Als ich heute meine Wohnung aufräumte und mich im größeren Kontext vorbereitete zurück nach Ibbenbüren zu fahren (zu meiner Familie), hat mich Lena per Chat angeschrieben. Sie säße gerade in einem unspannenden Blockseminar und überlege, was sie heute stattdessen klügeres hätte machen können. Ich plauderte ein wenig mit ihr und fragte sie irgendwann — da es doch so schier unaushaltbar in diesem Wochenendseminar zu sein schien — ob ich ihr nicht ein Stückchen Kuchen vorbeibringen solle.
„Ja, wir haben gleich Pause und sind in Gebäude 41, Raum 218.“
Ich habe es nicht ernst gemeint, doch meine Tendenz „etwas Unerwartetes tun“ meldete sich — so schwang ich mich spontan auf mein Rädchen, kaufte für sie und für Corinna (die auch im Seminar saß, wie Lena berichtete) ein Stückchen Kuchen beim Bäcker und fuhr zu Gebäude 41.
Auf dem Weg dorthin dachte ich darüber nach, dass ich eigentlich „was tun“ wollte, diese Tätigkeit keinen großen Sinn hat und trotzdem supercool ist. Ich dachte aber auch — wie in den letzten Tagen häufiger — daran, dass jede Entscheidung — und sei sie noch so subjektiv unbedeutend — weitreichende und unerwartete Konsequenzen haben kann.
In diesem Fall gab es zwar keine besonders weitreichende, aber dennoch eine unerwartete Konsequenz (zumindest so wie bislang ersichtlich). Aber bevor ich dazu komme, sei kurz erwähnt, dass Lena ein sehr liebenswert-blödes Gesicht gemacht hat und herzlich zu Lachen anfing, als ich mit einem Bäckerei-Kuchen-Verpackungs-Ding auf sie wartete.
In dem Gespräch, während dem von Lena und Katha Erdbeerrhabarberkuchen verzehrt worden ist (Corinna konnte nicht, sie musste sich auf ihr Referat .. vorbereiten), fiel folgender Satz:
„Ach, du fährst also nach Hause? Wegen Muttertag, was?“
Ich hab den Muttertag vergessen.
Oder ich hätte ihn wohl vergessen, wäre ich nicht nochmal darauf aufmerksam gemacht worden.
Richtig: „nochmal“. Ich wurde aber auch so immens stark zugemüllt mit „Bald ist Muttertag“-Werbeaktionen im Briefkasten, im E-Mail-Postfach, im Supermarkt — da schotte ich dann wohl ab :)
Jetzt bin ich also zu Hause, habe mir ein Rezept geschnappt und werde gleich, wenn hier alles schläft, einen tollen tollen Kuchen backen. Nachts. Yay!
Durch diese Begebenheit hat meine Mutti morgen eine hoffentlich tolle Muttertagsüberraschung und ich habe einen 1-A-Aufhänger fürs eigentliche Thema: jene kleinen unscheinbaren Entscheidungen.
Mir macht es zuweilen Spaß über diese Entscheidungen nachzudenken, die im Nachhinein mein Leben sehr stark verändert haben, wovon ich aber zum Zeitpunkt der Entscheidung nichts ahnte.
Da wäre zum Beispiel die Entscheidung „Wir müssen für die LAN-Party eben noch Knabberkram kaufen. Wollen wir zum Extra fahren oder lieber zu Marktkauf?“
Mir war es egal. „Dann Marktkauf! Schließlich habe ich jetzt einen Führerschein — wir können auch mal etwas weiter wegfahren“.
Was folgte war ein Autounfall.
Natürlich möchte ich nicht behaupten, dass der Unfall passiert ist, weil ich „Mh.. mir egal“ gesagt habe, aber hätte ich damals auf den Extra-Supermarkt bestanden, wären wir nicht in den landwirtschaftlichen Schleichweg eingebogen, sondern über die Hauptstraße gefahren (vielleicht wäre es dennoch passiert, klar).
Ohne den Autounfall wäre mein Leben jetzt auf vielen Ebenen ganz anders. Allein durch die Erinnerung oder besser das Erleben dieser Situation habe ich mich verändert — soweit so gut.
Eine Konsequenz, die aber besonders weitreichend für mich ist, ist die daraus resultierende Untauglichkeit bei der Musterung.
Hätte ich meinen Zivildienst machen müssen, hätte ich nicht bereits im Wintersemester 2006/07 anfangen können zu studieren — ich hätte einen ganz anderen Freundeskreis als ich ihn jetzt habe.
Das kann man sicherlich auch noch weiter stricken: der Zivildienst hätte mich in irgendeiner Form verändert, ich hätte nicht soviel im Krankenhaus über das Leben nachgedacht, ich hätte ohne den Unfall zu einem Kurstreffen gehen können, auf das ich mich schon gefreut hatte.
Was davon wirklich herausragend wichtig gewesen wäre, lässt sich nicht sagen. Und ich kann auch nicht wissen, was konkret ohne den Unfall passiert wäre, weshalb dieser Gedankengang nicht besonders ertragreich erscheint.
Dennoch fasziniert es mich, auf diese Art und Weise auf meinen bisherigen Lebensweg zu schauen.
Ein anderes Beispiel für eine unscheinbare und weitreichende Entscheidung ist meine Teilnahme am Symposium TurmderSinne 2007; oder mich an meinem ersten Schultag neben meine beste Freundin zu setzen, obwohl es mir ihr Cousin, der auch in meiner Klasse war, verboten hat; oder aber die Wahl meines Gymnasiums:
Meine Eltern sind mit mir an den beiden Gymnasien in Ibbenbüren vorbeigefahren. „Weißt du schon, auf welches du gehen willst, Tobias?“ fragte meine Mutter. „Ich mag auf das hier“, antwortete ich während ich auf das Kepler zeigte, „das Gebäude ist treppenförmig, außerdem gibts hier Bäume und Rasen.“
Das andere Gymnasium war direkt am Bahnhof, ein quaderförmiger Betonklotz, alles ringsrum gepflastert, reichlich trist.
Und man kann diese kleinen Fleckchen meiner Biografie sogar in (eine wirre) Beziehung setzen:
Dass ich mich trotz Verbot an meinem ersten Schultag neben die Cousine des späteren „Anführer-Kindes“ gesetzt hab, hat mir bei ihm kräftig Minuspunkte eingeheimst. Dann hatte ich zu der großen in der Klasse vorherrschenden Streitfrage „BVB 09 oder Bayern München“ nichts besseres beizutragen als „BVB? Was ist denn das? — Ach, Fußball?! Keine Ahnung — mag ich nicht.“, was der ganzen Sympathiesache bei dem Großteil der Jungs wohl den Rest gegeben hat.
Ich musste teilweise deswegen bei der Gymnasiumswahl nicht darauf achten, wo meine Freunde hingehen würden — ich hatte nur einen richtig guten Freund und der ging auf die Realschule. Die Klassenkameraden, die auf ein Gymnasium gehen wollten und durften, gingen geschlossen auf das triste Klotzgymnasium. Selbst der eine, der eigentlich auf das treppenförmige Kepler mit Grün gehen wollte, entschied sich anscheinend aufgrunddessen doch für den Klotz.
Die Gymasiumswahl trug teilweise zu meiner Bekanntschaft mit dem Fahrer bei, der uns Jahre später vor einen Baum setzen würde, wodurch ich im WS2006/07 anfangen konnte zu studieren, wodurch ich die Leute kennenlernte, die mir unter anderem vom Symposium erzählten und mich überredeten mitzukommen.
(Diese kleine Kette beantwortet die Frage, wie der Großteil meines Freundeskreises entstanden ist — nicht gerade stark verwunderlich, flog mir aber durch den Kopf)
Ich könnte einige weitere Beispiele und Ketten generieren: Hätte ich mit der in der 11. Klasse aufkommenden Idee Psychologie zu studieren, meine Leistung in der Schule so verbessert [und verbessern können], dass ich den NC mit Sicherheit packen würde, wäre ich nicht in das Berufswegsberatungsding gegangen, wo mir zum ersten Mal der Begriff „Cognitive Science“ über den Weg lief. Wie kam ich zu der Psychologie-Idee? Teilweise durch eine Freundin, die ich durch zwei weitreichender-als-gedacht Entscheidungen kennengelernt habe, usw., usf.).
Es ist häufig so, dass (größere) Entscheidungen weitreichendere Konsequenzen haben (für einen selbst und für andere persönlich relevante Menschen), als man beim Entscheiden ahnt.
Bei jeder Entscheidung tut sich ein Scheideweg auf, quasi eine Aufspaltung in mindestens zwei mögliche Welten, die mehr oder weniger stark voneinander abweichen können.
Eine dieser Welten wird dann Realität.
Hinzu kommt, dass sich alle Menschen andauernd entscheiden — ein unüberschaubarer Haufen möglicher Welten. Dabei sind das nur die wenigen Entscheidungen, die ich explizit festmachen kann — noch unüberschaubarer. Und wenn man bedenkt, dass bereits „einen Schritt nach links machen“/“nach rechts machen“/“still stehen“ (oder „atmen“/“nicht atmen“) verschiedene Entscheidungen (im weiterem Sinne) sind, wird es wirklich unspannend-unüberschaubar.
Aber zurück zu dem für mich spannenden Aspekt — zurück zu größeren und weitreichender-als-geahnt Entscheidungen:
Ich find das toll und aufregend — es macht mich neugierig (retrospektiv und prospektiv) — ich würde gerne wissen, wie einige spezielle Alternativwelten konkret aussehen würden (ich muss gerade an Dickens’ „A Christmas Carol“ denken — wie wäre es mit einem „Geist der Alternativwelt ω17-Abschnitt DXIV“?).
Es zeigt aber auch, wie sensibel das ganze Gefüge des eigenen Lebensweges, der eigenen Person ist.
Wenn man sich wünscht anders sein zu können, eine einzelne (oder mehrere einzelne) Variablen der eigenen Persönlichkeit (oder auch an einer anderen Person, einer Situation) verändern zu können, schenkt man den indirekten Auswirkungen (i.U. zu den gewünschten direkten Auswirkungen) keine Beachtung.
Es gibt diese unglaublich skurille Frage in dem Kontextfragebogen eines größeren psychologischen Tests: „Wenn Sie sich Persönlichkeitseigenschaften im Supermarkt kaufen könnten, Ihr Geld aber nur für drei reicht, was packen Sie in Ihren Einkaufswagen?“.
Aber auch das mag ich nicht durch und durch verteufeln — für mich hat jeder eine Vorstellung von und ein Bestreben nach bestimmten Aspekten, die er gerne in seiner Person enthalten sehen würde; und wenn ich es weiter runterbreche, spielt auch Lernen in diese Richtung (z.B. aus Fehlern lernen — wenn man etwas überhaupt als Fehler ansieht, hat man eine Vorstellung von mindestens einem nicht fehlerhaftem Zustand und möchte sein zukünftiges Verhalten wohlmöglich dahingehend verändern).
Aber ich werde mich hier (zumindest jetzt) nicht weiter mit diesem Aspekt auseinandersetzen,
ich geh Kuchen backen — mal sehen, was daraus folgt.
Sowieso ist das Muttertagsding ein sehr schöner Rahmen für diesen Eintrag — wir sind die weitreichende und bestimmt an vielen Stellen auch unerwartete Konsequenz einer Entscheidung unserer Eltern (wobei unsere Eltern in keinster Weise ahnen konnten, was diese sehr große Entscheidung für Auswirkungen haben würde).
Drückt eure Mütter ganz kräftig (und eure Väter gleich mit) :)
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