Wenn man die ganze Nacht allein mit seinem Sozialpsychologielehrbuch verbracht hat (so wie ich heute bzw. gestern) und die Nacht schließlich in den Morgen mündet (so wie gerade passiert) ist der erste (unverhoffte) „Kontakt“ mit anderen Menschen nach Stunden … komisch.
Mit denjenigen „anderen Menschen“ also, die brav schlafen waren und wieder wach sind; im Gegensatz zu mir, der immernoch wach ist.
Eins vorweg:
Ich stehe — einen Moment, kurz rechnen, jetzt ist offiziell Montag — acht Tage vor meiner Vordiplomsprüfung in Sozialpsychologie. Das bedeutet noch lange nicht, dass ich tatächlich vor lauter Stress und Hektik vergesse zu schlafen oder — noch schlimmer — die Vorstellung gewinne, ich dürfe mir Schlaf nicht erlauben (was neben einer reichlich dummen gleichzeitig auch eine schwer aufrechterhaltbare Einstellung ist).
Es ist viel eher so, dass das Phänomen aus dem Kuhl-Eintrag immernoch auftritt — zwar seltener, aber immernoch:
Ich hock gefühlte Ewigkeiten vor meinem Häufchen Arbeit und finde keine Lust oder Motivation in mir damit anzufangen/weiterzumachen, lenke mich ab und bin deswegen sauer auf mich.
Ab und zu passiert es (mit schrumpfender Distanz zum Prüfungs-/Abgabetermin immer häufiger), dass ich doch meinen Willen in die Tat umsetze. Ist dies der Fall, passiert es dann aber auch gerne mal, dass ich stur nicht einsehe, warum ich mit dem Umsetzen aufhören sollte, nur weil es plötzlich Nacht ist — solange ich nicht müde bin und das in-die-Tat-Umsetzen nicht nachlässt, weigere ich mich schlicht (ich frag mich gerade, ob mein Melatoninhaushalt im Eimer ist).
Jetzt zu Mona:
Ich lag auf meinem Bett und las wirklich interessantes sozialpsychologisches Zeugs, was ich in (jetzt) acht Tagen möglichst gut wiedergeben und miteinander-verknüpfen können will.
So gegen acht Uhr klang ein entfernter Ruf durch die offenen Fenster:
„Mona, komm!“
Nachdem ich die plötzlich in meinem Kopf aufschießende Frage „Wer is Mona?“ erfolgreich unterdrückt hatte, las ich weiter.
Es gab ein schrilles Pfiffgeräusch. „MONA!“ klang es nun entschieden lauter.
Eine ganze Zeit lang wechselten sich Pfiffgeräusche und „MONA! KOMM!“-Rufe ab, was meinem Bemühen, dem ganzen keine Aufmerksamkeit zu schenken, nicht sonderlich geholfen hat.
Als der Brüllende zum wütenden Schreien übergewechselt ist, ging ich zum Fenster.
Ein Mann im Anorak starkte sichtlich erzürnt über das brachliegende Feld, was ich von meinem Fenster aus beschauen kann, auf einen kleinen undefinierbaren Haufen zu.
Ich hielt es spontan für einen Misthaufen, fragte mich, wessen Mist das sein soll und entschied mich dafür, dass es sich eigentlich um einen Rest-Heu-Haufen handelt, den niemand abholen wollte, als das Heu frisch war.
Der Mann brüllte inzwischen den Heuhaufen an.
Ein Hund kam aus dem Haufen gesprungen und schmiegte sich ans Bein des Mannes.
„MONA! JETZT KOMM!“, brüllte er den Haufen weiter an.
„Das versteh ich nicht“, dachte ich.
Er machte einen weiteren Schritt auf den Haufen zu, guckte ihn bestimmt arg bedrohlich an (die ganze Szenerie spielte sich geschätzte 200-300 Meter von mir entfernt ab) und sorgte so irgendwie dafür, dass ein zweiter Hund — Mona — dem Haufen entfleuchte.
Ich schaute noch etwas zu, wie der Mensch sehr bemüht den Acker verließ — seine Hunde wollten sehnsüchtig zum Haufen zurückkehren, drängten, zerrten und seine Füße wollten ständig halb in den Boden einsinken. Als meine Oma sich im Stockwerk unter mir plötzlich hörbar räusperte, unterbrach das meine Faszination.
Ich ließ vom Fenster ab.
Merkwürdigerweise trägt diese Szenerie dazu bei, dass ich ins Bett gehen möchte — es ist hell geworden, Menschen wachen auf und verrichten ihr Tagewerk.
Die Nacht hat einen wunderhübschen Charme und ist für mich ideal zum Lernen — es ist generell die Tageszeit, wo ich am aktivsten bin (ich mache mir wieder Gedanken über Melatonin).
Nun ist die Nacht vorbei, ihr Charme ist mit ihr verschwunden und Monas Besitzer hat meine Konzentration zunichte gemacht — ich gehe schlafen.
Zusätzliche Schlafmotivation bietet normalerweise auch das nicht Entdeckt werden wollen (was gar nicht einen so großen Teil ausmachen kann, wenn ich mich jetzt im Internet oute).
Wenn Menschen einen dabei erwischen, wie man eine Nacht durchgemacht hat (in diesem Fall durchgelernt hat — das klingt viel produktiver und bewundernswerter und toller), hört man einen blöden Spruch oder wird böse sozial sanktioniert (z.B. durch einen bösen Blick — in einem Reiseführer für die Stadt London hab ich gelesen, dass die englischen Polizisten unhöfliches Benehmen und minderschwere Regelverstöße mit einem bösen Blick ahnden würden.
Seither bildet das für mich die höchste Form der (höflichen) sozialen Sanktionierung :] ).
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