Osnabrück gerannt kommen.
(Eine Spezies war neu: zwei Erstsemester erzählten mir, dass sie sich eigentlich in einen ganz anderen Studiengang einschreiben wollten, aber befürchteten, dass es sich dabei um eine „brotlose Kunst“ handle. Daher sind sie auf den fahrenden, boomenden und sowieso endgeilen CoXizug aufgesprungen — dies ziemlich-sehr fragwürdige Verhalten kannte ich aus meinem Jahrgang nicht.)

Nach der Einführungswoche fingen dann die Vorlesungen an. Und diesmal gab es nur eine Pflichtvorlesung — große Freude!
Neben CoXi-Vorlesungen besuchte ich in diesem Semester auch sieben andere Veranstaltungen. Die Spanne reichte von katholischer Theologie über Psychologie bishin zu theoretischer Physik. Letzteres fiel aber ziemlich sehr schnell wieder aus dem Stundenplan raus. Ich kann nicht genau festmachen, ob ich einfach nicht jeden Mittwoch um 7 Uhr hätte aufstehen wollen, oder ob ich davon abgeschreckt worden bin, dass gleich in der ersten Vorlesung mehrmals nach Taylor entwickelt worden ist (ein Mathestudent aus meinem Freundeskreis regt sich gerne gehäuft darüber auf, dass Physiker bei jedem Problem nach Taylor entwickeln. Egal welches Problem! Ob sie nun versuchen eine mehrdimensionale Wellengleichung näherungsweise herzuleiten oder die Ampel gerade unverhofft auf rot gesprungen ist — erstmal Taylor!)
So besuchte ich durchgehend ‘nur’ fünf nicht-CoXi Vorlesungen.

Richten wir den Scheinwerfer der Erzählung jedoch zunächst wieder auf CoXi:
mir wohnte eine große Motivation und Vorfreude inne. Das lag etwas an der Euphorie der Erstis, von der ich mich anstecken ließ; beruhte aber im Wesentlichen auf der neuen Perspektive: die meisten Veranstaltungen fingen endlich nicht mehr mit „Introduction to“ an — kein Grundlagenkram mehr! Wir hatten uns nun eine ordentliche Wissensbasis erarbeitet, die es uns ermöglichen würde differenzierte Themen der Kognitionswissenschaft zu behandeln.
Ich war sehr gespannt.

Doch ich wurde enttäuscht. Die erste Enttäuschung kam ziemlich früh: eine CoXi Vorlesung im Bereich der kognitiven Psychologie fiel aus. Warum? Es wollten nur fünf Leute daran teilnehmen (mich eingeschlossen). Nur zwei davon (wieder mich eingeschlossen) erklärten sich auf Anfrage der Sekretärin des Dozenten bereit auch zur ersten Sitzung zu erscheinen…
Die zweite Enttäuschung war Neuroinformatik. Ich mochte den Dozenten nicht, was die meisten anderen gar nicht nachvollziehen konnten. Irgendwann ging ich kaum noch zur Vorlesung, obwohl es sich um eine Pflichtvorlesung handelte. Zugegeben ist das kein besonders guter Grund eine Vorlesung mit eigentlich interessanter Thematik nicht zu besuchen — wayne (sowieso wurde vieles in diesem Semester ‘wayne’…).

Die meisten Vorlesungen/Seminare entwickelten mit der Zeit die Tendenz altbekanntes zu wiederholen und bestenfalls leicht zu vertiefen oder die Tendenz intuitives Wissen in Worthülsen zu stopfen oder aber die Tendenz sich in einseitige detailbessesene Modelle und Theorien zu verstricken.
Methods of AI schaffte es alle drei Tendenzen zu entwickeln: das aus dem zweitem Semester bereits bekannte Thema ‘Search’ wurde wiederholt, intuitives Wissen zur Beweisführung wurde in Begriffe („Beispiel“, „Gegenbeispiel“, „Induktion“…) verpackt und mit den Cognitive Architectures wurden einige unhandliche Modelle vorgestellt, die ich nicht als besonders sinnvoll empfand.

Parallel zu diesen Frustmomenten redete ich mit zwei Freunden gehäuft über ihre Zukunft. Der eine wollte Studiengang und -ort wechseln und der andere überhaupt erst anfangen zu studieren. Mit der Zeit stellte ich mir dann selbst die Frage nach meiner Zukunft. Ich fragte mich, was ich von CoXi erwarte und was ich nach dem Studium damit anfangen will.
Wenn man einen CoXi nach der Zeit nach CoXi fragt, erhält man meist die Antwort: „CoXi hat acht Module. Du kannst in jedem Modul theoretisch deinen Master machen — das ist ja das geile an CoXi!“

Welche Module kämen für mich in Frage? Anfang des Semesters hätte ich „Neurobiologie, Psychologie und Linguistik“ geantwortet. Doch mittlerweile mochte ich Linguistik nicht mehr. So toll die Computerlinguistik-VL im zweiten Semester auch gewesen ist, zeigten mir doch die beiden Veranstaltungen im dritten Semester etwas, was ich nicht „mein Berufsziel“ nennen kann.
Und Neurobiologie? Ich zweifle extrem stark an, dass sich ein CoXi Bachelor so mir, nichts dir nichts für einen (Neuro-)biologie Master einschreiben darf. Das Angebot an (offiziellen) (Neuro-)bio VL ist dafür viel zu dürftig.
Bleibt noch die Psychologie. Aber da siehts mit dem Angebot ebenso dürftig aus. Der Unterbereich ist eigentlich auch nur mit „Kognitionspsychologie“ betitelt und macht daher bestenfalls 1/4 des gesamten Psychologiespektrums aus.

Schlussfolgerung: ich werde mich einfach in Psychologie und/oder Neurobiologie beraten lassen müssen und mir meine Möglichkeiten aufzeigen lassen. Alles andere würde ich dann irgendwann vor dem Bachelorabschluss entschieden haben.
Ich wollte mich fürs Erste nur in Psychologie beraten lassen, weil sie für mich wesentlich reizvoller ist, als die Neurobiologie/Neurowissenschaft.

Neues Problem: an wen wende ich mich? An CoXi-Professoren, die keine Ahnung von Masterstudiengängen in anderen Fachbereichen haben oder an Psychologie-Professoren, die keine Ahnung von CoXi haben?
Ich entschied, dass es das beste sei diese an-wen-wende-ich-mich-Frage dem Studiendekan in CoXi, Prof. Stephan, zu stellen. Der sagte, ich müsse mich an die Studienberatung der Psychologie wenden, sei sich aber nicht sicher, ob ein Psycho-Master mit CoXi-Bachelor überhaupt möglich sei…
Ich ging zum Studienberater der Psychologiestudenten, Prof. Suck mit Namen.
Er sagte mir, dass ein Wechsel möglich sei, aber nicht besonders wahrscheinlich. Es wird, wenn das Bachelor/Master System nächstes Semester in Osnabrück eingeführt wird, 30% Masterplätze in Relation zu Bachelorplätzen geben. Ich müsste demnach erstens sehr gute Noten haben und zweitens einen Antrag an den Prüfungsausschuss stellen, die meinen Bachelor in CoXi als Ersatz für den Bachelor in Psycho anerkennen würden.
Vorsichtig zeigte Prof. Suck mir die Möglichkeit eines Studienwechsels zum nächsten Semester hin auf, die ich spontan mit „etwas radikal“ kommentierte.
Er sagte mir, dass ein Wechsel in ein höheres Semester viel einfacher und wahrscheinlicher sei, als mein eigentliches Vorhaben. Das funktioniert dann so:
Die Uni bietet eine begrenzte Anzahl von Studienplätzen im NC-Studiengang Psychologie an. Diese Plätze werden natürlich zum ersten Semester hin von der ZVS gefüllt. Sobald jemand das Studium dann abbricht oder den Studienplatz wechselt, sind quasi freie Plätze vorhanden. Wenn man durch wildes Wedeln mit Scheinen zeigen kann, dass man in etwa die Qualifikation eines höhersemstrigen Psychologiestudenten besitzt, darf man quereinsteigen.

Professor Suck sprach noch hier und da einige wichtige Punkte an; ich bedankte mich abschließend artig und verließ sein Büro mit dieser kleinen Idee, die langsam in meinem Kopf aufkeimte und Wurzeln schlug:
direkt nach der Beratung schätzte ich die Wahrscheinlichkeit, dass ich einen Antrag auf Studienwechsel stellen würde, mit 50% ein. Einige Tage später waren es 70%. Acht Tage nach der Beratung stellte ich den Antrag.

Ich wollte meinen CoXi-Freunden nichts von der Beratung erzählen, bis ich mir meiner Sache sicher genug war, da ich ahnte sie würden diese Idee nicht gutheißen.
Ich ersonn das Weihnachtsfrühstück am letzten Tag vor den Weihnachtsferien als DEN Termin, um mich zu outen. Meine Antragsstellung lag zu dem Zeitpunkt bereits gut eine Woche zurück.

Ich erhielt in der Tat sehr komische Reaktionen. Einige sprachen davon, dass ich nicht einfach „weggehen könnte“ oder, dass ich mich falsch entschieden hätte oder, dass dies nicht mein Ernst sein könne.
Eine einzige Person sagte, dass sie sich für mich freuen würde, da es das sei, was ich schon immer gewollt hätte.
Am Tag danach beschwerte sich noch eine andere Person vom Frühstück darüber, dass ich ihr das Weihnachtsfest durch diese grausige Vorstellung ruiniert hätte. Sie war ernsthaft angepisst und ich ernsthaft erstaunt.

Es waren aber längst nicht alle so extrem. Viele haben gar nicht erst angefangen darin ein großes Problem zu sehen. Und die meisten, die doch eins gesehen haben, haben sich zumindest damit abgefunden.

Das Semester kam bald zu seinem Ende. Klausuren wurden geschrieben (oder auch nicht geschrieben — hab mich am Morgen vor einer Klausur dazu entschieden, sie nicht mitzuschreiben, weil ich davon überzeugt war, ich würde nicht bestehen können — ich hatte in der Nacht zuvor nur die Hälfte des Lehrstoffes wiederholen können; hätte doch zwei Nächte dafür einplanen sollen..).
Die Ferien fingen an. Schluss.

Meine Lieblingsvorlesungen in dem Semester lauteten „Motivation & Persönlichkeit“ und „Neutestamentliche Eschatologie“. Da bin ich einfach immer wieder gerne hingegangen. M&P war zudem eine Psychologievorlesung; die Aussicht auf einen Studienplatz hat meine Freude an der Vorlesung, die ohnehin schon groß war, weiter verstärkt.

Die schlimmsten Vorlesungen waren Statistical Natural Language Processing und Action & Cognition. Auch wenn das für A&C nur bedingt zutrifft: Action & Cognition umfasste sehr interessante Themengebiete — aber eben nicht nur. Einige Inhalte der VL waren bereits aus anderen VL bekannt, waren falsch oder stellten sich im Nachhinein sogar durch die VL selbst als falsch bzw. inkonsistent heraus. Das Ganze wurde von einem Professor begleitet, den ich sehr merkwürdig finde. Und das liegt nicht nur an seiner Art zu sprechen („Se nnürohn in se senter of sihs sörkl…“ — „The neuron in the center of this circle…“).
Ich kann nicht genau festmachen, woran es liegt…
Tatsache ist, dass er es liebt die Schriftart ‘Comic Sans MS’ zu benutzen — kein gutes Zeichen.

Und was wurde aus dem Wechsel?
Für mich stand fest: wenn aus dem Wechsel nichts wird, werde ich es wieder und wieder versuchen. Ich hab mich richtig auf den Gedanken an ein Psychologiestudium fixiert/verstrickt/festgenagelt. Ich versuchte schon vor dem CoXi Studium Psychologie zu studieren (so war ich auch im ersten Semester für meine Einführungswochentutoren in eine bereits bekannte Kategorie einsortierbar); die ganzen Gedanken rund um den Wechsel haben mich wieder an diesen — ich traue mich kaum das Wort zu benutzen — Traum erinnert und ihn lebendig werden lassen.
Vielleicht habe ich diesen Traum während der vergangenen Semester unabsichtlich ausgeblendet; vielleicht erschien mir aber tatsächlich CoXi ein ebenbürtiger Ersatz zu sein — keine Ahnung.
Auf jeden Fall ist mein Traum wieder erwacht und stärker als je zuvor.

Damit kann man die Beziehung zwischen CoXi und mir als gescheitert ansehen.
Ich hab mich in vielen Gedankengängen wiedergefunden, die sich damit befassten, warum CoXi eigentlich so scheiße ist. Einige drehten sich um die kränkliche Methodik, andere um den übertrieben starken Fokus auf das symbolische Bewusstsein und wieder andere um die Besessenheit von der Idee eine Internationalitätsattitüde durch Englisch als Vortragssprache wecken zu müssen.
Ich hab mich mit keinem Gedankengang lang genug befasst, als das ich jetzt hier darüber berichten kann/möchte — aber soviel sei gesagt: CoXi darf wegen mir gerne weiterexistieren, so scheiße ist es gar nicht :)

Ich persönlich sehe mittlerweile in dem Studiengang (bzw. in den ersten drei Semestern) einen schönen Einblick in acht wissenschaftliche Disziplinen. Ich hatte quasi mit CoXi eine umfangreiche Orientierungsphase.
Vielen Dank dafür.
Ich bezweifle nur, ob die letzten drei Semester mehr vollbringen können, als einen umfangreichen und oberflächlichen Einblick in jene acht Disziplinen zu vermitteln.

Zurück zu meinem angestrebten Wechsel:
Mein Antrag ist bewilligt worden!
Derzeit bin ich ein glücklich hüpfender Psychologiestudent im zweiten Semester.
Der wichtige Brief kam eine Woche vor Vorlesungsbeginn. Ich wusste bereits an der Dicke des A5 Briefkuverts, dass es einfach geklappt haben muss.

In der ersten Vorlesungswoche ging ich dann zum Studierendensekretariat und machte den Wechsel offiziell. Als ich ankam, sagte ein dicker Mann zu einem Mädchen am Schalter: „Glückwunsch, sie sind die letzte, die wir für das Diplom in Psychologie zugelassen haben.“
Ich habe am Tresen neben dem Mädchen einer Dame mein Anliegen vorgebracht. Sie schritt dann zu einer Kollegin und verkündete, dass „der andere jetzt auch da sei“. Genau das drang dem gratulierenden Dicken ins Ohr. Er wandte sich zu mir um, suchte meinen Blick und sagte erfreut: „Ah, toll! Und sie sind der Vorletzte!“
Er fing an zu lachen und ich begann zu strahlen — ich habe es geschafft. Ich bin da. Alles wird gut.
Danke.

Die Kollegin bereitete wenig später meinen neuen Ausweis vor und fragte mich: „Wollen Sie Ihren alten Studiengang parallel weiterstudieren?“
„Mh.. nein.“, sagte ich.
„Sie wollen Cognitive Science aufgeben?“
Das klang dann doch etwas hart. Ich dachte sehr kurz darüber nach und sagte schließlich sicher und bestimmt:
„Ja, ich will es aufgeben.“

15
Okt
07

Das „Ja, aber–“-Phänomen

Das Sprechen in Universität, Schule und einigen anderen Institutionen/Firmen/Was-auch-immern unterliegt einem witzigen Regelsystem:

Einer ist der Chef. Der Chef darf immer reden, wanns ihm passt. Alle anderen (die sog. „Meute“) muss wahlweise den linken oder rechten Arm in die Luft strecken, um zu signalisieren „Chef, ich möchte etwas sagen.“. Wenn der Chef keinen Grund sieht, der dagegen spricht, dass einer aus der Meute zu Wort kommt, deutet er durch eine Handbewegung, ein knappes „Ja?!“ (auch: „Bitte?“ oder „Sie da!“) oder gar durch die Nennung eines Namens an den Aufzeigenden gewandt an, dass dieser nun reden darf.
Der Aufzeigende hört auf aufzuzeigen und fängt an zu sprechen. Danach hat er/sie das Recht auf Reden wieder verwirkt und der Chef ist wieder dran.
Das ist als Regelsystem völlig in Ordnung. Der Chef hat so oder so meistens sehr viel zu sagen und darf sich ruhig etwas wichtig machen, indem er/sie Rederechte verteilt.

Es gibt einige Variationen und Abweichungen vom Regelsystem. Es kann zum Beispiel der Fall sein, dass jemand während einer hitzigen Debatte das ganze System vergisst und nicht mehr aufzeigt. Es kann sein, dass der Chef den Redenden einfach unterbricht oder aber dass einer aus der Meute unerlaubterweise losbrüllt, weil gerade ein massiver Klotz Decke auf sein Haupt gefallen ist.
Derlei Regelverletzungen finde ich persönlich unbedenklich.

Aber es gibt da eine Abweichung vom System, ein Regelverstoß, der mich einfach nur wahnsinnig macht!
Die Rede ist vom „Ja, aber –“-Phänomen:
Jemand aus der Meute hat das starke Bedürfnis auf etwas Gesagtes mit Worten zu reagieren. Laut und vollkommen unaufgefordert spricht dieser jemand laut einen Teil der geplanten Reaktion (die Einleitung) aus, hört mitten im Satz auf zu reden, hebt seine Hand und wartet.
Der häufigste Reaktionsanfang scheint „Ja, aber –“ zu sein, weshalb das Phänomen diesen Namen trägt. Auch möglich und von mir wahrgenommen wurden zum Beispiel „Ist es nicht klüger, wenn man –“, „Hmm… ist auch eigentlich –“ oder „Das ist aber nicht –“.

Wie ist dieses Phänomen zu erklären?
Es könnte sein, dass der Reaktionswillige aus der Meute einen Moment lang vergisst, dass er sich an das Regelsystem zu halten hat. Allerdings konnte ich noch nie eine Schamröte im Gesicht des stümperhaften Unterbrechers erkennen. Es könnte auch sein, dass die Person hofft der Chef würde direkt seine/ihre Aufmerksamkeit auf die Person richten; und wenn der Chef eben nicht reagiert, zeigt man doch widerwillig auf. Ich tippe eher auf letzteres — auch wenn es keine befriedigende Erklärung für mich darstellt.
Vielleicht möchten sich einige Leser ja hier outen und verraten, was ihre Beweggründe sind.

Viel wichtiger als das Phänomen an sich ist jedoch die Tatsache, dass mich dessen Auftreten zur Weißglut treibt!
Ich werde weiteres Auftreten dieses Regelverstoßes mit einem bösen Blick ahnden!

28
Jul
07

Das zweite Semester — Übertreibungen, Schaubilder & Füllwörter

Es ist an der Zeit Leserwünsche zu erfüllen! Nico M. aus G. hat sich darüber gewundert, warum kein ihm bekannter Blogger einen Eintrag über das zweite Semester unseres gemeinsamen Studiums schreibt. Als auch noch Lena K. aus C. eine Anregung kundtat, beschloss ich beide Wünsche zu erfüllen; obwohl Corinna schon einen Eintrag über die beginnenden Ferien und auch Andreas einen Eintrag, der mehr oder weniger das Thema trifft, verfasst haben (Wünscheerfüllung verläuft chronologisch — keine Bange, Lena!). Sollte sich jetzt jemand benachteiligt fühlen, weil er/sie nichts von meiner kleinen „Aktion“ wusste, darf sich frei fühlen einen eigenen Wunsch als Kommentar an diesen Eintrag zu äußern (ohne Erfüllungsgarantie! Ich werde z.B. garantiert nicht über winzige peruanische Riesenmistkäfer schreiben!).

Doch kommen wir zurück zu Nicos Wunsch: Das zweite Semester.

Trotz düsterer Phrophezeiungen der damaligen Erstsemestertutoren freute ich mich nach den langen, erfüllten Ferien aufs Zweite! Wie zu Beginn des ersten Semesters war ich ausgeschlafen, hochmotiviert, neugierig und gespannt. Diese erfreulichen Eigenschaften haben sich in der Klausurphase in „übermüdet“, „demotiviert“, „lustlos“ und „angespannt“ gewandelt. Doch wie kam es dazu?

In der ersten Woche fielen sämtliche Übungen aus und es gab keine Hausaufgaben zu erledigen — schöne Zeit! Die ersten Hausaufgaben waren nicht schwierig und der Stundenplan wurde als „doch-nicht-zu-voll“ klassifiziert. Es stellte sich jedoch früh heraus, dass diese Zuordnung grober Unfug war; z.B. als ich wieder meine Freizeit arg begrenzt sah oder als ich anfing Hausaufgaben aufzuschieben und demzufolge die Nächte immer arbeitsintensiver und schlafärmer wurden. Schnell verabschiedete ich mich von „Erkenntnistheorie II“ und auch — weniger schnell — von „Formalisierung von Wissen“.

Ich hätte aber eigentlich noch ein paar mehr Kurse rausschmeissen müssen, um vernünftig arbeiten zu können. Aber ich wollte mich der Herausforderung stellen!
Ich habe es auch geschafft; auch wenn ich mich von einigen Idealen wie „Diesmal-aber-kein-bulemielernen“ und „Diesmal-Vorlesungen-intensiv-nacharbeiten“ verabschieden musste. Vielleicht, so hoffe und glaube ich, schaffe ich es im nächsten Semester diese Ideale zu wahren.
Warum? Das nächste Semester ist nicht die Nummer 2, sondern die Nummer 3 — ich hoffe das reicht.

Die schönsten Veranstaltungen meines Stundenplans waren der Unichor, der Gebärdensprachkurs und Sensory Physiology. Die ersten beiden Kurse waren keine Pflichtveranstaltungen. Freiwillig besuchte Kurse, an denen ich ganz viel Spaß hatte. Auch hier möchte ich noch einmal kurz Werbung für den Gebärdensprachkurs machen: Leute, nehmt die Gelegenheit war und versucht euch an dieser Sprache. Sie ist leicht zu lernen, das Lernen macht Spaß und das Lernen soll den Einsatz und die Beobachtungsfähigkeit von Mimik und Gestik verbessern. Der letzte Kurs war meine liebste Pflichtvorlesung (oder Vorlesung allgemein).
Die langweiligsten/schlimmsten Veranstaltungen waren Cognitive Psychology and Neuropsychology, das Lab und A.I.. Die ersten beiden Kurse gehören zum Bereich der kognitiven Psychologie und meine Vorfreude auf diese Kurse war immens hoch; sie konnte auch nicht von den vielen Gerüchten, die den Professor der Kurse betrafen, getrübt werden.
Doch leider hatte Herr Schmalhofer nichts besseres zu tun, als die bösen Gerüchte zu bestätigen. Ein Drittel (oder doch gar die Hälfte (?) ) aller CPCN Vorlesungen fielen „due to specific reasons“ aus. Das Laboratory war dermaßen unorganisiert und wurde bar jeglicher Mühe geleitet, sodass auch da mir der Spaß verging. Trotzdem bleibt der Inhalt interessant; nur leider steht und fällt die Qualität eines Kurses und die Beigeisterung für den selbigen mit dem Dozenten. Und trotzdem meinte ich in Herrn Schmalhofers Entschuldigungen nicht irgendwelche zusammengeklatschen Worthülsen zu hören, sondern aufrichtige Reue. Vielleicht sollte man nicht hinter seinem Rücken bös über ihn sprechen und „Verschwörungen“ planen, sondern direkt auf ihn zugehen und mit ihm reden.

Der zuletzt genannte Kurs — A.I. (oder Artificial Intelligence) — stellte sich leider als sterbenslangweilig heraus. Bereits in der ersten Vorlesung musste ich gegen meine Ermüdung ankämpfen. Ich glaube nicht, dass das die Schuld des Professors war, die Einführung in die Programmiersprache ProLog kann man wohl nicht wesentlich spannender darstellen.
In weiterführenden Kursen, so hoffe ich, wird sich noch die Stärke von Professor Gust, dem unangefochtenen Meister der Schaubilder, zeigen.

DAS ultimative Schaubild

Die Dozenten, die unfreiwillig komisch waren, heissen Sven Walter und Stefan Evert.
Mr Evert, der gebürtiger Schwabe zu sein scheint, brachte mich immer innerlich zum Lachen, wenn er „Computational Linguistics“ sagte. Und Mr Walter vollbrachte diese Tat durch wiederholte Nachdenken-durch-Füllwort-Ausdrücke, respektive sein bewundernswertes „ÄÄÄHHHMMMM…“.
Danke, Sven Walter!

Nun hoffe ich, dass wir alle aus dem Zweiten lernen und uns nicht mit unschaffbar vielen Kursen vollladen. Aktuell kursierende E-Mails weisen auf das Gegenteil hin.

12
Jun
07

Die Unendlichkeit von natürlichen Sprachen

Wir wissen alle, dass unsere Sprache ständig erweitert wird und nie einen finalen Zustand erreichen wird. Das ist einer der Gründe, warum natürliche Sprachen unendlich sind.

Ein Beispiel für eine Spracherweiterung durfte ich aus nächster Nähe erleben. Wir kennen verschiedenste Arten und Weisen auszudrücken, dass man auf die Toilette gehen möchte. Wenn man also seinen Freunden sagen möchte, dass sie sich keine Sorgen machen sollen, wenn man mal eben kurz verschwindet. Man sagt Sachen wie: „Ich geh mal eben aufs Klo!“, „Ich hab Druck auf der Leitung!!“ oder „Ich geh pissen!“.

Schon „Druck auf der Leitung haben“ zeigt, dass man sich sprachlich geschickt um den heissen Brei herummanövrieren kann. Einige Kommolitonen bevorzugen diese Art der Urinierungsbedürfnisverlautung. Und ich, in meiner Rolle als strikter Gegner dieser Bewegung, wies diese Personen öfters daraufhin, dass ich mich über direktere Äußerungen freuen würde, was bei eben diesen Personen zu einer unverschämten Trotzhaltung führte. Nahezu provokativ hagelte es also „Ich lege mal eben einen Boxenstopp ein.“ oder „Ich verschwinde mal eben kurz ‘wohin’.“.

Doch jetzt kommts! Eines Tage sagte Karl G. aus M. (Name geändert): „Ich geh mal eben ins Zwischenstockwerk!“. Für alle, die das AVZ der Universität in O. nicht kennen: Tatsächlich gibt es eine Toilettenanlage, die auf halber Strecke zwischen dem Unter- und Erdgeschoss liegt – ein Zwischenstockwerk!

Das Zwischenstockwerksding wurde schnell von einigen anderen ebenfalls verwendet und ging in den „allgemeinen Sprachgebrauch“ über. Bis hierhin klingt alles nach einem kleinen „Insider“, dem keine größere Beachtung geschenkt werden sollte, doch eines weiteren Schicksalhaften Tages sagte Wilhelmine P. aus C. (Name geändert) „Ach, geht schon mal ohne mich nach oben! Ich muss noch mal eben zwischenhergehen.“

o_O

So war ein Verb für die Tätigkeit „aufs Zwischenstock gehen“ geboren. Was folgt als nächstes? Ein Adjektiv? So wie in „mein zwischenstöckiges Bedürfnis wächst!“ oder „Ich hege zwischenstöckige Gedanken.“.

Was soll uns dieser Eintrag sagen?

  1. Lasst aus akuter Anstößigewörterausprechphobie die Sprache nicht unendlicher werden.
  2. Verfasst über eine Nichtigkeit wie diese keinen Blog-Eintrag. :)