Archiv der Kategorie 'Liebe & Leben'

13
Jul
09

another year

Ich halte drei dicke Umschläge in den Händen und wandere durch die Straßen Osnabrücks, das gerade im Begriff ist zu erwachen. Drei dicke Umschläge mit Anträgen auf einen Hochschulwechsel, von denen ich nicht weiß, wie ernst ich sie meine.

Eine Frau, die sich in Kürze als unsympathisch herausstellen soll, hält neben mir an. „Hermannsstraße?“ fragt sie, schaut mich kaum an. „Pfff…“, mache ich, „weiß ich nicht — keine Ahnung“. Sie dreht am Knöpfchen, das ihre Klimaanlage runterzuregeln scheint, schaut mich immernoch nicht richtig an.
Ich warte auf weitere Konversationsbröckchen ihrerseits. Der elektrische Fensterheber verrichtet zwischen uns seine Arbeit — auch eine Art Konversationsbröckchen.

Ich erreiche den Briefkasten, habe eine letzte Assoziation an Amanda Palmers „Another Year“ und schmeiße die Briefe ein, die kurz darauf ein dumpfes Geräusch erzeugen.
Ich trete den Rückweg an und scheine völlig in irgendetwas diffus-realitätsfernes zu versinken. Das fällt mir auf als ein vorbeifahrender Mann auf Fahrrad mir blöd hinterherschaut — ich habe gedankenverloren ein Lied, das ich hörte, mitgesungen und ließ Gedanken kreisen.
Die Realitätsferne entfernt sich (unerfreulicherweise).

Ich bin zu Hause und könnte mir überlegen, wie ernst ich meine drei dicken Anträge meine.
Das Schicksal (oder sonst irgendwer) schwingt lässig einen Würfelbecher in seiner linken Hand und ich warte und schaue, was für mich dabei rausspringt.

10
Mai
09

unscheinbare Entscheidungen

Als ich heute meine Wohnung aufräumte und mich im größeren Kontext vorbereitete zurück nach Ibbenbüren zu fahren (zu meiner Familie), hat mich Lena per Chat angeschrieben. Sie säße gerade in einem unspannenden Blockseminar und überlege, was sie heute stattdessen klügeres hätte machen können. Ich plauderte ein wenig mit ihr und fragte sie irgendwann — da es doch so schier unaushaltbar in diesem Wochenendseminar zu sein schien — ob ich ihr nicht ein Stückchen Kuchen vorbeibringen solle.
„Ja, wir haben gleich Pause und sind in Gebäude 41, Raum 218.“

Ich habe es nicht ernst gemeint, doch meine Tendenz „etwas Unerwartetes tun“ meldete sich — so schwang ich mich spontan auf mein Rädchen, kaufte für sie und für Corinna (die auch im Seminar saß, wie Lena berichtete) ein Stückchen Kuchen beim Bäcker und fuhr zu Gebäude 41.
Auf dem Weg dorthin dachte ich darüber nach, dass ich eigentlich „was tun“ wollte, diese Tätigkeit keinen großen Sinn hat und trotzdem supercool ist. Ich dachte aber auch — wie in den letzten Tagen häufiger — daran, dass jede Entscheidung — und sei sie noch so subjektiv unbedeutend — weitreichende und unerwartete Konsequenzen haben kann.

In diesem Fall gab es zwar keine besonders weitreichende, aber dennoch eine unerwartete Konsequenz (zumindest so wie bislang ersichtlich). Aber bevor ich dazu komme, sei kurz erwähnt, dass Lena ein sehr liebenswert-blödes Gesicht gemacht hat und herzlich zu Lachen anfing, als ich mit einem Bäckerei-Kuchen-Verpackungs-Ding auf sie wartete.
In dem Gespräch, während dem von Lena und Katha Erdbeerrhabarberkuchen verzehrt worden ist (Corinna konnte nicht, sie musste sich auf ihr Referat .. vorbereiten), fiel folgender Satz:
„Ach, du fährst also nach Hause? Wegen Muttertag, was?“
Ich hab den Muttertag vergessen.
Oder ich hätte ihn wohl vergessen, wäre ich nicht nochmal darauf aufmerksam gemacht worden.

Richtig: „nochmal“. Ich wurde aber auch so immens stark zugemüllt mit „Bald ist Muttertag“-Werbeaktionen im Briefkasten, im E-Mail-Postfach, im Supermarkt — da schotte ich dann wohl ab :)

Jetzt bin ich also zu Hause, habe mir ein Rezept geschnappt und werde gleich, wenn hier alles schläft, einen tollen tollen Kuchen backen. Nachts. Yay!
Durch diese Begebenheit hat meine Mutti morgen eine hoffentlich tolle Muttertagsüberraschung und ich habe einen 1-A-Aufhänger fürs eigentliche Thema: jene kleinen unscheinbaren Entscheidungen.

Mir macht es zuweilen Spaß über diese Entscheidungen nachzudenken, die im Nachhinein mein Leben sehr stark verändert haben, wovon ich aber zum Zeitpunkt der Entscheidung nichts ahnte.

Da wäre zum Beispiel die Entscheidung „Wir müssen für die LAN-Party eben noch Knabberkram kaufen. Wollen wir zum Extra fahren oder lieber zu Marktkauf?“
Mir war es egal. „Dann Marktkauf! Schließlich habe ich jetzt einen Führerschein — wir können auch mal etwas weiter wegfahren“.
Was folgte war ein Autounfall.
Natürlich möchte ich nicht behaupten, dass der Unfall passiert ist, weil ich „Mh.. mir egal“ gesagt habe, aber hätte ich damals auf den Extra-Supermarkt bestanden, wären wir nicht in den landwirtschaftlichen Schleichweg eingebogen, sondern über die Hauptstraße gefahren (vielleicht wäre es dennoch passiert, klar).
Ohne den Autounfall wäre mein Leben jetzt auf vielen Ebenen ganz anders. Allein durch die Erinnerung oder besser das Erleben dieser Situation habe ich mich verändert — soweit so gut.
Eine Konsequenz, die aber besonders weitreichend für mich ist, ist die daraus resultierende Untauglichkeit bei der Musterung.
Hätte ich meinen Zivildienst machen müssen, hätte ich nicht bereits im Wintersemester 2006/07 anfangen können zu studieren — ich hätte einen ganz anderen Freundeskreis als ich ihn jetzt habe.
Das kann man sicherlich auch noch weiter stricken: der Zivildienst hätte mich in irgendeiner Form verändert, ich hätte nicht soviel im Krankenhaus über das Leben nachgedacht, ich hätte ohne den Unfall zu einem Kurstreffen gehen können, auf das ich mich schon gefreut hatte.
Was davon wirklich herausragend wichtig gewesen wäre, lässt sich nicht sagen. Und ich kann auch nicht wissen, was konkret ohne den Unfall passiert wäre, weshalb dieser Gedankengang nicht besonders ertragreich erscheint.

Dennoch fasziniert es mich, auf diese Art und Weise auf meinen bisherigen Lebensweg zu schauen.

Ein anderes Beispiel für eine unscheinbare und weitreichende Entscheidung ist meine Teilnahme am Symposium TurmderSinne 2007; oder mich an meinem ersten Schultag neben meine beste Freundin zu setzen, obwohl es mir ihr Cousin, der auch in meiner Klasse war, verboten hat; oder aber die Wahl meines Gymnasiums:
Meine Eltern sind mit mir an den beiden Gymnasien in Ibbenbüren vorbeigefahren. „Weißt du schon, auf welches du gehen willst, Tobias?“ fragte meine Mutter. „Ich mag auf das hier“, antwortete ich während ich auf das Kepler zeigte, „das Gebäude ist treppenförmig, außerdem gibts hier Bäume und Rasen.“
Das andere Gymnasium war direkt am Bahnhof, ein quaderförmiger Betonklotz, alles ringsrum gepflastert, reichlich trist.

Und man kann diese kleinen Fleckchen meiner Biografie sogar in (eine wirre) Beziehung setzen:
Dass ich mich trotz Verbot an meinem ersten Schultag neben die Cousine des späteren „Anführer-Kindes“ gesetzt hab, hat mir bei ihm kräftig Minuspunkte eingeheimst. Dann hatte ich zu der großen in der Klasse vorherrschenden Streitfrage „BVB 09 oder Bayern München“ nichts besseres beizutragen als „BVB? Was ist denn das? — Ach, Fußball?! Keine Ahnung — mag ich nicht.“, was der ganzen Sympathiesache bei dem Großteil der Jungs wohl den Rest gegeben hat.
Ich musste teilweise deswegen bei der Gymnasiumswahl nicht darauf achten, wo meine Freunde hingehen würden — ich hatte nur einen richtig guten Freund und der ging auf die Realschule. Die Klassenkameraden, die auf ein Gymnasium gehen wollten und durften, gingen geschlossen auf das triste Klotzgymnasium. Selbst der eine, der eigentlich auf das treppenförmige Kepler mit Grün gehen wollte, entschied sich anscheinend aufgrunddessen doch für den Klotz.
Die Gymasiumswahl trug teilweise zu meiner Bekanntschaft mit dem Fahrer bei, der uns Jahre später vor einen Baum setzen würde, wodurch ich im WS2006/07 anfangen konnte zu studieren, wodurch ich die Leute kennenlernte, die mir unter anderem vom Symposium erzählten und mich überredeten mitzukommen.

(Diese kleine Kette beantwortet die Frage, wie der Großteil meines Freundeskreises entstanden ist — nicht gerade stark verwunderlich, flog mir aber durch den Kopf)
Ich könnte einige weitere Beispiele und Ketten generieren: Hätte ich mit der in der 11. Klasse aufkommenden Idee Psychologie zu studieren, meine Leistung in der Schule so verbessert [und verbessern können], dass ich den NC mit Sicherheit packen würde, wäre ich nicht in das Berufswegsberatungsding gegangen, wo mir zum ersten Mal der Begriff  „Cognitive Science“ über den Weg lief. Wie kam ich zu der Psychologie-Idee? Teilweise durch eine Freundin, die ich durch zwei weitreichender-als-gedacht Entscheidungen kennengelernt habe, usw., usf.).

Es ist häufig so, dass (größere) Entscheidungen weitreichendere Konsequenzen haben (für einen selbst und für andere persönlich relevante Menschen), als man beim Entscheiden ahnt.
Bei jeder Entscheidung tut sich ein Scheideweg auf, quasi eine Aufspaltung in mindestens zwei mögliche Welten, die mehr oder weniger stark voneinander abweichen können.
Eine dieser Welten wird dann Realität.
Hinzu kommt, dass sich alle Menschen andauernd entscheiden — ein unüberschaubarer Haufen möglicher Welten. Dabei sind das nur die wenigen Entscheidungen, die ich explizit festmachen kann — noch unüberschaubarer. Und wenn man bedenkt, dass bereits „einen Schritt nach links machen“/“nach rechts machen“/“still stehen“ (oder „atmen“/“nicht atmen“) verschiedene Entscheidungen (im weiterem Sinne) sind, wird es wirklich unspannend-unüberschaubar.

Aber zurück zu dem für mich spannenden Aspekt — zurück zu größeren und weitreichender-als-geahnt Entscheidungen:
Ich find das toll und aufregend — es macht mich neugierig (retrospektiv und prospektiv) — ich würde gerne wissen, wie einige spezielle Alternativwelten konkret aussehen würden (ich muss gerade an Dickens’ „A Christmas Carol“ denken — wie wäre es mit einem „Geist der Alternativwelt ω17-Abschnitt DXIV“?).
Es zeigt aber auch, wie sensibel das ganze Gefüge des eigenen Lebensweges, der eigenen Person ist.
Wenn man sich wünscht anders sein zu können, eine einzelne (oder mehrere einzelne) Variablen der eigenen Persönlichkeit (oder auch an einer anderen Person, einer Situation) verändern zu können, schenkt man den indirekten Auswirkungen (i.U. zu den gewünschten direkten Auswirkungen) keine Beachtung.
Es gibt diese unglaublich skurille Frage in dem Kontextfragebogen eines größeren psychologischen Tests: „Wenn Sie sich Persönlichkeitseigenschaften im Supermarkt kaufen könnten, Ihr Geld aber nur für drei reicht, was packen Sie in Ihren Einkaufswagen?“.
Aber auch das mag ich nicht durch und durch verteufeln — für mich hat jeder eine Vorstellung von und ein Bestreben nach bestimmten Aspekten, die er gerne in seiner Person enthalten sehen würde; und wenn ich es weiter runterbreche, spielt auch Lernen in diese Richtung (z.B. aus Fehlern lernen — wenn man etwas überhaupt als Fehler ansieht, hat man eine Vorstellung von mindestens einem nicht fehlerhaftem Zustand und möchte sein zukünftiges Verhalten wohlmöglich dahingehend verändern).

Aber ich werde mich hier (zumindest jetzt) nicht weiter mit diesem Aspekt auseinandersetzen,
ich geh Kuchen backen — mal sehen, was daraus folgt.

Sowieso ist das Muttertagsding ein sehr schöner Rahmen für diesen Eintrag — wir sind die weitreichende und bestimmt an vielen Stellen auch unerwartete Konsequenz einer Entscheidung unserer Eltern (wobei unsere Eltern in keinster Weise ahnen konnten, was diese sehr große Entscheidung für Auswirkungen haben würde).
Drückt eure Mütter ganz kräftig (und eure Väter gleich mit) :)

23
Okt
08

Interrail

Mindestens 3.750km (lt. Google Maps) legten Michael und ich in der Zeit vom 15. bis 22. März 2008 zurück. Wir machten eine Interrailreise von Osnabrück ausgehend über Holland, Belgien und Frankreich durch die Länder England, Wales und Irland (Republik). Dazu buchten wir uns ein 5-in-10-Tagen-Interrailticket, das uns die Möglichkeit bot — nunja — uns in einem Intervall von zehn Tagen fünf auszusuchen, an denen wir jeden internationalen nicht-extravaganten Zug nutzen durften.

Auf der obigen Reiseroute ist jeder Tag mit einer eigenen Farbe versehen und jede Übernachtungsstätte wiederum mit einem weißen Knubbel. Hier ein kleiner Überblick über die Route:

  • Tag 1 (weiß): Fahrt von Osnabrück nach London. Übernachtung in London (1).
  • Tag 2 (rot): Abends nach Bulstrode, um Michaels Freundin Hanna zu besuchen. Übernachtung in London (1).
  • Tag 3 (orange): Ab Nachmittag Fahrt nach Holyhead (2), sowie dortige Übernachtung.
  • Tag 4 (gelb): Mit der Fähre nach Dan Laoghaire (3), sowie dortige Übernachtung.
  • Tag 5 (blau): Nachmittags mit dem Bus nach Rosslare, abends Fähre von dort aus nach Fishguard, dann weiter nach Swansea (4), wo auch übernachtet wurde.
  • Tag 6 (türkis): Fahrt nach Colwall (5), zu Besuch bei meiner Tante und ihrer Familie.
  • Tag 7 (hellblau): Fahrt nach Penzance mit dem Zug, dann mit dem Bus weiter in den Südwesten nach Land’s End.
  • Tag 8 (lila): Schlaf im Nachtzug von Penzance nach London. Weiter von dort aus Richtung Heimat.

Während der Reise führte ich ein kleines Reisetagebuch, wo ich alles vermerkte, was in irgendeiner Form bemerkenswert erschien. Nun möchte ich euch an diesen Bemerkenswertigkeiten teilhaben lassen. Ich zitiere jeweils den Eintrag aus dem Reisetagebuch und gebe dann einen Kommentar dazu ab — nur falls das jemanden irritieren sollte.
Ach ja: eine andere mögliche Quelle der Irritation: kursiv geschriebenes stellt meine Gedanken dar. Statt „Ich dachte: „Hui!“" also einfach „Hui!

  • „Oh, schau dir mal an wie schön Holland ist…!“
    Habe ich bis heute nicht verstanden. Michael hat das drei-, viermal im Zug in Holland gesagt und auf meinen irritierten Blick hin zu Lachen angefangen. Schätze, dass Holland einfach schön ist.

    Bahnhof Amersfoort, Niederlande

    Bahnhof Amersfoort, Niederlande

  • „Köhli zaubert Hörnchen hervor!“
    Am Tag vor der Reise habe ich nicht geschlafen. Dementsprechend fühlte ich mich und — wie sich herausstellen sollte — verhielt ich mich auch: Michael und ich aßen im Zug (immernoch in Holland) zuvor gekaufte Backwaren. Ich ließ meinen Blick über die Landschaft und durch den Zug streifen, bis er an Michaels Backwarentüte hängen blieb.
    Ich riss meine Augen auf und sagte erschrocken „WAS ZUM-?!“. Michael schaute mich verdutzt an, kaute aber gemütlich weiter. „Ich hab gar nicht gemerkt, dass du ein Hörnchen isst. Ich habe angenommen — ohne groß darauf zu achten — dass du ein Brötchen essen würdest. Ich scheine wirklich müde zu sein.“ In ruhigem Ton erklärte mir Michael: „Nun, das ist so: Ich war eben beim Bäcker und bestellte ein belegtes Brötchen. Der Bäcker fragte mich, ob es sonst noch etwas sein dürfte und ich entgegnete „Mh, ja, ich hätte gerne noch ein Croissant.“ Und so kam es, dass in meiner Tüte sowohl ein Brötchen war — was ich bereits aufgegessen habe — sowie dieses Croissant, das ich gerade esse.“
  • „Schlafen in der 1. Klasse“
    Auf dem Weg nach Rotterdam wechselten wir in Holland den Zug. Wir suchten einen schönen Platz und fanden ein leeres gemütliches Abteil, das aussah wie ein deutsches IC-Abteil mit gelbem Anstrich und orange-brauner Bepolsterung. Wir hockten uns rein und schliefen wenig später beide ein. Irgendwann wachten wir wieder auf. Ein Schaffner, der anscheinend schon mehrmals versucht hat uns wach anzutreffen, wollte unsere Tickets sehen. Er informierte uns darüber, dass wir nicht berechtigt seien, in der ersten Klasse zu residieren und schaute gleichzeitig zum großen weißen Aufkleber über der Tür. Große Teile des Aufklebers waren abgerissen, aber bei genauem Hinsehen konnte ich ein „1st“ ausmachen.
  • „Brüssel: Multikultur“
    Bemerkung fiel, nachdem unser Zug am dritten großen Bahnhof in Brüssel Halt gemacht hatte und wir einen ausreichenden Einblick in die Multikulturhaftigkeit Brüssels erlangt hatten.
  • „Eurostar“ [Steht nicht im Reisetagebuch, ist aber erzählenswert]
    Vor der Reise haben wir das Ticketkaufen gründlich abgesprochen; denn wir mussten die Strecke von Osnabrück nach Holland und zurück sowie die Strecke von Brüssel nach London und zurück extra buchen. Letztere Strecke muss extra gebucht werden, weil die Eurostar Group [jenes Unternehmen, das Fahrten von Paris über Brüssel nach London durchführt] keine Interrailmenschen einfach so mitfahren lässt (Mistkerle!). Wir haben also die Zeiten der noch zu buchenden Züge koordiniert; Michael hat einen Plan angefertigt, die Preise danebengepinnt und ich bin dann auf zur Bahn, um die Tickets zu kaufen.
    Bei Buchung der Eurostarzüge wurde die pummelige Bahnfrau stutzig: „Diese Verbindung kriegen se aber nicht für 150€!“ — „Was?“ — „Die Preise, die hier stehen, sollen doch für sie und ihren Freund gelten, richtig?“ — „Ja, schon..“ — „150€ ist der Preis für eine Person pro Fahrt.“ — „150€ pro Person?! Heftig!“ — „Wollen sie den Zug nicht mehr buchen?“ — „Mh.. doch, doch. Ich schätze er [Michael] hat sich verlesen und das falsch übertragen. Das ist schon richtig so.“
    Ich wusste nur noch, dass der Eurostar die günstigste Alternative war. Eine Fähre oder gar ein Flieger wäre bei unserer spontanen Reiseplanung wesentlich teurer geworden.
    Als ich zu Hause war, stellte sich heraus, dass wir doch mit 75€ pro Person pro Richtung gerechnet hatten und eben dieser Preis auch auf der Homepage für den gewählten Zug unter der Kategorie „Interrail-Rabatt“ gelistet war.  Ich habs verbockt.
    Wir hatten noch die Möglichkeit die Tickets zurückzugeben — ich hab extra vorher nachgefragt. Ich rief bei Eurostar an, Michael bei der Bahn; wir erfuhren, dass wir 150€-Tickets bekommen haben, weil das DB-Kontingent für Interrailrabatte bei dieser Verbindung erschöpft sei.
    Auf der Homepage wurden die Tickets, wie gesagt, noch zu den günstigen Rabattpreisen angeboten. Also mussten wir nur dort welche bestellen und die teuren zurückgeben. Problem: „zahlbar mit Kreditkarte“.
    Wir haben aber keine scheiß Kreditkarte!
    Michaels oder meine Eltern auch nicht.
    Ich kenne überhaupt niemanden, der eine besitzt!
    Michael fragte rum und erfuhr, dass Patricks Vater eine hat und uns aushelfen würde. Wir stießen schnell auf ein weiteres Problem: der Kreditkarteninhaber muss beim Kauf persönlich vor Ort (heißt: Brüssel) sein. Bestellung per Internet oder Telefon mit Abholung in Brüssel war nicht möglich.
    Also fuhren wir mit den teuren Tickets los.
    In Brüssel angekommen, hatten wir einige Stunden Aufenthalt, in denen wir zuallerst versuchen wollten die Tickets vor Ort umzutauschen. Ich ging zuversichtlich zum Eurostarschalter am Bahnhof; neben mir der nicht zuversichtliche Michael. Nach Verständigungsschwierigkeiten und „ich frag mal meine Kollegin“-Eskapaden erhielten wir ein „Ich glaube nicht, dass das geht. Aber falls es doch gehen sollte, sind wir eh nicht dafür verantwortlich. Bitte gehen sie ins TravelCenter™“ [Natürlich war der Dialog auf Englisch, ich übersetzte nur :)].
    Wir gingen ins TravelCenter™. An einem Terminal wählten wir als Beratungssprache ‘deutsch’ (!), zogen eine Nummer und warteten. Wenig später waren wir an der Reihe. Ich brachte erneut unser Anliegen — diesmal auf deutsch — vor; der Mann betrachtete unsere Bahntickets und sprach: „Das sind aber keine Eurostartickets.“ — „Ne, das sind Eurostartickets von der Deutschen Bahn.“ — „Mhm“, sagte er mehr zu sich selbst und dann — den Blick auf uns gerichtet: „Kleinen Moment, ja?“.
    Wir beobachteten den Mann wie er mit einem wichtig aussehenden Typen sprach, nach links wuselte, wieder nach rechts an uns vorbeiwuselte und in einem Raum verschwand.
    „Ich glaube, das klappt.“, sagte ich fröhlich zu Michael. „Wieso?“ — „Na, es dauert lange.“ — „Und? Ich glaube, der Typ hat uns einfach nicht verstanden und ist jetzt irritiert.“ — „Dann braucht er aber nicht andere Menschen fragen, was wir meinen könnten. Der erledigt das für uns!“
    Er kehrte wieder, sagte aber nichts zu uns; er tippte nur auf seinem PC rum. Der danebenstehende Drucker nahm die Drucktätigkeit auf, woraufhin er wieder verschwand.
    „Siehst du? Es klappt! Er druckt Tickets für uns.“ — „Woher willst du wissen, dass die für uns sind?“ — „SICHER… er bedient, während wir hier stehen, andere TravelCenter™-Kunden, weil wir ihn anöden.“ — „Ich glaubs auf jeden Fall erst, wenn ich die Karten in der Hand halte.“
    Der Mann kehrte erneut zurück, nahm die Tickets weg, verschwand wieder, zeigte sie dem wichtig aussehenden Menschen weiter hinten, kehrte wieder-wieder zurück, legte uns die Tickets hin und zahlte uns 95€ aus, was er nach Abschluss dieser Tätigkeit mit „So, bitte.“ kommentierte — die ersten Worte nach seinem „Kleinen Moment, ja?“. Er wies uns noch freundlich daraufhin, dass der neue Zug schon in 45 Minuten abfahren würde und man spätestens eine halbe Stunde vor Abfahrt einchecken müsse. Toll! Weniger Wartezeit im Bahnhof und Geld zurück bekommen (dafür hatten wir in dem Moment etwas Hektik — der Bahnhof ist recht riesig).
  • „Illegales Foto geschossen“
    Wir reihten uns rechtzeitig in die Schlange der eincheckenden Menschen ein, zeigten — als wir an der Reihe waren — unsere Tickets vor und ließen sie abstempeln… Dann passierten wir — wie auf einem Flughafen — ein kleines Personalausweiskontrollbüdchen, aufgeteilt nach „EU-Citizens“ und „non EU-Citizens“. Wir zeigten unsere Ausweise vor, gingen weiter und … erreichten noch ein solches Büdchen. Und noch eins. Ich war irritiert. Ein Posten trug ein englisches Wappen, ein anderer wird im Auftrag der belgischen Regierung rumkontrollieren… aber der dritte?
    Nachdem wir unsere Staatsbürgerschaft erfolgreich nachgewiesen hatten, kamen wir zu einer Metallschranke — Gepäck abgeben, röntgen lassen, Krempel aus den Taschen nehmen, röntgen lassen, durch Schranke gehen und auf nicht-piepen hoffen. WTF?!  Was muss man denn hier tun, um einen dämlichen Zug betreten zu dürfen? Ich zückte meine Kamera und fotografierte die Sicherheitsschranke.
    „Sir!“, rief eine Frau bestimmt und trat auf mich zu, „You are not allowed to take a picture of our secruity border!“ Köhli trat hinzu und wirkte irritiert. Die Frau begriff, dass wir uns kannten und ich die Schranke in dem Moment ablichtete als Michael sie durchschritt. „Wenn Sie ihren Freund fotografieren möchten, können sie das hier drüben-“, sie zeigte nach links, „- oder dort drüben-“, sie zeigte übertrieben stark nach rechts,“ -tun. Aber die Sicherheitsschranke dürfen sie nicht fotografieren. Das sind unsere Sicherheitsbestimmungen. Ich muss Sie nun auffordern das Foto vor meinen Augen zu löschen.“
    Ich tat wie geheißen. Sie beugte sich stark über das Display der Kamera und beobachtete es aufmerksam. Sie lächelte zufrieden, wirkte etwas unsicher, entschuldigte sich für die Störung und wünschte eine „pleasent journey“.
    Wir gingen weiter den einzig möglichen Weg entlang und während ich nichts weiter als W-T-F denken konnte, murmelte Michael „Ich weiß, wie du das Foto wiederherstellen kannst…“ in mein Ohr. [Nein, ich hab es nicht gemacht :)]
  • „Back in my youth…“
    Köhli und ich spielten im prolligen-prolligen Eurostar-Zug von Brüssel nach London „Die Siedler — Das Kartenspiel“. Unsere englischen Zugsitznachbarn zeigten Interesse an dem Spiel. Sie sagten, dass ihre Bekannten sehr gerne das klassische „Settlers game“ spielen würden. Michael sagte „Back in my youth I used to play this game rea-“. Er brach ab und schaute mich irritiert an; denn ich habe angefangen zu lachen. Ich fands sehr komisch, dass Michael mit 19 Jahren diesen Ausdruck benutzte. Ich wiederholte lachend „Back in my youth..“, was für den männlichen englischen Sitznachbarn die Einladung zu einem schallenden Gelächter darstellte.
  • „Unterkunft gefunden!“
    Gutgläubig und in der festen Überzeugung, dass eine Hauptstadt immer ein warmes Bettchen für Reisende bereithält, kamen wir Samstag Abend in London St. Pancras an und machten uns — nach einer kurzen Stärkung — auf, eine Unterkunft zu suchen. Wir fingen bei Jugendherbergen und kleinen gemütlichen Bed&Breakfast-Stübchen an, nachzufragen. Wir sahen uns stets einer überraschten bis amüsierten Miene gegenüber, als wir versuchten für diesen Abend zwei Betten zu bekommen — alles belegt!
    Michael und ich arbeiteten uns preislich immer höher. Irgendwann wurden wir von einem Hotel, dass für die Nacht keine Betten mehr frei hatte, zum Holiday Inn geschickt. Es stank schon von weitem nach teurem Edelhotelschuppen, aber versuchen wollten wirs zumindest. In der pompösen Empfangshalle starrten wir auf das schlichte Preisschild: umgerechnet 123,30€ pro Person und Nacht. Angefangen haben wir bei gut 15€ pro Person und Nacht in einem Schlafsaal einer Jugendherberge.
  • „Dank an Travellodge King’s Cross“
    Unser Weg führte uns auch in das Travellodge in King’s Cross. Travellodge ist eine Hotelkette. Das Preisschild verkündete knapp 60€ pro Person und Nacht — alles belegt. Die Empfangsdame beschrieb uns den Weg zu drei Bed&Breakfast-Hotels und wünschte uns viel Glück. Wir waren tatsächlich von einer Hoffnungslosigkeit gepackt. Ich hatte — wie gesagt — die Nacht zuvor nicht geschlafen und Michael wiederholte auf dem Weg zu den B&B’s seinen Vorschlag mit der Bahn einfach in einen anderen Stadtteil — etwas weiter außerhalb — zu fahren, um sich dort mal ein wenig umzuschauen.
    Wir befolgten den Rat der Empfangsdame und fanden uns kurze Zeit später in einer kleinen Straße wieder; es war inzwischen ungefähr halb elf.
    Wir betraten ein B&B, das wir anfangs für ein Reisebüro gehalten hatten. Es hatte tatsächlich noch ein paar Zimmer frei — 50€ pro Person und Nacht. Nicht ganz unsere Preisvorstellung, aber wir waren nach viereinhalb Stunden Suche bereit dies in Kauf zu nehmen. Kurz bevor wir dieses Schätzchen entdeckt hatten, sprachen wir über Nettigkeiten und darüber, dass man mit lieben Freundlichkeiten Fröhlichkeit verbreiten kann. Zwischen „Taschen im Zimmer ablegen“ und „Zeug im Supermarkt kaufen“ setzten wir zuvor Besprochenes in die Tat um, gingen zurück in das Travellodge und bedankten uns überschwänglich.
  • „Ich fass es nicht! Jetzt muss ich mit nem Schwulen unter einer Bettdecke schlafen!“

    Doublebed

    Doublebed

    Der Typ an der Rezeption des B&Bs meinte kurz vor der Buchung, dass nur noch Räume mit einem „double-bed“ frei wären. Ich meinte, das sei kein Problem. Unter ‘double-bed’ verstand ich zwei aneinandergestellte Betten oder auch ein großes Bett — auf jeden Fall mit seperaten Bettdecken.
    Was wir vorfanden war ein großes Bett mit einer großen Decke.
    Michael rief den oben zitierten Satz, grinste und versuchte dann sicherzustellen, dass ich ihn damit nicht falsch verstehen würde.
    Tue ich nicht — Köhli ist und bleibt nunmal ein homohassender Klotz :)

  • „Engländer sind himbeeren- und marmeladenfixiert“
    Ergab rasche Untersuchung der beim Frühstück vorhandenen Toastbestreichmöglichkeiten.
  • „Shave light“
    Eine extra Leuchte im Badezimmer war mit ’shave light’ gekennzeichnet. Ich war davon fasziniert und hab es aufgeschrieben, weiß aber nicht mehr recht, was daran so toll war.
  • „50% der Koreaner spielen Keyboard in Kirchen“
    Kein Kommentar.
  • „Towel of London“
    Michael und ich lasen auf einem Plakat, das in der Jugendherberge hing, in der wir unsere zweite Nacht verbringen würden, dass die Herberge Spezialrabatte für viele Sehenswürdigkeiten Londons anbieten würde. Wir fragten einen klugen herumliegenden Flyer, wie viel der Eintritt in den Tower of London eigentlich (ohne Rabatt) kosten würde. Der Flyer verkündete „18 Pfund“.
    Wir gingen zum Schalter und Köhli fragte: „How much is the Tower?“. Der angesprochene Typ wühlte daraufhin für zwei Minuten in den Datenbanken seines Computers, bevor er einen Mitarbeiter fragte. Schließlich antwortete er „Three pound fitty“ — ich war baff. Ein leises Gefühl der Skepsis machte sich in mir breit. Michael fragte direkt skeptisch: „Ehm…  we are speaking about the Tower, right?“ — „Oh, the TowER! …I understood ‘towel’. The Tower is 17 pound.“ :)
    Wir ignorierten den mikrigen Rabatt, freuten uns zu wissen, dass man Handtücher leihen darf und erhielten direkt am Tower Einlass für 14 Pfund — Studentenrabatt.
  • „Walisische Polizei ist merkwürdig und nett.“
    So um ein Uhr (morgens) rum kamen wir in Holyhead (Wales) an. Wir wurden von einer übermüdeten Herbergsmitarbeiterin in unser sehr gemütliches Zimmer gelassen und stellten unsere Taschen dort ab. Ich schlug vor, dass wir noch ein wenig die Gegend erkunden und einen Strand suchen gehen sollten — schließlich würden wir am nächsten Tag mit der Fähre nach Irland übersetzen — dann muss irgendwo eine Küste auftreibbar sein! Wir liefen umher und fanden tatsächlich einen Strand; einen sehr wunderschönen Strand. Wir tapsten eine kleine Treppe herunter und gingen auf dem Sand dem Wasser entgegen und bewunderten den sternenklaren Himmel. Die Bucht ist unglaublich lang; das kommt auf folgendem Foto gar nicht so zur Geltung.

    wunderhübscher Strand! (Holyhead, Wales)

    wunderhübscher Strand (bei Tag)! (Holyhead, Wales)

    Irgendwann übermannte uns die Müdigkeit und wir wandten uns zum Gehen. Als wir auf die Treppe zugingen, sahen wir ein vorbeifahrendes Auto. Wir waren gerade die ersten Stufen der Treppe wieder emporgestiegen, als ein „Hey folks!“ hinter uns ertönte. Wir drehten uns um und sahen eine Frau und einen Mann, beide mit Taschenlampen und gelben Warnwesten bekleidet, die die Aufschrift „POLICE“ trugen.
    „What are you doing ’round here 2 ‘o clock in the morning?“ — „We… just wanted to take a look. We went for a walk and found this beach.“ — „Where are you going to go now?“ — „We want to go back to our hostel — we’re staying at the ACC.“
    Die Polizeifrau starrte die ganze Zeit auf ein am Strand geparktes Auto, während der Polizeimann uns befragte:
    „Could you identificate yourselves?“ Ich war scheiß-nervös und war mir sicher, dass der Strand Privatbesitz eines Campingplatzes sei o.ä. (malte mir sogar aus, dass die Polizisten uns jederzeit auffordern würden, sie aufs Revier zu begleiten). Wir zeigten unsere Ausweise vor, die der Mann unter dem Schein seiner Taschenlampge kritisch beäugte.
    „Oh, thats you… somehow.“, sagte der Beamte, nachdem er Michaels Passfoto mit Michael verglichen hatte und fragte weiter: „So, you are from Germany?“
    „Yeah, we just arrived in Holyhead.“
    „You want to go to Ireland, don’t you?“
    „Yep, we’re going to take a ferry tomorrow.“
    „‘Alright then. Sorry to bother you, have a nice stay.“
    „Oh, thank you.  It’s very beautiful here.“
    „You’re welcome.“
    Verdammt erleichtert kletterten wir den Rest der Stufen empor. Als wir oben angekommen waren, hatten die Polizisten bereits erfolgreich das am Strand geparkte Auto geknackt und musterten ein paar Taschen, die sie aus dem Wageninneren gezerrt haben.

  • „Oh, Jesus! This is CREEPY!“
    Am folgenden Tag buchten wir — wie der Polizei bereits angekündigt (ansonsten hätte es auch bestimmt Ärger gegeben :3) — eine Fähre nach Irland. Wir betraten die Fähre über ein Gateway und fanden uns in einem prächtigen Eingangsbereich wieder: glänzender Holzfußboden, riesiggroß, modern.
    Ich musste zunächst Michael davon überzeugen, dass wir uns wirklich schon auf der Fähre befanden. Es war zwar auch für mich der größte Klotz Schiff, in dem ich bislang gereist bin, doch Michael glaubte gar nicht erst, dass DAS wirklich schon Teil der Fähre sein konnte.
    Im nächsten Raum befanden sich viele Fenster. Es war der Restaurant- und Amüsierbereich — unzählige Tische, sehr viele Menschen, Empore, viel Holz, Teppich, am Rand viele Lädchen (darunter auch ein Burger King).
    Nachdem ich Köhlis plötzliches Verlangen nach einem „Ich-war-auf-einem-Riesenklotzschiff“-Beweisfoto nachgekommen bin, erkundeten wir das Schiff.

    Beweisfoto (man achte auf den verdutzt-skeptischen Gesichtsausdruck)

    Die Fähre nahm die Fahrt auf. Das Erkunden fiel mir schwieriger — der ganze Kasten wackelte plötzlich, mir wurde leicht schwindelig. Wir gingen zurück in den Restaurant- und Amüsierbereich und wollten Mittag machen. Auf dem Weg dorthin sahen wir einen Entertainer in niedlich-knuffigem Affenkostüm. „Ohh“, machte Michael, „na, Toby? Wie wärs? Du streichelst das Äffchen und ich mach ein Foto davon?“
    Mein Affen-streichel-Foto-Bedarf war nicht sonderlich hoch. Ich konnte ihn davon abbringen und wir setzten unseren Weg fort. Wir verliefen uns… auf einem Schiff!
    Als wir den Restaurant- und Amüsierbereich wiedergefunden hatten, war der Affenentertainer auch gerade dort. Wir streiften einen Tisch pubertierender Mädchen, an dem ein Mädchen ihren Blick auf uns richtete; der dann wieder an uns vorbeihuschte und das Äffchen traf. Sie rief ernsthaft angefressen zu ihrend Mitpubertierenden „OH, JESUS! This is CREEPY!“ :)

  • „Busfahrer positiv aufgefallen“
    In Dan Laoghaire angekommen suchten wir zunächst nach einer Unterkunft. Der kurze Spaziergang durch die Region um den Hafen/Bahnhof ließ uns kein „Hier! Übernachten! Toll“-Schild entdecken; also schauten wir in die Wo-Wie-In-Irland-übernachten Flyer, die wir im Hafen/Bahnhof eingesammelt hatten. Es war kein Hostel für Dan Laoghaire gelistet.
    Ich erinnerte mich daran im Hafen/Bahnhof eine Touristeninformation gesehen zu haben. Wir kehrten dahin zurück. Uns bot sich ein trauriges Bild:

    Touristeninfoautomat mit Out-of-order-Schild

    Touristeninfo geschlossen, daneben: Touristeninfoautomat mit Out-of-order-Schild

    Wir gingen in den Bahnhofsbereich und fragten einfach am Schalter nach. Mir wurde gesagt, dass wir am besten gleich nach Dublin fahren könnten (ca. 10 km). Hier würde es aber auch einige Unterkünfte geben, man käme vermutlich billiger irgendwo unter als in Dublin. Er beschrieb mir den Weg zum nächsten Hostel.
    Wir folgten der Wegbeschreibung und kamen schnell darauf, dass wir uns verlaufen haben müssen. Wir kehrten zum Bahnhof zurück und fragten schnell einen Busfahrer in seinem dort rumstehenden Bus.
    Der Typ war einfach extrem nett! Er würde sich nicht so gut in Dan Laoghaire auskennen und fragte, wo denn dieses Hostel sein soll. Ich versuchte mich an die Wegbeschreibung zu erinnern: „Ehm… he told me to follow this road for a few minutes. At the…. thrid crossover we should turn left and walk until we see a….“–  verdammt! Tankstelle… wie sagt man „Tankstelle“ auf englisch? — „until we see a tank station and-“. Ich stockte mitten im Satz als ich darüber nachdachte, was ich gerade gesagt hatte. „Panzerstation“?! Ist dir echt nichts besseres eingefallen als „PANZERSTATION“?! Der Busfahrer schaute mich skeptisch an und Köhli grinste breit. „Sorry… no, not a ‘tank-station’. ehm… how do you call the place where you can fill up your car with… fuel?“ — „petrol station.“ — „Alright, thanks. Until we see a petrol station. The hostel should be right beneath it.“
    Der Busfahrer wusste noch immer nicht, von welcher Tankstelle wir sprachen — wir ja auch nicht. Er benutzte sein Funkgerät, um einen Kollegen oder die Station zu fragen, wo es Hostels in Dan Laoghaire gibt. Erst funktionierte das Ding nicht richtig, dann machte er seinen Funkspruch (in dem er uns andauernd als ‘lads’ bezeichnete. Sowieso nannte uns jeder in Irland ‘lads’ — ich liebe Iren.); doch es nützte nichts. Keiner wusste so recht Rat. Das Busunternehmen hatte eigentlich nicht viel in dem Städtchen zu schaffen.
    Er machte uns ein Angebot: er wollte uns kostenlos zu einer Tankstelle mitnehmen, in deren Nähe — so erinnerte er sich plötzlich — irgendwo ein Hostel sein musste. Falls wir es uns anders überlegen würden, könnten wir ihm auch 2€ geben und nach Dublin mitkommen. Wir akzeptierten freudig das liebe Angebot.
    Während der Fahrt fragte er woher wir kämen und wohin wir unterwegs seien. Als er erfuhr, dass wir am folgenden Tag irgendwie nach Rosslare fahren wollten, empfahl er uns gleich ein tolles Busunternehmen, das täglich mehrere Fahrten dorthin unternehmen würde.
    An der tank-station stiegen wir aus und bedankten uns artig. Wir suchten recht unbeholfen nach dem Hostel und fanden es dann auch irgendwann (es stellte sich übrigens heraus, dass wir anfangs DOCH richtig gelaufen sind).

  • „When I was young I was a Jedi.“
    Im Hostel teilten wir uns ein 8-Bett-Zimmer mit zwei Mädchen, die auch Deutsche waren (aber reichlich unkommunikativ — also wars das schon an Informationen über die Mädchen!). Als ich am nächsten Morgen aufwachte, schaute ich auf das Lattenrost des Bettes über mir, in dem Michael schlief. Dort hat es jemand auf eine Latte geschrieben — neben vielen anderen Kritzeleien stand dort: „When I was young I was a Jedi.“ — wie schön, wie melancholisch!
  • „Gelbe Ampel“
    Tatsache! In Irland gibt es (vielleicht nur teilweise) eine gelbe Ampelphase für Fußgänger!

    Dun Laoghaire

    Gelbe Ampel! (Dan Laoghaire, Irland)

  • „Lions Club gesichtet“
    Grüße an Benjamin an dieser Stelle!
  • „Andrew & Marco“
    Wir fuhren von Dan Laoghaire nach Dublin, irrten hektisch durch die Stadt, um den Bus nach Rosslare nicht zu verpassen und wurden schlussendlich doch noch in das überfüllte Vehikel gestopft. Einige Stunden später nahmen wir dann von Rosslare eine Fähre, in der übrigens Erwachsene (in diesem Falle Michael und ich), wenn sie Kindergerichte bestellen (weils günstiger ist und eh nicht viel Hunger vorhanden war), eine große Portion Kindergericht zum Erwachsenenpreis bekommen (Mistkerle!). Die Fähre brachte uns nach Fishguard in Wales, von wo aus wir schließlich noch einen Nachtzug nach Swansea nahmen.
    Wir planten — wie immer — diese Verbindung erst am Morgen (manchmal planten wir sowas auch am Vorabend). Nach sehr viel hin und her haben wir uns auf diese Verbindung geeinigt und wussten schon im Vorfeld: wir kommen gegen halb vier in Swansea an und suchen eine Unterkunft, die uns dann noch einlässt.
    Am Hafen in Rosslare fiel uns ein, dass es frustrierend werden könnte, wenn wir Nachts durch Swansea irren und verschlossene Hostels anschauen müssten. Also gingen wir direkt im Hafen wieder ins Internet — und das zum teuersten Tarif der ganzen Reise: 1€ für 10 Minuten Internet.
    Ich schrieb mir einige Nummern von Hostels und kleinen Hotels in Swansea auf, die Michael diktierte,  und rief sie in der Fähre an.
    Ein Hotel weigerte sich uns so spät noch aufzunehmen, ein weiteres erklärte sich bereit, war aber zu teuer.
    Und dann rief ich Marco an; Marco vom Glevdon Park Hotel.
    Marco sagte mir, dass er noch ein Plätzchen frei hätte und uns auch um 4 Uhr rum die Türe öffnen würde. Allerdings hätte er nur noch ein Familienzimmer mit vier Betten frei, was uns selbstverständlich nichts extra kosten würde — ich sagte freudig zu.
    Nach Swansea kamen wir mit DEM kleinsten Zug:

    ein Waggon plus winzig kleiner Fahrerkabine links neben der Tür.

    Kompletter Zug: ein Waggon plus winzig kleiner Fahrerkabine links neben der Tür.

    Am Glevdon Park Hotel angekommen, öffnete uns der übermüdete Marco im Bademantel die Tür, gab uns die Zimmerschlüssel und erklärte noch einige Dinge.
    „Breakfast time is from 08:00 to 10:00. The breakfast is served in-“. Ich unterbrach ihn: „Ehm.. we are not too keen on getting up this early.“ Das brachte mich auf die Idee, dass wir dadurch vielleicht den Preis um ein paar Pfund drücken könnten. Er hielt dummerweise nichts von der Idee, bot uns aber netterweise an, uns am nächsten Tag zu einigen Flakes zu verhelfen. Wir sollten dazu einfach in das Frühstückszimmer kommen, nachdem wir eine ordentliche Mütze Schlaf gehabt hätten.
    Er meinte, dass unser Zimmer oben sei und wünschte uns eine gute Nacht. Wir gingen hoch, ich schaute auf den Schlüssel: „L“.
    HÄ? WIE ‘L’? Wir haben Zimmer L?
    „Du, Köhli?“, flüsterte ich ins kleine Hotel hinein, „auf unserem Zimmerschlüssel steht ‘L’.“

    Wir suchten nach Zimmer L, doch auf den Türen standen nur — Überraschung! — Zahlen. Bevor wir weiter ziellos durchs Haus wuselten, fragten wir lieber nochmal Marco, was es mit dem L auf sich habe.
    „That’s not an L, it is a 7.“ erklärte er uns. Wir standen ziemlich blöd da und verkrümelten uns wenig später in Zimmer 7.
    Am nächsten Morgen gingen wir runter in das Frühstückszimmer. Es war ein sehr hübscher kleiner Raum mit einigen kleinen runden bestuhlten Tischen. Vorne im Raum war eine Art Theke, wo wohl vor ein paar Stunden noch reichhaltiger Frühstückskrempel gestanden haben muss. Auf niedrigen Tischen stand eine Auswahl von ungefähr fünfzehn Sorten Cornflakes. Wir bestaunten die Sammlung als plötzlich Marco das Zimmer betrat.
    „Oi! What do you think you’re doing ’round here?“ blaffte er uns wütend an.
    Ich war irritiert. Und dann erkannte ich, dass es sich doch nicht um Marco handelte. Der Typ, der nun vor uns stand, war zwar ähnlich stämmig und hatte ein ziemlich marco-artiges Gesicht doch fehlte der Bart im Gesicht. Außerdem hatte er eine Glatze, was mir erst zu diesem Zeitpunkt auffiel. Ich fragte mich, ob sich Marco wohl rasiert hatte, während Michael dem Typ erklärte, dass er uns gestern Nacht zugesagt hatte, dass wir nach den Frühstückszeiten noch etwas essen könnten.
    „Ah, I get it now.“, sagte er weniger aggressiv, „that wasn’t me. I’m Andrew. My brother Marco made a little deal with you guys, eh? If he’d just tell me such things in advance I wouldn’t have to yell at guests. Sorry, lads. I’ll fetch ya some milk.“
    Wir frühstückten, packten unseren Kram und plauderten beim Auschecken noch eifrig mit den beiden Brüdern, die jetzt, wo sie beide neben uns standen, doch recht unterscheidbar wirkten. Nachdem sie uns dann noch den Weg zum Bahnhof erklärt hatten und wir ihnen kräftig Geld in die Hand gedrückt haben, verließen wir das beschauliche Hotelchen.

  • „Bangles & Mash“
    Wir machten uns vom „Andrew & Marco“-Hotel auf den Weg zu meinem Tantchen Rosie nach Colwall. In Hereford hatten wir noch so einiges an Zeit, bevor der Zug nach Colwall abfahren würde. Also gingen wir in einen Supermarkt, kauften Zeug und aßen im Imbiss-im-Supermarkt etwas typisch britisches: Bangers & Mash — Würstchen & Kartoffelbrei.

    wikipedia commons

    Quelle: wikipedia commons

    Mit Erbsen. Übrigens. Also „Würstchen & Kartoffelbrei mit Erbsen“.
    Ein paar Stunden später waren wir bei Tantchen zu Hause, die uns zum Essen eingeladen hat. Das alles lief unter anderem unter dem Fähnchen „Damit ihr auch mal in den Genuss der englischen Küche kommt.“
    Michael prahlte stolz mit dem Mittagessen: „Oh, wir haben heute schon was richtig englisches gegessen: ‘Bangles & Mash’!“ Meine Tante prustete los. Ich habe nicht kapiert, was so witzig daran sein soll. Sie fragte direkt noch halb lachend ihren Mann: „Do you know what Michael and Toby had for lunch? Bangles & Mash!“
    Auch mein Onkel lachte sein trockenes Lachen und Tantchen klärte uns endlich auf: „Es heißt ‘Bangers & Mash’. ‘Bangles & Mash’ wären Armbändchen und Kartoffelbrei.“
    Ich hatte direkt ein sehr lebhaftes Bild von Armreifen, die liebevoll in einen Haufen Kartoffelbrei gesteckt wurden, vor Augen.

  • „Frühlingsanfang am 20. März“
    Die Reise zu Tantchen wollte gut geplant sein. Sie hat an Frühlingsanfang Geburtstag. Entweder hätten wir also ein kleines Geschenk besorgen und uns zur wie-auch-immer gearteten Fete selbst einladen können oder aber wir hätten uns da raushalten können und einfach einen Tag früher erscheinen.
    Wir entschieden uns fürs Raushalten.
    Wir waren gerade in ihrer gemutlichen Behausung angekommen und waren in ein erstes Gespräch vertieft, als meine kleine Cousine das Zimmer betrat und stolz verkündete, dass der Kuchen fast fertig sei.
    Tante: „Jah, meine kleine Tochter übt sich erstmals im Kuchenbacken.“
    Ich: „Ach, für morgen?“
    Tante: „Was ist morgen?“
    Ich: „Dein Geburtstag?“ Ein ungutes Gefühl machte sich in mir breit.
    Tante: „Ich hab heute Geburtstag.“
    Ich: (spontane Reaktion) „Nein!“
    Tante: *hebt die Brauen
    Ich: „Du hast doch an Frühlingsanfang Geburtstag! Und der ist morgen..“
    Tante: *grinst* „Jah, weißt du… da streiten sich die Geister. Einige sagen, es sei der 21. März, andere wiederum der 20. März. Wie dem auch sei: Ich hab heute Geburtstag.“
    Ich: *schaue Köhli irritiert und leicht schuldig an
    Köhli: *Todesblick
    Ich: *wieder Tantchen zugewandt* „HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!“
  • „I spy with my little eye…“ [Steht nicht im Reisetagebuch]
    Im Pub waren meine drei Cousinen gelangweilt. Sie wollten um die Wartezeit zu verkürzen „I spy with my little eye“ spielen — die englische Version von „Ich sehe was, das du nicht siehst“. Es läuft auch übrigens etwas anders ab: nicht etwa „I spy with my little eye something that is yellow“ sondern „- something that starts with ‘p’“.
    Mein Onkel kann diesen Satz einfach mal sehr wunderschön britisch betonen — fand ich toll.
    Helen, die jüngste, fragte Michael nach dem Spielchen: „Michael, are you and Toby best friends?“. Ich schaute Michael interessiert an. Wir haben am Abend zuvor noch über das Konstrukt „bester Freund“ gesprochen, das nach seiner Ansicht auf einer langjährigen Freundschaft fußen muss. Bevor Michael, der zu diesem Zeitpunkt noch verdattert nach Worten rang, eine Antwort darauf geben konnte, sagte meine älteste Cousine zu Helen: „Oh, believe me… they are more than THAT.“, woraufhin sie mich keck angrinste.
    Ich hatte direkt den Satz „Okayyyy, long story short: I’m gay, he’s not.“ auf den Lippen, hab mich aber nicht getraut ihn auszusprechen. Die wissen nicht, dass ich schwul bin (aber jetzt können sies ja im Internet nachlesen oO“).
    Michael sagte: „To make this clear: we’re not in love with each other.“ Meine Tante schloss resigniert ihre Augen und sagte langsam: „At this point I have to apologize for my children.“
    Ich fands nicht entschuldigenswert. Im Gegenteil fand ich es total putzig, dass Helen diese Frage gestellt hat und erwünschenswert direkt von meiner älteren Cousine, dass zu sagen, was sie annahm.
  • „Kartoffelpüree ist die Spezialität der britischen Inseln“
    Ich habe noch nie so gutes Kartoffelpüree gegessen wie auf den britischen Inseln. Köhli hatte sogar in Dan Laoghaire „prolliges Püree“ mit Sternfrucht und was-weiß-ich-noch-alles drapiert.
  • „Es heißt ‘Wuhster’!“
    Man sagt ‘Wuhster’, nicht ‘Wöhrtschester’, wenn man sich auf die Stadt Worcester beziehen möchte. Tantchen hats klargestellt. Damit hat Köhli gewonnen.
  • „WLAN in Zügen! Applaus!“
    Isso!
  • „Bettler absorbieren Liebe“
    Am Tag nach dem Besuch bei Tantchen gings nach Penzance in Cornwall, was ich aus irgendeinem Grund immer ‘Kekschenstadt’ nannte. Der Name hatte mich irgendwie an Kekse erinnert.
    Wir kamen nach langer Zugfahrt in Penzance an und stellten uns prompt an die Promenade, um die Aussicht zu genießen.

    Penzance, Cornwall (England)

    Penzance, Cornwall (England)

    Als wir dort standen und aufs Meer schauten, wurden wir von hinten angesprochen. Da saßen zwei Typen, die wir vorher gar nicht bemerkt hatten. „Hey, do you spare some change? We’re really hungry.“ Köhli sagte ihnen, dass sich das gut treffen würde. Wir hätten nämlich auch Hunger und würden sie einladen. Ich war überrascht, dass er sie gleich einladen wollte. Der eine Bettlertyp meinte, falls wir Hunger hätten, sollten wir zu dem tollen Pasty-Shop die Straße rauf gehen (Pastys sind lustige, gefüllte Blätterteigtaschen). Michael fand die Idee sehr gut und sagte den Typen zu, dass wir ihnen zwei Pastys ausgeben würden und dass sie jetzt mitkommen sollten.
    Sie wollten aber nicht mit. Ich verstand Michaels Plänchen. „I thought you are really hungry…“ sagte ich skeptisch. „Oh, we are!“, versicherte der andere Typ, „we just want to absorb the love of this beautiful landscape a little more, don’t we?“
    Köhli erklärte, dass wir ihnen entweder jetzt eine Pasty ausgeben würden oder gar nichts. Ich gab den Menschen etwas Kleingeld, was ihnen aber nicht reichte — sie lehnten es ab.
    Wir wünschten ihnen noch viel Spaß beim Absorbieren und gingen essen.

  • „Busfahrer in Doppeldeckerbussen erzeugen pro Stunde 50 gefühlte Unfälle“
    Von Penzance aus nahmen wir einen Bus nach Land’s End. Es war nicht unsere erste Fahrt in einem Doppeldeckerbus. Wir hatten schon zwei Stück in London, sowie zwei in der Republik Irland. Es war schon total merkwürdig genug an den Linksverkehr zu gewöhnen, doch hinzu kam das ständige Gefühl „wir fahren sofort irgendwo gegen“. Ich hab mich in London und Irland ein paar mal deswegen erschrocken, jedoch war das nichts im Vergleich zum Busfahrer, der uns nach Land’s End brachte. Er nahm die rasantesten Kurven, scherte sich nicht darum falls Äste schallend am Dach entlangwuselten und wählte sehr kleine Landstraßen für die Fahrt. Andere Straßen gab es vielleicht auch gar nicht. Trotzdem fuhr er in Straßen rein, an deren Beginn ein „Keine-Busse-auf-dieser-Straße-erlaubt“-Schild stand. Wir saßen selbstredend ganz vorne im zweiten Stockwerk und hatten ziemlich oft das Gefühl, dass der Busfahrer gerade einen Unfall gebaut hat, was nicht der Fall war.

    Land's End, Wales

    Der Lohn der Mühen: Land's End, England

  • „Bahntyp hält nichts von Bettlern“
    Wieder in Penzance angekommen, suchten wir einen Bankautomaten und etwas zu essen. Ersteres war ziemlich schwierig. Es standen hier und da welche rum, doch keiner akzeptierte unsere Karten. Wir fragten einen Fußgänger, ob es in der Stadt irgendwo ein Geldwechselgeschäft zu finden ist, woraufhin der Fußgänger meinte, dass die im Bahnhof Geld wechseln würden — ein paar Euro hatten wir noch — nur keine Pfunde mehr.
    Im Bahnhof angekommen stellte ich unbeholfen die Frage: „Could you change some money?“. Der Typ war etwas stutzig. Ich erklärte: „We asked a guy on the street whether there is a bureau de change in this city. He told us that you would change some money.“ — „I won’t give you anything! I don’t think much of beggars.“
    Er hielt uns für Bettler, die am Bahnhof nach Kleingeld („change“) fragten. Ich zückte einen 20€ Schein und erklärte, dass wir Geld hätten und in Pfund tauschen möchten.
    Endlich begriff er … und begann sich zu fragen, welcher Trottel uns gesagt hat, dass man am Bahnhof Geld tauschen könne.
  • „Köhli nicht aus Tschechien“
    Mit Geld im Gepäck (ein Bankautomat erwies sich als gnädig) gingen wir in einen Fish & Chips Imbiss. Das war reichlich.. kompliziert.
    Wir betraten das Geschäft, gaben unsere Bestellung auf und gingen durch eine Tür in einen kleinen Raum mit Sitzgelegenheiten. Wenig später kam eine Frau auf uns zu. Sie war darüber irritiert, dass wir zuerst etwas bestellt hatten und uns dann einfach dort hinsetzten. Sie erklärte, dass man die Gerichte, die man drüben bestelle, mitnehmen müsse. Gerichte, die im Lokal (sitzend) verspeist werden können, würden sich zwar nicht groß von den anderen unterscheiden, aber teurer sein — Kosten für Besteck, Teller, Service, etc.
    Also gingen wir wieder in den anderen Bereich. Uns wurde angeboten, dass wir unsere Ladung Fish&Chips am Stehtisch verspeisen dürfen, was wir gerne annahmen. Auf der Theke stand eine Schale mit kleinen Ketchuptütchen. Ich nahm schon einmal zwei und steckte sie in meine Tasche.
    Wenig später fragte ein Typ hinterm Tresen: „Hey guys! Are you from the Czech Republich?“, was wir verneinten. Er war sehr überrascht, weil gerade Michael so aussehen würde, als käme er von dort. Tatsächlich war dies ziemlich bedeutsam für ihn. Erst als er wusste, dass wir aus Deutschland kommen, war er freundlich zu uns.
    Wir nahmen kurz darauf die beiden großen Packpapiere entgegen und aßen. Ich wunderte mich über die Riesenportion Pommes, die uns aufs Papier geklatscht worden sind und wollte noch zwei Ketchuppäckchen nachnehmen.
    Der Typ hinterm Tresen bellte: „Oi! Nothing’s for free in this world, man! 20 pence each.“
    Er lächelte, meinte, dass er uns mögen würde (denn wir sind ja nicht aus Tschechien [nein, das hat er in dem Moment nicht gesagt]) und, dass er daher uns beide Päkchen für 20p verkaufen würde. Ich bedankte mich und dachte mit schlechtem Gewissen an die beiden bereits genommenen Tütchen in meiner Tasche.
    Doch wenig später schaffte ich es die beiden Ketchuptütchen unbemerkt in die Schale zurückzuwerfen!

    Fish&Chips Imbiss in Penzance

    Fish & Chips in komischem Packpapier

  • „Am Vortag der Abreise Reisetipps erhalten.“
    Beim Essen betraten verschiedene Gestalten den Imbiss. Eine dieser Gestalten betrat das Geschäft als wir dem Typ hinterm Tresen gerade Auskunft darüber gegeben hatten, wohin unsere Reise als nächstes gehen sollte. Die Gestalt fing ein Gespräch mit uns an und gab uns kräftig Reisetipps. Ortschaften, Ruinen, Landstriche, die man auf einer Interrailreise durch die britischen Inseln nicht verpassen dürfe. Die Gestalt hätten wir etwas früher treffen müssen…
    Aber als wir ihm erklärten, wo wir alles gewesen waren, meinte er, dass wir . Er gab uns noch überflüssigerweise seine Visitenkarte und berichtete kurz über seinen Trip zu den Externsteinen (in Deutschland), bevor er wieder verschwand.
  • „Ziel: ‘Im Schlafwagen schlafen’ erreicht!“
    An diesem Abend nahmen wir den Nachtzug von Penzance nach London (knapp 500km). Der Zug fuhr um 22 Uhr ab und würde so gegen halb sechs in London ankommen. Es gab extra gemütliche Sitzplätze, die man hübsch weit zurücklehnen konnte, um in ihnen schlafen zu können.
    Wir setzten uns auf unsere Plätze und überlegten, ob wir wirklich so schlafen wollen würden. Schließlich fragte Michael nach, ob nicht noch ein Schlafabteil (mit Betten) frei sei und buchte ein freies. Das war nicht viel teuer als ein normales Hostel; trotzdem wurden wir fortan behandelt wie die Könige.
    „Das hier ist ihre Kabine, auf dem Flur ist die Toilette — und bitte kümmern sie sich nicht darum, ob wir gerade in einem Bahnhof stehen oder nicht — sie dürfen immer aufs Klo!“ [i.U. zu den 'normalen' Fahrgästen!]. Wir stellten unseren Kram in die kleine Kabine und erkundeten die vielen kleinen Vorrichtungen in ihr als der Schaffner anklopfte.
    „Ich kann sie morgen früh wecken, wenn sie möchten. Der Zug fährt um 5 Uhr 40 in London PDA ein, ich kann sie aber auch gerne erst um sechs Uhr wecken. Sie müssen den Zug bis 7 verlassen haben.“
    Wir wollten um 6 geweckt werden.
    „Sehr gerne. Was möchten sie morgen früh trinken? Einen Tee? Oder Kaffee? Vielleicht auch etwas Saft?“
    Heftigst! Ich bestellte einen Saft und Michael einen Tee, den wir auch am nächsten Morgen nach einem wirklich liebevollen Weckbesuch erhalten haben.
    Ich stellte mir das immer schon witzig vor in einem Nachtzug mitzufahren, hatte aber keine Ahnung, dass man Schaffners Liebling wird, wenn man eine Schlafkabine bucht.
  • „Engländer sind komisch, ca. 15x“
    Das habe ich im Eurostar von London St. Pancras nach Bruxelles Midi in das Notizbuch eingetragen, um uns daran zu erinnern, dass wir ca. 15 Situationen erlebt hatten, nach denen wir zur Schlussfolgerung „Engländer sind komisch“ gelangt sind.

Das war der zugegeben lange Eintrag über die einzelnen Notizbucheinträge. Für alle, die noch mehr Bilder sehen wollen, wartet eine Gallerie mit einigen kommentierten Bildern der Reise:
weiterlesen ‘Interrail’

21
Aug
07

Neun Live — Gewinne, Gewinne, Gewinne … für wen?

Wunsch Nummer 2 kommt von Lena K. aus O.!
Im Übrigen bin ich erstaunt, dass keine weiteren Wünsche geäußert wurden; das bedeutet, dass mein Blog euren Erwartungen vollkommen entspricht (Bedeutungsmöglichkeit 2: „Es geht euch am Arsch vorbei.“ wird ignoriert)!

Lena K. aus O. hat sich gewünscht, dass ich einen Eintrag über NeunLive schreibe. Wie packt man so etwas an?!
Ich dachte mir: „Jeder kann sinnlos auf 9Live rumhacken — du machst es sinnvoll!“. Und so war schnell die Idee geboren, dass ich 24 Stunden Neun Live Programm aufzeiche, anschaue und analysiere, um einen kompetenten Bericht abzuliefern.
Gesagt, getan…. fast! Ich habe doch beschlossen, dass es weitaus sinnvollere Dinge gibt, die ich in diesen 24 Stunden vollbringen könnte (z.B. das Volumen meines Schreibtisches berechnen — ein großer Spaß!). Im Endeffekt hab ich dann beides gelassen und in den letzten Tagen einfach mal ab und an ins Programm geschaut („Stichprobe“).
Ich leugne nicht, dass ich im Auftrag von Lena K. nicht zum ersten Mal 9live geschaut habe. Früher war es ein ganz angenehmes Kann-Man-Nebenbei-Laufen-Lassen-Programm. Wenn ich zum Beispiel vor dem PC saß und für Half-Life gemappt habe (eigene 3D-Level für ein PC-Spiel erstellen~), lief hin und wieder 9live. Ich weiß noch, dass es damals eine Show gab, in der Kandidaten gegen den Moderator „4 Gewinnt“ gespielt haben. Das war ganz nett anzusehen, wenn nichts anderes lief; wurde aber irgendwann langweilig und so musste doch das Radio herhalten.
9live änderte das Konzept. Es gab viel weniger Nicht-Anruf-Sendungen und weniger zeitaufwändige Spiele/Rätsel mit dementsprechend längeren Anruf-Phasen. Das wurde dann noch langweiliger und so schwor ich dem Sender dann (fast) ganz ab.

Jetzt wurde ich wieder wesentlich aktiver und bin wesentlich angepisster. Ich glaube einige Konzepte des Senders erkannt zu haben und will sie im Rahmen meiner Leserwünsche Kampagne vorstelle:

9live hat weiter die obige Strategie verfolgt: Man beginnt ca. um 12 Uhr mit „Call-In Shows“ und hört erst um 2 Uhr wieder damit auf. Zwischendrin gibt es eine halbe Stunde Pause durch das Zeigen von Wiederholungen der alten Show „Quizfire“. Ab zwei Uhr kommt dann Porno. Was „Porno“ genau ist, habe ich mir nicht angesehen. Es scheint sich jedoch um pornografischen Inhalt für heterosexuelle Männer zu handeln, die es sich Nachts um zwei gerne mit einer Familenpackung Tempos auf der Couch gemütlich machen. Dann geht es um sechs Uhr morgens mit „Dating Show“ weiter, wohl damit die einsamen Männer, die onanierfreudige vier Stunden hinter sich haben, eine neue Freundin finden können. Wer das schon für makaber-romantische Programmplanungspolitik hält, darf sich auf was gefasst machen: Danach kommt eine Astrologiesendung, eine Teleshopsendung und eine Reiseverkaufsendung. So kann man nach der durchwichsten Nacht eine neue Freundin finden, bei der Schaminin von der Astrosendung sich die ewige Liebe bestätigen lassen, der Frau ein praktisches siebzehnteiliges Messerset schenken und dann die Reise für die Flitterwochen klarmachen. Um das alles finanzieren zu können, geht es danach mit den Call-In Shows weiter.

9live hat weiter die Zeit reduziert, in der ein Anrufer weitere Anrufe verhindert und streckt nicht nur damit die Zeit, die vergeht bis ein neuer Kandidat in der Leitung ist oftmals bis ins Lächerliche. Was sind die anderen Hinhaltetaktiken, die verwendet werden, um den Zuschauer bei der Stange zu halten und ihm weiterhin einzureden, dass es spaßig sei Buchstaben zu Wörtern zusammenzubasteln, um danach ein Pappkarton mit 20€ in Empfang nehmen zu dürfen?

  • „Es ist noch niemand /niemand mehr wach“ oder „Alle sind draussen und genießen das Wetter“ etc.
  • „Niemand hat die Lösung.“ Witzige Geschichte: Als ich einmal beim Recherchieren mir wieder lang und breit anhören musste, dass die Redakteure im Hintergrund mit einer 16 Mann starken Truppe keine Lösung für das aktuelle Spiel finden könnten und der Moderator hingegen — knick-knack — fanatisch auf dem konsequenten Weiterspielen beharrte, schmiss ich Python an, hab den Genesis Corpus geladen und mithilfer einer Regular Expression 80 Lösungen für das aktuelle Wörtersuchspiel gefunden (Für Leute, für die „Phython“, „Corpus“ und „Regular Expressions“ böhmische Dörfer sind: Ich konnte ohne viel Federlesen mit Hilfer meiner Computerkiste 80 Lösungen für das Spiel finden). Die Lösungen wiederholten sich zwar teilweise, doch unter ihnen waren einfache Wörter wie „ihre“, „Kampf“, „Heer“ und „Herr“, die allen im Spiel festgelegten Regeln entsprachen.
  • „Wir können den Hot-Button nicht beeinflussen.“ oder „Wir können rein technisch zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Leitungen öffnen.“ (Kennt jeder das „Hot-Button“ und das „Leitungen“ Prinzip? Bei „Hot-Button“ Runden muss man in genau dem Moment anrufen, in dem ein Zufallsgenerator einen anscheinend direkt ins Studio durchstellen würde. Bei den „Leitung“ Runden muss eine von soundso-vielen Leitungen erwischen. Es scheint insgesamt um die 150 zu geben und einige von ihnen sind „geschaltet“). Das sind meine liebsten Hinhaltetaktiken!
    Warum soll es technisch nicht möglich sein weitere Leitungen zu „öffnen“? Warum unterwirft sich 9Live dem Hot-Button und beschreibt ihn als „nicht beeinflussbar“? Stattdessen — das ist ECHT mal witzig! — versuchen die Moderatoren mit Pseudo-Erklärungen die Zuschauer dazu zu bringen alle gleichzeitig nach einem Countdown anzurufen. Anscheinend kann so der Hot-Button beschwichtigt werden. Wer an so etwas glaubt, ist selbst schuld. Oder? Ist etwas wahres dran? In meinem Kopf bildet sich gerade eine Geschichte, die die Elemente „außerirdische, maschinelle Lebensform“ „menschliche Versklavung“, „Schamanismus“, „Maschinenmafia“ und „Matzebrei“ enthält.

Das traurige ist, dass diese Gewinnspielsendungen immer weiter ausufern. Nachts sieht man auf viel zu vielen privaten Sendern irgendwelche Moderatoren, die sinnloses Zeugs in die Kamera brabbeln. Ich staunte nicht schlecht, als ich letztens eine solche Sendung im Nachtprogramm eines Nachrichtensenders gefunden habe.

Eine Sache ist mir noch aufgefallen: Mehrmals (= nervig oft) wurde im Sendebetrieb erwähnt, dass 9live pro Monat mindestens 1.000.000 € an Gewinnen raushaut. Wenn man annimmt, dass 9live nur durch die Anrufe Geld verdient und mit diesem Geld nur die Gewinnauszahlungssumme wieder einspielen möchte, gehen im Monat mindestens 2.040.816 Anrufe ein (pro Anruf 49 ct.). Das sind bei 30 Tagen pro Monat 68.027 Anrufe täglich. Wenn man nun noch bedenkt, dass 9live seine Moderatoren, Redakteure, Kameramänner usw. sowie Nebenkosten, Equipment, Steuern bezahlen muss und nebenbei noch Geld verdienen will…

Die Telefon-Gewinn-Szene boomt. Jede kleine „Die 100 schönsten Herbsthits Schleswig-Holsteins zwischen 1971 und 1983″ Sendung verdient ihr eigenes, kleines Gewinnspiel, auf das mindestens siebzehn Mal während dieser hingewiesen werden muss. Manchmal darf man als Zuschauer sogar, während man ein Auto zu gewinnen versucht, den neuen Superstar oder das neue Topmodel Deutschlands bestimmen. Repräsentativ? Nein, aber bringt mächtig Kohle!
Der Boom an diesen Telefon-Gewinn-Dingen ist also sehr profitabel für die Sender. Ich hab eigentlich kein Problem damit, wenn die Tatsache, dass solche Sender/Sendungen rentabler sind als gelegentliche Werbeeinblendungen nicht so verdammt viel über die allgemeine Intelligenz aussagen würde.
Ist die Schlussfolgerung richtig? Sagt das Fortbestehen von 9Live & Co. aus, dass die allgemeine Intelligenz sinkt?
Vielleicht. Aber es kann auch gut sein, dass bei einem Sender wie 9Live ganz fies falsche Erwartungen erzeugt werden und man mit Aussicht auf schnelles Geld sich als Zuschauer leicht in die Irre führen lässt.

Warum glaube ich das? Ganz einfach: Ich habs getan. Ich hab bei 9Live angerufen. Ich bin zwar überhaupt nicht Stolz drauf, das öffentliche Geständnisse kostet mich Überwindung und es ist bestimmt auch schon ganz lange her, aber ich möchte es gar nicht erst großartig rechtfertigen.
Ich hab da angerufen. Deshalb möchte ich glauben, dass der Erfolg von 9Live nichts mit allgemeiner Dummheit zu tun hat.
Im Endeffekt wird beides wahr sein, so befürchte ich. Gehören ja schließlich immer zwei dazu~
Das ist auch der springende Punkt: Niemand zwingt einen dazu einen anzurufen. Allein die Zuschauer entscheiden über Erfolg oder Verfall solcher Sendungen / Sender.

11
Jul
07

Kost’ ja nix!

Willkommen, willkommen, willkommen nach langer Pause zu diesem Eintrag über eine der wohl merkwürdigsten Begründungen, die ich kenne.

Was ist „Kost’ ja nix.“? „Kost’ ja nix.“ ist jene finale Kausalaussage (nicht verwechseln mit „kausaler Finalaussage“!), die immer dann zu Tage kommt, wenn dem Argumentierenden nichts besseres mehr einfällt.

Typischer „Kost’ ja nix.“-Dialog:
„Soll ich in meiner Bewerbung erwähnen, dass ich ein Semester lang einen Spanischkurs belegt habe ?“ — „Steht da irgendwas von ‘Sprachen die ich teilweise bis fast gar nicht beherrsche’?“ — „Ähh… nicht direkt.. Soll ich oder soll ich nicht?“ — „Lass es bleiben. Wenn ich die Bewerbungen durchsehen müsste und jemand hätte unnötige Nebeninformationen angebracht, wäre ich angenervt.“ — „Meinst du? Hm… ich schreibs einfach mal hin – kost’ ja nix!“

Dieser Dialog hat tatsächlich so ähnlich stattgefunden. Noch ein Beispiel:

„Wollte Lars dir nicht eine Empfehlung für die Stelle ausschreiben?“ — „Ähm.. ja, warum?“ — „Schreib ihm doch mal ne E-Mail, um ihn daran zu erinnern.“ — „Warum sollte ich das tun? Er sagte mir er schreibt eine, also schreibt er auch eine.“ — „Naja… kannst doch trotzdem eine Mail schreiben – kost’ ja nix!“

Was diese Phrase aussagt? Eigentlich „Die Handlung so-und-so ist auszuführen, da sie keine negativen Konsequenzen mit sich bringen kann.“ Diese Behauptung trifft auf die Beispiele nicht notwendigerweise zu. Was ist, wenn der Arbeitgeber aus dem ersten Beispiel Spanier abgrundtief hasst und die Vorliebe der Bewerberin für die Sprache als Grund ansieht sie NICHT einzustellen?

Aber halten wir uns nicht mit – hoffentlich – unwahrscheinlichen Erbsenzählereien auf. Was mich tatsächlich stört ist die egoistische Sichtweise, die hinter dieser Aussage steckt: „Ob die fragwürdige Handlung mir einen Vorteil verschafft, ist ungewiss, jedoch kann sich meine Lage nicht verschlechtern, wenn ich die Handlung ausführe.“ Der arme Arbeitgeber, der sich einen Haufen Bewerbungen durchlesen muss, in denen 70% der Informationen unwichtig sind! Und der arme Lars, der täglich siebzehn Erinnerungsmails bekommt, er solle doch fein auf die Empfehlungsschreiben Acht geben!

In manchen Fällen ist es berechtigt vermeintlich unnötige Handlungen auszuführen. Denkt man zum Beispiel an wiederholtes Befragen von Krankenhauspersonal, wenn man sich um einen lieben Menschen sorgt, der krank geworden ist. Doch wie kann ungerechtfertiges von gerechtfertigem eventuell-sinnlos-Handeln unterschieden werden? Bei letzterem spricht niemand von „Kost’ ja nix!“.

Wer meinen Ärger nicht mit mir teilt und darüber nachdenkt zukünftig nicht mehr dieses Blog zu besuchen, dem sei gesagt: „Warum damit aufhören? Es kost’ ja nix!“

19
Jun
07

Ich hab noch immer blaue Flecken

Vorgestern, am Sonntag den 17.06., stand ich auf dem Platz vorm Völkerschlachtendenkmal in Leipzig. Meine Hände schmerzten wie kaum jemals zuvor; doch trotzdem gab ich mir unablässig einen Ruck noch einmal meine beiden leidenden Gliedmaßen aneinander zu schmeißen. Sie fühlten sich gar nicht mehr wie Hände an, viel eher wie zwei fremdartige Wucherungen, die auf schmerzvolle Weise ihre Verbindung zu meinem Körper demonstrierten.

Doch fangen wir von vorne und ganz geordnet an! Ich wollte mit meiner guten Freundin Madeleine das Rosenstolz-Konzert in Leipzig besuchen. Ich fuhr am Samstag los, würde Montag wieder abreisen und konnte bei Madeleine übernachten. Die Reise war sehr schön, der restliche Samstag auch. Ich hab sogar den italienischen und polnischen Beitrag zur Pyrotechnickweltmeisterschaft gesehen (wusste gar nicht, dass es so etwas gibt!).

Am Sonntag war es dann so weit! Wir waren schon eine halbe Stunde vor Einlass am Denkmal. Etwa hundert Dutzend kamen auf die selbe, glorreiche Idee. Wir bekamen trotzdem sehr gute Plätze – vor uns standen sich vielleicht zehn Reihen die Beine in den Bauch. Meine Größe erwies sich als richtig nützlich (bin 1,95m groß)! Maddy mit ihren fast schon kümmerlichen 1,65m beteuerte aber ebenfalls genug sehen zu können.

Die erste Vorband, „Michme“, spielte (Ja, man glaubt es kaum. Rosenstolz haben heutzutage schon zwei Vorbands!). Sehr schöne Punk-Rock-Pop Musik. Flüchtige Blicke nach hinten, verrieten, dass wir uns genau den Zeitpunkt unmittelbar vor der großen Menschenmassenflut für unsere Ankunft ausgesucht hatten.

„Michme“ verabschiedeten sich und „Panda“ kamen auf die Bühne. Himmel! Die Sängerin hat vielleicht mal eine Stimme! Hab gleich eine neue Freundin gewonnen. Das Album wird auch vorbestellt. Interessierte mögen sich auf www.allespanda.de das aktuelle Video „Jeht Kacken!“ anschauen. Maddy und ich bemerkten, während die Sängerin auf der Bühne im übelsten Berlinerisch vor sich hingrölte, dass wir uns den falschen Platz ausgesucht haben. Ein paar Meter weiter rechts wippten die Menschen fröhlich mit und freuten sich auf das bevorstehende Konzert. Und was hatten wir? Nur ein „Hoffentlich war das die letzte Nummer!“ oder „Genau! GEHT KACKEN!“ drang aus den Mündern der Menschen, die sich hinter uns aufgebaut haben und allesamt mindestens zehn Jahre älter waren als wir. Madeleine und ich hofften auf Vorbandmuffel und ignorierten die Nörgler hinter uns.

Doch was tun, wenn sich neue Nörgler von anderen Nörglern magisch angezogen fühlen und die wiederum ihre Existenz direkt bemerkbar machen? Auf einmal verspürte ich nämlich ein penetrantes Tippen an meinem linken Oberarm. Ich wandte mich um und ahnte fürchterliches.

„JUNGER MANN, könnten sie VIELLEICHT mal einen Schritt ZUR SEITE gehen, damit WIR auch ETWAS sehen können?“ kläffte es aus dem Mund einer Frau, die kurz zuvor noch einen ganz netten Eindruck machte. „Achso, natürlich!“ gab ich zurück und wollte mich schon wieder umdrehen und die Bewegung ausführen, die von der Frau mit der wechselfreudigen Betonung gewünscht war, als plötzlich ein Mann neben der Frau leicht in die Hocke ging, sich an ihren Arm lehnte und sagte: „Oder vielleicht könnten sie in die Knie gehen..?“. Danach fing er zu lachen an, wie eben solche Menschen, die solche Witze reißen, immer zu lachen anfangen. Ich erklärte diese Aussage für die überflüssigste und unlustigste des Tages. Die Frau hingegen nahm seinen Witz als ernsthaften Beitrag zu der Diskussion und schlug mit Sonnenbrille an den Lippen und Dackelblick in den Augen etwas anderes vor: „Oder… sie könnten uns vielleicht vorlassen……..?“ .

Das lecker Berliner Mädschen setzte zum großen Finale des aktuellen Songs an und zog meine Aufmerksamkeit aus sich – es wurde eh zu laut, um sich mit nervigen Menschen über meine Größe zu debattieren. Ich machte einen Schritt zur Seite und erklärte Madeleine, was die Leute von mir wollten. Mit heftigem Augenrollen erklärte sie unsere Position zu einer nicht-wünschenswerten welchen. Ich jedoch sah das Problem als gelöst an und lauschte weiter den Melodien von Panda.

Zwei Lieder später jedoch wagte ich mal wieder einen Blick nach hinten, um mir die Menschenmassen hinter mir anzuschauen (die Masse wuchs hinterher auf 16.000 Menschen an). Die Frau schaute mich aufmerksam an. Ich blickte sie irritiert an – Fehler! „Könnten sie denn JETZT MAL einen MEHHTER nach links oder nach rechts machen. Wir-“, ich konnte für einen Moment nicht mehr zuhören und war vollends verwundert über ihre Formulierung „einen Meter nach links oder rechts gehen“, da auch nur ein einziger Schritt nach links ihr den Rest des eingeschränkten Blickfeldes rauben würde. „-der Rest von uns auch noch was sehen.“ schloss sie ihre wahrscheinlich wohlüberlegte Argumentationskette und ich tat noch einen Schritt beiseite.

RS Konzert2

Dann geschah es: Panda verließen die Bühne und Bühnenarbeiter schleppten Instrumente durch die Gegend. Rosenstolz ließen sich ganz schön feiern, bevor sie die Bühne betraten. Alle waren gespannt und aufgeregt. Ich war sogar so aufgeregt, dass ich den leisen Hauch einer schwächlichen Bewegung an meinem rechten Schulterblatt wahrnahm. Ich buchte es als Einbildung ab. Aber als es sich wiederholte, wusste ich, dass ich wieder gefragt war. Ich wollte mich gerade umdrehen, als ich hörte, dass ein Gespräch über mich schon längst angefangen hatte:

„Ja, vielleicht könnte er ja ein kleines bisschen nach links gehen…“ sagte ein Mann, dessen Stimme gut zu der schwachen Berühung passte – fragt mich nicht warum! „NEIN! DER bleibt DA, wo er IST. Da WO er steht, steht er GUT. Wir haben den schon EBEN DAHINGESTELLT!“ führte die wechselfreudige-Betonungsfrau ihr Recht des Ersten aus. Da sie schon von mir in der dritten Person sprachen, entschied ich mich gar nicht erst einzumischen, sondern lieber gespannt auf den Vorhang auf der Bühne zu starren. „Der ist ja auch mal grooohhhhß….“ sagte die schwächliche Männerstimme, die daraufhin etwas Kraft gewann, als sie erheitert sagte: „Der wäre bestimmt n guter Leuchtturm!“. Ich verspürte die unbändige Lust den Supersuperlativ zu erfinden und diese Bemerkung als die superüberflüssigste und die superunlustigste Aussage des heutigen Tages festzuhalten.

Doch ich war nicht wirklich angefressen. Erst recht nicht, als die Band die Bühne betrat und das Gekreische lauter wurde. Dann betraten auch AnNa und Peter die Bühne und stimmten „Ich geh in Flammen auf“ an. Schon war der ganze Ärger vergessen. Wem es was sagt: Rosenstolz haben sogar mal wieder einige ganz alte Nummern ausgegraben und spielten neben dem aus der Tour ‘06 bekannten „Nur einmal noch“, „Kassengift“ und „Soubrette werd’ ich nie“.

Als ich das Stück zum ersten Mal hörte, wünschte ich mir DAS mal live zu hören und an diesem Abend ging mein Wunsch in Erfüllung. „Soubrette werd’ ich nie“ war der erste Track auf dem ersten gleichnamigem Album, dass 1992 zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Es ist vielleicht nicht das älteste Lied von Rosenstolz (–> „Niemehr niemals mit dir“), aber trotzdem eine richtig geile Nummer!

Rosenstolz gaben aber auch einen Ausblick auf zukünftiges und spielten zwei Lieder aus dem neuen Album, dass voraussichtlich im Frühjahr 2008 erscheinen wird. Eines davon wird „Blaue Flecken“ heissen, was eine Interpretationsmöglichkeit für den Titel des Blog-Eintrags bietet (Entweder das, oder es geht um die blauen Flecken, die meine Handinnenflächen zieren).

Ich hab mich spontan in dieses Lied verliebt!

„Ohne dich dreh ich durch
Halt mein Herz in der Hand
Und ich werfs dir hinterher
Fang es auf
Halt es fest
Oder schmeiß es einfach weg
Vielleicht brauch ichs ja gar nicht mehr
…Ich hab noch immer blaue Flecken.“
– Rosenstolz

Rosenstolz haben es auf diesem Konzert wieder einmal geschafft, dass während eines Liedes plötzlich Teile meines Körpers stark und trotzdem angenehm zu kribbeln anfingen (Kopf, Oberarme und Oberschenkel) und ich mich dann mit diesem Lied sehr stark verbunden fühlte. Dieses Mal handelte es sich um „Willkommen„.

Viele weitere Songs lösten magische Momente aus und machten den Abend zu einem unvergesslichem Erlebnis. Ich könnte wohl noch Seiten mit dem Konzert füllen, aber ich bin darüber besorgt, dass ich Euch dann langweilen würde.

RS Konzert1

Einige von Euch – vornehmlich CogScis – werden sich fragen, wie ich mir die Zeit dazu nehmen konnte. Samstag, Sonntag und Montag gar nichts tun? Und das so „kurz“ vor Semesterende?

Aber ich kann euch beruhigen: Es war nicht einfach für mich. Am Freitagabend habe ich bis tief in die Nacht Computer Linguistic gemacht. Im Zug habe ich am Philosphy Essay gewerkelt und als ich Montag wiederkam, brachte ich die folgende Nacht mit Informatik zu. Was dazu führte, dass ich armes kleines Ding tatsächlich keinen Schlaf fand und nun seit nunmehr fast 30 Stunden wach bin.